Es gibt zu wenig Wohnungen für Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen – auch in Stuttgart. Foto: dpa

Die Kauf- und Mietpreise für Immobilien steigen in Stuttgart Quartal für Quartal – und ein Ende ist nicht in Sicht. Verantwortlich dafür ist auch die restriktive Flächenpolitik der Stadt, meint StN-Autor Sven Hahn.

Stuttgart - Die Wohnungsnot in den großen Ballungsräumen ist hausgemacht. Die Politik und auch die großen Wirtschaftsunternehmen haben über Jahrzehnte dafür gesorgt, dass heute fast ausnahmslos der freie Markt über Immobilienpreise und Mieten bestimmt. Die Auswirkungen in einer räumlich derart limitierten und ökonomisch so starken Stadt wie Stuttgart sind massiv. Sowohl Mieten als auch Kaufpreise sind derart gestiegen, dass große Teile der Bevölkerung kaum mehr eine Chance haben, sich in der Stadt eine Wohnung zu leisten.

Politik zieht sich zurück

Zunächst hat die Politik ihre Herangehensweise an das Thema Wohnen grundlegend verändert. Das Ziel des Staates war über Jahrzehnte hinweg, dass breite Schichten der Bevölkerung mit öffentlich gefördertem Wohnraum versorgt werden sollten. Heute lautet das gesetzliche Paradigma hingegen: Nur diejenigen sollen Hilfe des Staates erhalten, die sich nicht aus eigener Kraft mit einer Wohnung versorgen können.

Die öffentliche Hand hat ihre Aktivitäten zurückgefahren, die Zahl der Sozialwohnungen ist in der Folge drastisch abgeschmolzen. Dabei ist eine Sozialwohnung eben nicht der letzte Schlupfwinkel für die Ärmsten der Armen. Allein die Einkommensgrenzen von teilweise mehr als 70 000 Euro zeigen, dass sich dieses Angebot nicht allein an Geringverdiener richtet. Und die großen Konzerne, die früher Wohnungen für ihre Angestellten bereitstellten, bieten dies schon lange nicht mehr an.

Heute entwickeln all diese Faktoren eine fatale Wirkung, denn in Zeiten niedrigster Zinsen und einer enorm hohen Nachfrage nach Wohnraum in den wirtschaftlich starken Regionen steigen Immobilienpreise und Mieten mit ungeahnter Geschwindigkeit – in Stuttgart im Übrigen am schnellsten in Deutschland.

Auch das hat einen Grund. Während andere Großstädte aktiv wachsen wollen und zu diesem Zweck Bauland ausweisen, werden in Stuttgart, auf politischen Wunsch hin und mit Verweis auf die Enge im Kessel und das sensible Stadtklima, kaum neue Baugebiete ausgewiesen.

Verknappung des Angebots

Die logisch folgende stetige Verknappung des Angebots wird schlicht in Kauf genommen. Am Ende haben die ehemals im politischen Fokus stehenden breiten Schichten der Bevölkerung große Probleme, sich mit Wohnraum zu versorgen. Konkret bedeutet das: Eine Familie mit zwei Gehältern und zwei Kindern ist kaum mehr in der Lage, eine passende Bleibe in Stuttgart zu finanzieren.

Wer argumentativ dagegenhalten will, verweist an dieser Stelle darauf, dass in der Landeshauptstadt und im wirtschaftlich prosperierenden Speckgürtel auch überdurchschnittliche Löhne gezahlt werden. Die hohen Mieten und Kaufpreise seien daher vertretbar. Doch weder die Krankenschwester noch der Polizist, nicht der Feuerwehrmann, der Mitarbeiter der Müllabfuhr oder die Erzieherin im Kindergarten profitieren am Monatsende von den vollen Auftragsbüchern bei Daimler, Porsche und Bosch. Alle Stadtbewohner sind aber auf genau diese Berufsgruppen angewiesen, denn ohne sie gerät unser aller Zusammenleben gewaltig ins Stocken.