Jan Müller hört auf, Laura Tetzlaff fängt an. Foto: Lucia Gerhardt

Nach nur zwei Jahren gibt Jan Müller die Leitung der Esslinger Jungen WLB auf. Der Grund: Er möchte wieder mehr inszenieren. Seine Nachfolgerin wird die Regisseurin Laura Tetzlaff.

Jan Müller verzichtet nach nur zwei Jahren auf eine Verlängerung seines Vertrags als Leiter der Jungen WLB, der Kinder- und Jugendsparte der Esslinger Landesbühne. Zum Saisonende wird der Wechsel vollzogen, mit Beginn der neuen Spielzeit 2022/23 im September tritt die Regisseurin Laura Tetzlaff die Nachfolge an, in den vergangenen Jahren regelmäßige Gastkünstlerin an der Jungen, vor allem aber an der „erwachsenen“ WLB.

 

Was ist geschehen? „Nichts“, versichert Jan Müller. „Nichts“, versichert auch Intendant Marcus Grube. „Von uns aus hätte es weitergehen können mit Jan Müller.“ Er habe sich aus freien Stücken gegen eine Vertragsverlängerung entschieden. Was Müller uneingeschränkt bestätigt. Die Gründe? „Persönliche“, heißt es offiziell – und persönlich von Müller: „Es sind tatsächlich persönliche Gründe“, sagt er. „Da besteht ja immer die Gefahr, dass irgendetwas hineingeheimnist wird, was überhaupt nicht drin ist. Für mich war es einfach Neuland, eine solche Leitungsposition zu bekleiden. Ich habe dann festgestellt, dass ich in erster Linie doch lieber inszenieren will.“ Was der 52-Jährige freilich auch als Spartenchef getan hat, zuletzt etwa mit „Der Meister Eder und sein Pumuckl“ – aber eben neben einem Strauß an anderen Aufgaben. Dass er sich im Theaterleiten ausprobiert hat, reut ihn nicht: „Es war eine spannende Zeit, eine gute Erfahrung, in der ich etwas gelernt habe.“

Künstlerisch auf hohem Niveau

Künstlerisch konnte Müller das hohe Niveau der Ära des langjährigen Junge-WLB-Leiters Marco Süß halten. Spielwitzig, bisweilen mit einem Schuss Anarchie, zugleich auf unaufdringliche Weise hintergründig und reflektiert zeigten sich etliche Inszenierungen (darunter Müllers eigene). Er selbst hätte übrigens nichts dagegen, der WLB als Gastregisseur erhalten zu bleiben. Konkrete Projekte sind bislang allerdings noch keine geplant.

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An der Jungen WLB bedingt die bis zu den Zweijährigen erweiterte und mindestens bis zu den 16-Jährigen reichende, also in jeder Hinsicht sehr dynamische Zielgruppe eine große Vielfalt der Stoffe und Stile: eine Gleichberechtigung der Bühnengeschichten vom Märchenhaft-Verspielten bis zu hartem sozialem Realismus. Die Kinder- und Jugendsparte ist damit ein wichtiges Stand- und natürlich Spielbein der Esslinger Landesbühne, eine anerkannte Größe des jungen Theaters.

Spontaner, direkter, ehrlicher

Dieses Profil reizt auch Laura Tetzlaff – bislang freie Regisseurin und Coach für Schauspielstudierende an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg – an ihrem künftigen Job. Und: „Mit 40 ist es für mich ein logischer biografischer Schritt, jetzt eine Leitungsposition zu übernehmen.“ Die WLB ist ihr bestens vertraut (und umgekehrt: sie dem Ensemble), hat sie doch Lesekisten für die junge, vor allem aber Produktionen für die „große“ Bühne (oder die große kleine Bühne, das Podium) inszeniert, etwa die Ilse-Langner-Ausgrabung „Frau Emma kämpft im Hinterland“, ein Frauen- und Emanzipationsdrama nach dem Ersten Weltkrieg, die Dramatisierung von Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ oder zuletzt die deutschsprachige Erstaufführung von Edoardo Erbas „New York Marathon“. Sie schätzt es als Herausforderung, dass sie und ihre Inszenierungen im Kinder- und Jugendtheater „in einen viel direkteren Kontakt mit dem Publikum treten als bei Erwachsenen“ – und dass die Reaktionen spontaner, ungebremster oder schlichtweg ehrlicher erfolgen; was für die künstlerisch Beteiligten durchaus auch mal ernüchternd sein kann, wenn nicht gar kränkend. „Man geht mit einer anderen Unmittelbarkeit und Emotionalität in dieses Live-Erlebnis hinein.“

