Stefanie Stegmann. Foto: Petsch

Schon bevor Stefanie Stegmann die Leitung des Literaturhauses in Stuttgart übernahm, schwärmte ihr Vorgänger Florian Höllerer von Stegmanns „kreativer Programmarbeit“. Was er damit meinte, wird jetzt deutlich – zum Beispiel in den Reihen „Gefühlslagen“ und „Zwischenmiete“.

Schon bevor Stefanie Stegmann die Leitung des Literaturhauses in Stuttgart übernahm, schwärmte ihr Vorgänger Florian Höllerer von Stegmanns „kreativer Programmarbeit“. Was er damit meinte, wird jetzt deutlich – zum Beispiel in den Reihen „Gefühlslagen“ und „Zwischenmiete“.
Stuttgart – Frau Stegmann, bei Ihrer ersten Veranstaltung am Literaturhaus in Stuttgart ging es in der neuen Veranstaltungsreihe „Gefühlslagen“ um das Thema Angst. Entspricht diese Reihe dem emotionalen Soundtrack für Ihren Wechsel von Freiburg nach Stuttgart?
Die Monate, bevor ich hier angefangen habe, waren in vielfacher Hinsicht eine emotionale Achterbahn. Ich wollte eine Veranstaltung machen, in der ich mich wohlfühle, mit der ich mich identifizieren kann, die mich aber auch thematisch reizt. Annette Pehnts Erzählband „Lexikon der Angst“, mit dem wir die Reihe begonnen haben, schien mir als Abziehbild und zugleich augenzwinkernder Kommentar zu meiner gegenwärtigen Situation sehr geeignet. Auch weil ich damit die in Freiburg begonnene Auseinandersetzung mit dem Thema der Erforschung der Gefühle fortsetzen konnte. So hat sie gewissermaßen aus meiner aktuellen Gefühlsgemengelage die Reihe „Gefühlslagen“ organisch entwickelt. Im März folgt die nächste Veranstaltung mit dem Schriftsteller und Orientalisten Navid Kermani und der Kulturwissenschaftlerin und Professorin aus Tübingen, Monique Scheer, und es geht um nichts weniger als die große Liebe.
Sie hatten also Angst vor Stuttgart?
Wer behauptet, bei so einem Neuanfang in stillen Momenten nicht auch die Angst aufblitzen zu sehen, dem glaube ich das nicht so recht. Veränderungen bedeuten immer Irritation, und diese ist, für mich zumindest, selten ganz angstfrei. Beim Wechsel spielt neben der Vorfreude, dem Glück, der Neugier auch das Moment der Ungewissheit eine Rolle. Ungewissheit ist natürlich etwas, das reizt, das ein Motor sein kann, das herausfordert, Ideen freisetzt und zugleich Fragen ohne konkrete Antwort aufwirft: Wo komme ich da hin? Wie ist das Haus, in dem ich arbeiten werde und . . .
. . . finde ich ein schönes Zuhause?
Genau. Zum Glück haben wir eine schöne Wohnung fußläufig zum Literaturhaus gefunden, in der wir uns sehr wohlfühlen. Die Verabschiedung von Florian Höllerer im Dezember war meine erste Nacht in Stuttgart. Da habe ich noch auf der Isomatte geschlafen. Am nächsten Morgen stand dann der Lkw mit den Möbeln vor der Tür, gefolgt von meinem Mann und meiner Tochter.
Und Stuttgart macht keine Angst mehr?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin von der Stadt sehr, sehr angenehm überrascht worden. Als ich damals nach einem zweijährigen Aufenthalt in der Ukraine nach Freiburg zog, hatte ich zu Beginn Schwierigkeiten, mich an Freiburg zu gewöhnen – allein schon wegen des Stadtbildes: Diese Lieblichkeit und das Pittoreske der Häuser, Straßen und Bächle waren mir zu viel. Nach einer Weile fühlte ich mich dann doch sehr wohl in Freiburg und habe dort wirklich gern gelebt. Und nun bin ich mit diesem Freiburger Stadtbildgedächtnis in Stuttgart gelandet, einer Stadt, die auf den ersten Blick nun einmal nicht so lieblich, schön und pittoresk ist. Aber die Menschen haben mich und meine Familie unglaublich offen und warmherzig empfangen. Und das nicht nur bezogen auf berufliche Zusammenhänge, sondern auch bei ganz alltäglichen Dingen wie zum Beispiel dem Busfahren: Ein Fahrer hält an und wartet auf mich und meine Tochter, obwohl er eigentlich schon losfahren wollte, ein anderer hat mich und meine Tochter sogar mal „schwarz“ eine Station mitgenommen. Es schien ihm offenbar irgendwie lächerlich, mir für die 400 Meter bei Regen die eigentlich fälligen 1,20 Euro abzunehmen, das fand ich sehr lässig und bemerkenswert. Und ich hatte schon einige solcher Begegnungen.
Vermittelt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst waren Sie von 2003 bis 2005 Lektorin an der Universität Czernowitz in der Ukraine. Haben Sie noch Kontakte dorthin? Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?
