Masken gehörten in der Pandemie zum Alltag. Foto: dpa/Thomas Frey

Die Pandemie hat viele Probleme offengelegt. Nun gilt es, die richtigen Lehren daraus zu ziehen, meint Wissenschaftsredakteur Werner Ludwig.

War da was? Wenn man dieser Tage die Nachrichten verfolgt, taucht das Wort Corona oft kein einziges Mal mehr auf. Es dominieren Meldungen über den Krieg in der Ukraine und dessen wirtschaftliche Folgen – allen voran die beängstigend hohe Inflation. Es liegt eben in der Natur des Menschen, sich auf jene Probleme zu konzentrieren, die gerade am drängendsten sind. Und das Coronavirus hat mittlerweile für die allermeisten seinen Schrecken verloren – zum Glück.

 

Die aktuelle Situation ist nicht mit der zu Beginn der Pandemie vor drei Jahren zu vergleichen, als die Menschen völlig ungeschützt einem neuen, ursprünglich aus dem Tierreich stammenden Krankheitserreger ausgesetzt waren. Heute ist bei uns und in anderen Teilen der Welt ein Großteil der Bevölkerung durch eine hohe Grundimmunität infolge natürlicher Infektionen und Impfungen vor schweren Krankheitsverläufen geschützt – auch wenn immer mal wieder neue Virusvarianten auftauchen.

Überforderter Föderalismus

Trotzdem gibt es keinen Grund, einfach zur Tagesordnung vor Corona zurückzukehren. Die Pandemie hat schonungslos Schwächen bei der Bewältigung solcher Bedrohungslagen offengelegt. In Deutschland haben sich insbesondere der mit einer landesweiten Krise überforderte Föderalismus und die schleppende Digitalisierung als zentrale Problemfelder erwiesen. Weitreichende politische Entscheidungen mussten häufig auf wackeliger Datenbasis getroffen werden. Zudem stellt sich mit Blick auf Corona, aber auch auf die jüngste Welle von Atemwegsinfekten die Frage, ob die Ressourcen im Gesundheitssystem so eingesetzt werden, dass der größte Gesamtnutzen herauskommt.

Auf all diesen Feldern müssen Lehren aus der Coronakrise gezogen werden. Denn angesichts der hervorragenden Bedingungen, die unsere globalisierte Zivilisation für die Verbreitung von Krankheitserregern bietet, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass dies nicht die letzte Pandemie war. Eine intensivere Überwachung der Erregerpopulationen von Menschen und Tieren ist daher dringend geboten, um bei Bedarf schnell reagieren zu können.

Bürgerinnen und Bürger müssen mitziehen

Strukturen und politische Entscheidungen sind beim Umgang mit Gefahren von nationaler Tragweite aber nur die halbe Miete. Es kommt auch darauf an, wie gut jede und jeder Einzelne mitzieht. Alles in allem hat das in Deutschland über längere Phasen der Pandemie meist funktioniert – auch wenn eine kleine Minderheit lautstark ihre Zweifel am Sinn der Schutzmaßnahmen vorbrachte. Tatsächlich war Corona in den letzten drei Jahren nicht das größte Gesundheitsrisiko. Auch in dieser Zeit starben mehr Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Was die Kritiker der Maßnahmen aber vergessen: Das Land kam nur deshalb halbwegs gut durch die Pandemie, weil Politiker und Bürger sich von Vorsicht leiten ließen.

Die Pandemie sollte auch das Bewusstsein dafür schärfen, dass es so etwas wie ein Null-Risiko nicht gibt und dass jede Maßnahme negative Begleitwirkungen haben kann. So kann es zum Beispiel prinzipiell keine völlig risikolose Impfung geben. Dafür senkt sie aber in den allermeisten Fällen das vielfach größere Risiko, schwer zu erkranken. Diese Fähigkeit, verschiedene Risiken rational gegeneinander abzuwägen, wird in unserer vernetzten, von Forschung und Innovation getriebenen Welt immer wichtiger. Dazu bedarf es einer breiteren wissenschaftlichen Grundbildung, die möglichst früh einsetzen muss. Informierte Bürgerinnen und Bürger können auch schwierige Entscheidungen besser nachvollziehen. Auch das ist eine Lehre aus drei Jahren Coronapandemie.