Lena Meyer-Landrut am Freitagabend bei ihrem Auftritt in Stuttgart Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Lena, einst Deutschlands bekanntestes Mädchen, zeigt im ausverkauften Wizemann in Stuttgart große Identitätsprobleme. Ihr Konzert erweist sich als Drama der Unentschlossenheit.

Stuttgart - Und am Ende stimmt sie auch noch Weihnachtslieder an: Was als besinnlich-familiärer Höhepunkt gedacht ist, erweist sich lediglich als Schlussakt in einem Drama der Unentschlossenheit. Lena Meyer-Landrut, einst Deutschlands bekanntestes Mädchen, weiß nicht, wo sie hin will. Ihr neues Album hat sie erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben, die dazugehörige Tournee gleich abgesagt. Warum sie dann trotzdem noch mal mit einem Album von 2015 Konzerte gibt? Gute Frage. Sie war jedenfalls nicht mit den neuen Songs zufrieden, erzählt sie dem ausverkauften Wizemann mit belegter Stimme. Und gäbe es von den letzten Konzerten dieser Tour nicht zahlreiche Videos, die sie mit derselben belegten Stimme und den sorgsam einstudierten Sätzen zeigen, man hätte es ihr fast geglaubt.

Lena will in 100 Minuten sehr viele Rollen spielen

Einfach ist es nicht, Lena zu sein. Auch sieben Jahre nach ihrem Triumph beim Eurovision Song Contest trägt sie immer noch die Altlasten dieser Zeit mit sich herum. Sie will nicht mehr das gerade mal volljährige Mädchen sein, dessen seltsamer Akzent bei „Satellite“ die einen verzückte und die anderen belustigte. Allein, was sie sein will, scheint sie selbst nicht so recht zu wissen. Sie will melancholische Künstlerseele, unbeschwerte ABF, Allerbestefreundin, reife Grande Dame und sexy Lady in Personalunion sein, und all das während gut 100 Minuten. Da bleibt natürlich viel auf der Strecke. Das vornehmlich sehr junge Publikum sieht eine heute 26-jährige Lena in einem golden schimmernden Outfit, flankiert von Begleitmusikern, die beinahe Big-Band-Umfang annehmen und dennoch überwiegend so leise spielen, dass man sich selbst direkt vor der Bühne mühelos unterhalten kann. Sollte man bei einem Konzert natürlich nicht.

Mit dem Song „Satellite“ verbindet sie eine Hassliebe

Mit ihrem von Stefan Raab initiierten Sieg beim Grand Prix wurde Lena ein Stück weit deutsches Allgemeingut. Jeder will seither mitreden, jeder hat eine Meinung, jeder findet sie auffallend dünn oder eben auffallend schön. Je nach Perspektive. Sie selbst weiß, dass sie ohne „Satellite“ nicht hier wäre, singt den Song dennoch (oder gerade deswegen?) ohne allzu viel Begeisterung. Eine Hassliebe. Routine ist Trumpf, darunter leiden auch die Ansprachen, die sie alle paar Songs sitzend am vorderen Bühnenrand hält. Was spontan wirken soll, klingt merkwürdig einstudiert, eher nach einem Geständnis bei „Richter Alexander Hold“ als aus dem Leben gegriffen. Wahrscheinlich ist das bei einer Karriere wie der ihren ganz normal: Häufig flimmern Bilder über die Videoleinwand, die sie bei ihren Karriereanfängen, mit Stefan Raab, bei Fotoshootings oder Konzerten zeigen. Das wird schnell zur inszenierten Nabelschau.

Wo ist die Spielfreude, wo der Schwung?

Die wird von den 1 300 Gästen aber ebenso artig beklatscht wie die Best-Of-Auswahl ihrer Stücke. „Taken by A Stranger“ hat diesen unterkühlten Charme, dem man durchaus etwas abgewinnen kann, „Stardust“ wird von verträumten Mädchenkehlen mitgesungen, „Crystal Sky“ erweist sich auch live als lupenreine Popnummer US-amerikanischer Prägung. Irgendwie vermisst man aber die Spielfreude, den Schwung, den man mit solch einer ausgewachsenen Band locker evozieren könnte.

Vielleicht ist sie wirklich erschöpft, vielleicht waren die letzten sieben Jahre wirklich zu viel, vielleicht weiß sie, dass sie eigentlich ganz anders klingen will. Weshalb sie sich dann für eine halbgare Tournee entscheidet, anstatt einfach mal alle Termine abzusagen und in Ruhe ihr neues Album fertigzustellen, ist eines der großen Fragezeichen des Abends. Ein anderes ist: Will das überhaupt noch jemand hören, wenn es dann irgendwann mal erscheint?

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