Ideen muss man haben. Die Veranstalter des Chorfestes haben Ideen. Sie verstehen zu überraschen und bringen die Musik zu den Leuten – ein Geschenk für die Stadt, meint Kommentator Jan Sellner.

Stuttgart - Heute schon gesungen? Wenigstens im Badezimmer? Ach, Sie können nicht singen, sind unmusikalisch? Das gilt ab sofort nicht mehr als Ausrede. Denn neuerdings gibt’s den „Ich kann nicht singen“-Chor“, ein Angebot für alle, die meinen, den richtigen Ton nicht zu treffen – eine der vielen guten Ideen, die der Deutsche Chorverband anlässlich des Chorfestes mit nach Stuttgart gebracht hat.

Dazu gehört auch das Projekt Heimatlieder. Die internationale Chor-Revue mit 120 Musikern aus 15 Nationen ist wie gemacht für Stuttgart, wo Menschen aus 180 Nationen wohnen – oft mit bleibenden Verbindungen in ihre Herkunftsländer. In „Heimatlieder“ würdigt der Deutsche Chorverband die schlichte, jedoch oft verdrängte Tatsache, dass es viele Heimaten gibt, und bringt zugleich zu Gehör, dass dies nichts Trennendes sein muss. Im Gegenteil: Aus Musik heraus wächst Gemeinschaft. Für den Chorgesang, wo aus Einzelstimmen etwas Gemeinsames entsteht, gilt das besonders.

„Singing in the Train“

Singen mit Pfiff, Originalität, Einfallsreichtum – das sind Markenzeichen des Chorfestes in Stuttgart. Ablesbar auch an Stäffeles-Konzerten und gesungenen Ansagen in den Stadtbahnlinien U 2, U 5 und U 6, eingespielt von der A-cappella-Gruppe die Füenf. Das Ganze nennt sich „Singing in the Train“ . . . Ideen muss man haben. Die Veranstalter des Chorfestes haben Ideen. Sie verstehen zu überraschen. Sie bringen die Musik zu den Leuten und zeigen auf spielerische Weise, dass Chorgesang nicht betulich sein muss.

Die beste Idee ist allerdings das alle vier Jahre stattfindende Chorfest selbst: eine Art musikalische Olympiade, die die Bedeutung und die Wichtigkeit des Singens und überhaupt der Musik unterstreicht – für den Einzelnen wie für das, was man Gemeinwesen nennt. Dieser soziale Aspekt wird auf dem Chorfest bewusst angestimmt: Auftritte in Flüchtlingsunterkünften und Krankenstationen sind kein Beiwerk, sondern gehören zum Selbstverständnis jener, die einen Zusammenhang sehen zwischen Musik und Glück.

Und dann singt auch noch Udo Lindenberg

Musik macht das Leben reicher – und führt zusammen. Das ist die Botschaft, die in diesen Tagen an vielen Stellen in Stuttgart erklingt. Insofern ist das Chorfest ein Geschenk für die Stadt – 500 000 Euro Eigenbeteiligung sind dafür gut angelegtes Geld. Stuttgart nimmt dieses Geschenk gerne an. Die Stadt singt und wird zum Klangkörper – samt Blitz und Donner. Oder wie das Motto des Chorfestes lautet: „Stuttgart ist ganz Chor“. Tatsächlich war selten so viel Gesang in der Stadt: 400 Chöre, 15 000 Sängerinnen und Sänger. Musik, wohin man hört. Nicht zu vergessen das Musikprogramm jenseits des Chorfestes: die Stadiongesänge, die nicht Fußballern gelten, sondern Alt-Rocker Udo Lindenberg, der am Samstag vor 40 000 Fans in der Mercedes-Benz-Arena auftritt. Stimmen der Großstadt – in dieser Vielzahl und Vielfalt einmalig.

Wie sagte und sang Henning Scherf, der Präsident des Deutschen Chorverbandes, bei der Eröffnung: „Viva la Musica!“ Das kann man nicht oft genug betonen. Am besten schon morgens im Badezimmer.

j.sellner@stzn.de

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