Ein Schwabenbild von vielen: die Geschichte von den tölpelhaften Sieben Schwaben Foto: dpa

Halbzeit bei der Großen Landesausstellung im Alten Schloss. Ein Besuch lohnt sich – auch für Schüler, meint Kommentator Jan Sellner. Denn sie erweitert den Horizont.

Stuttgart - Wie spielerisch und souverän man mit der Frage der Herkunft umgehen kann, zeigt die Große Landesausstellung „Die Schwaben – zwischen Mythos und Marke“ seit drei Monaten im Stuttgarter Alten Schloss. Den Epilog der Ausstellung, die gerade Halbzeit hat, bildet eine Videowand mit Filmen zu der Frage: „Wie viel Schwabe steckt in Ihnen?“ Zu sehen sind Menschen mit zwei durchsichtigen Zylindern. Sie enthalten Linsen, die von einem Gefäß ins andere geschüttet werden können. Wie viel, bestimmen die Befragten selbst. Je schwäbischer man sich fühlt, desto höher türmen sich die Linsen. Sehenswert ist der Beitrag einer Französin, die den Boden eines Zylinders mit Linsen bedeckt. Und der Rest? „Ist Fronkreich!“

Linsen und Spätzle, Linsen und Schwaben – prägnanter als hier war noch nirgends zu sehen, wie vielschichtig und heterogen die Bevölkerung ist, die man „Schwaben“ nennt. Die Besucher nehmen von dem Besuch die Linsen-Weisheit mit nach Hause: Ein bisschen schwäbisch sind wir alle – zumindest diejenigen, die sich länger in der Gegend aufhalten.

„Schwabe kann man werden“

Dieser Befund beschreibt nicht nur die Gegenwart, die durch Internationalität geprägt ist, sondern auch die Geschichte. Die Schwaben als homogene Gruppe – als „Blutsgemeinschaft“ gar – gibt es nicht und hat es nie gegeben. Das ist eine der zentralen Aussagen der Schau. Das Leben hier war und ist ein Kommen und Gehen und Bleiben. Ein Sich-Niederlassen und Sich-Aufmachen. „Schwabe kann man werden“, folgert der Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger. Man kann übrigens auch Sachse werden oder Bayer. Hauptsache, man bleibt Mensch. Aber das ist ein anderes Thema.

Regionale Besonderheiten färben immer auch ab. Das zeigt das Beispiel der 14-jährigen Saida. Das Mädchen ist vor einem Jahr mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Jetzt besucht es die achte Klasse eines Stuttgarter Gymnasiums. Auf ihre neue Heimat angesprochen, zitiert Saida knitz ihre Schwäbisch sprechende Lehrerin: „Am Donnerschdag isch . . .“ Es wäre interessant zu erfahren, wie viele Linsen Saida in einigen Jahren in den Schwäbisch-Zylinder schütten würde. Vermutlich einige. „Und der Rest ist Syrien . . .“

Die „Fake News“ von den hasenfüßigen Schwaben

Um Identitäten und Zugehörigkeit geht es auch in einem weiteren Sinne. Im Zentrum der ambitionierten Schwaben-Ausstellung stehen Entwicklungsprozesse – der Werdegang der Schwaben-Metropolen von Konstanz über Augsburg und Ulm bis Stuttgart. Oder die Entstehung verschiedener Schwabenbilder. Darunter sind Geschichten, die man heute wohl als ­„Fake-News“ bezeichnen würde – wie die Legende von den hasenfüßigen Sieben Schwaben. Den Kontrast dazu bilden Erzählungen von den „wackeren Schwaben“. Auch das zeigt: „Die Schwaben“ – mal bewundert, mal belächelt – gibt es in der oft behaupteten Pauschalität nicht.

Die Differenzierungsleistung macht eine Stärke der mit Wissen und Witz präsentierten Schwaben-Schau aus. Mehr als 50 000 Besucher haben von dem Bildungsangebot bisher Gebrauch gemacht. Auffällig ist allerdings, dass Schulen einen Bogen um die Ausstellung machen; sie halten eine rätselhafte Distanz zur Regionalgeschichte. Wenn der Lehrplan das zeitlich nicht hergibt, wie Lehrer als Begründung anführen, dann fehlt es möglicherweise nicht nur am Willen, sondern auch an Fantasie. Mit Linsen und Zylindern lässt es sich anschaulich rechnen. Warum zur Abwechslung also nicht Mathe und Schwaben verknüpfen? Noch bis zum 23. April besteht dazu Gelegenheit. Überhaupt: Wer meint, im Alten Schloss gehe es um einen folkloristischen Rückblick, der irrt. Das Thema dieser Landesausstellung ist Weite, nicht Enge. Das Wissen um regionale Identitäten und föderale Strukturen wirkt zudem wie ein Imprägnierschutz gegen Nationalismus. Wenn das kein Thema für die Schule ist.

jan.sellner@stzn.de