Chance und Risiko

Andererseits: Die Begeisterung ist ebenso spontan, unverstellt, offen. „Man muss das junge Publikum in seiner Lebenswirklichkeit abholen, natürlich je nach Altersgruppe. Damit muss ich mich auseinandersetzen“, sagt Tetzlaff. Mit Kunst um der Kunst willen sind Kinder und Jugendliche wenig zu beeindrucken, fürs Theater ist das Chance und Risiko zugleich: mitten ins Leben und seine Situationen zu treffen – oder eben daneben. Wenn es klappt, kann es zur Initialzündung werden für dauerhafte Theaterbegeisterung. „Es ist ja bei vielen Kindern der Erstkontakt“, sagt Tetzlaff verantwortungsbewusst. Und den sollte man möglichst nicht versieben. Sonst ist nicht nur die Begeisterung perdu, sondern die jungen Besucher selbst, die höchstens noch von den Eltern mitgeschleift werden. Was sich kein Theater wünscht.

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Aus Tetzlaffs Sicht ist es daher sinnvoll, dass an der Jungen WLB „Geschichten im Mittelpunkt stehen“ – packende Handlungen, Identifikationsangebote, dramatische Konflikte im Gleichgewicht mit mit Spannung, Spaß und Unterhaltung. Aber keine nur selbstgefälligen Experimente, kein pädagogisch erhobener Zeigefinger, wie ihn „auch das emanzipatorisch gut Gemeinte“ in die dröge belehrende Höhe strecken kann. Dass Tetzlaff alle Altersgruppen erreichen, unterschiedliche Ästhetiken ausprobieren, Theater nicht nur über Sprache vermitteln, das ausgewogene Mischungsverhältnis von Gesellschaftskritik und Aktualität, Fantasie und Entertainment weiter pflegen will: Das alles versteht sich auf dem Chefinnenstuhl der Jungen WLB beinahe schon von selbst. Einen „großen Mehrwert“ stelle dabei das „theaterpädagogische Angebot“ der Landesbühne dar: die Mit- und Zu- und Vermittlungsarbeit der Theaterpädagoginnen und -pädagogen, ein Schwerpunkt des Hauses.

Nützliche Erkundungen

Tetzlaff kann ihrer eigenen Einschätzung nach wertvolle Impulse für das Kinder- und Jugendtheater aus ihrer Arbeit mit den Studierenden an der Ludwigsburger Schauspielakademie schöpfen, auch wenn diese der ganz jungen Sparte längst entwachsen sind. „Aber sie bringen fast alle irgendwelche interessanten Erfahrungen aus Jugendspielclubs mit, sie erinnern sich an prägende Theatererlebnisse als Kinder oder Jugendliche. Und das sind ja dann die nachwirkenden Motive, die bei ihnen später zur Entscheidung führten, Schauspielerin oder Schauspieler zu werden.“

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Sie sind noch nah dran, die Empfindung ist noch frisch für das, was junge Menschen am Theater begeistern kann. Aber weil sie mittlerweile Studierende sind, können sie nicht bei der spontanen Begeisterung stehenbleiben, sondern müssen sie zur Sprache, zur Mitteilung und zur Reflexion bringen. In der Tat ein sehr nützliches Spannungs- und Erkundungsfeld für eine künftige Kinder- und Jugendtheaterleiterin.