Die gegenwärtige Situation war Anlass, über meine Kontakte zu ukrainischen und deutschen ExpertInnen und VermittlerInnen in kurzer Zeit eine dreiteilige Veranstaltungsreihe zu planen, die wir im April und Mai mit Gästen aus der Ukraine und aus Deutschland im Literaturhaus realisieren werden. Es wird dabei um die Rolle der Intellektuellen, die Bedeutung der Kunst und Literatur in Prozessen des Umbruchs sowie der Frage nach Perspektiven für eine demokratischere Zukunft des Landes gehen, das die Spannungen zwischen der West- und der Ostukraine idealerweise ohne Gewalt entschärfen wird. Die zentrale Frage, wie das entstandene Vakuum in Zukunft politisch, inhaltlich und perspektivisch gefüllt werden kann, wie die verhärteten Fronten aufeinander zugehen können, welche Bedeutung extremistische Strömungen erlangen, ist für mich gegenwärtig schwer zu beantworten.
Ein zentrales Motiv Ihrer Arbeit nun in Stuttgart scheint zu sein, dass sie näher ran an die Leute, an die Stadt.
Ich weiß nicht, ob man sagen kann: näher ran an die Stadt. Das würde ja bedeuten, dass Florian Höllerer sich mit seiner Arbeit von der Stadt, von den Leuten wegbewegt hätte oder nicht nah an der Stadt war. So habe ich ihn und sein Programm aber nie wahrgenommen – im Gegenteil. Florian Höllerer hat eine breite Basis im Publikum, in der Stadt, im Trägerverein wie im Förderverein geschaffen. Meines Wissens ist das Stuttgarter Haus das Haus in Deutschland mit der höchsten Mitgliederzahl. Das ist sehr bemerkenswert. Ich werde an einigen Stellen andere Akzente setzen. Aber wir haben auch eine große Schnittmenge.
Sie wollen aber versuchen, verstärkt ein junges Publikum anzusprechen.
Natürlich werde ich schon 2014 ein paar Ideen umzusetzen, die meine Handschrift tragen. So starten wir aller Voraussicht nach schon im April mit dem neuen Format „Zwischenmiete“, bei dem ein vorwiegend junges Publikum angesprochen wird. Hier laden wir unsere Gäste in wechselnde Dreier- und Vierer-Studenten-WGs ein. Gesessen wird auf Wasser- oder Bierkisten, auf Kissen auf dem Boden oder sonst wie, während Nachwuchsautoren auf dem Sofa Platz nehmen und lesen. In Freiburg hat sich diese Reihe gut etabliert, da kommen bis zu 100 Studenten pro Veranstaltung, die manchmal noch im Treppenhaus sitzen müssen, und ­liefern den Gegenbeweis für die sich stets wiederholende Klage, dass sich die jüngere Generation nicht für Lesungen und Literatur interessiert. Dieses Konzept versuche ich nun mit zwei engagierten und kreativen Studentinnen auch in Stuttgart aufzuziehen – als Lesung im informellen, privaten und studentischen Rahmen. Man muss sehen, das kann natürlich auch scheitern, aber ich bin da sehr zuversichtlich.
Aber auch mit dem Scheitern wollen Sie sich ja bewusst auseinandersetzen: Es gibt Pläne für ein Projekt zur „Kunst des Scheiterns“. Man könnte das sehr mutig nennen, dass Sie so offen mit solchen Themen umgehen.
Diese Offenheit entspricht ein Stück weit wohl meinem Wesen, und das kann ich nur noch bedingt ändern. Die großen Themen, an denen ich allein oder mit Kolleginnen zurzeit dran bin, hängen jedoch alle von der jeweiligen Finanzierung ab. Die können nicht allein aus dem Budget des Hauses realisiert werden. In der Tat gibt es die von Ihnen angesprochene Projektidee zum Umgang mit dem Scheitern in unserem Leben, in der Arbeitskultur, Wirtschaft, aber auch Kunst und Literatur. Wir haben in Freiburg ein Festival mit dem Titel „Erfolgsmeldungen. Überleben in der Leistungsgesellschaft“ veranstaltet, in der es um den Leistungs­begriff in Literatur und Wissenschaft ging. Auch hier haben wir die Frage nach dem Scheitern bereits gestreift. Das würde ich gern weiterverfolgen und ausbauen. Gerade in einer Erfolgsstadt wie Stuttgart. Zugleich ist Vorsicht geboten, Kopfgeburten auf eine Stadt zu übertragen, ohne diese zu kennen. Ich will mich einlassen auf das, was hier ist, auf die Partner, auf meine Gegenüber, das Publikum, die Stadt und die Region.
Und was würde Sie außerdem interessieren?
Zum Beispiel darüber nachzudenken, woraus sich eigentlich unser Selbstverständnis speist, mit dem wir in den Literaturhäusern die Dinge tun, die wir tun. Wie denken wir über Text und Sprache nach? Wie vermitteln wir diese? Welche Wege finden wir dafür? Was gibt es für Potenziale und Richtungen, in die wir noch nicht gedacht haben? Welche Themen möchten wir besetzen und inhaltlich bearbeiten? Grundsätzlich möchte ich aber auch in Richtung Theater schauen. Wie kann man jenseits des geschlossenen Raums und der Buchpräsentation, die das Kerngeschäft des Literaturhauses bleibt, über Text nachdenken, der sich in anderen Kleidern zeigen und zum Beispiel in der Stadt selbst entstehen kann. Dieses Nachdenken über unser Tun und seine scheinbare Selbstverständlichkeit reizt mich enorm.