Wochenmarkt auf dem Stuttgarter Marktplatz Foto: Lichtgut

30 Wochenmärkte gibt es in Stuttgart. Sie leisten einen großen Beitrag zur Lebensqualität in der Stadt. Man sollte sie stärken.

Samstag, der Tag, an dem Männer Einkaufskörbe zu Markte tragen, um Obst, Gemüse und Schnittblumen zu besorgen. Die neue Selbstverständlichkeit. Früher war das anders, da ließen sie einkaufen. „Da bringsch mi net nei“, bruddelte er. Markt – das war was für „Weibsleut“. Heute bewegen sich die Herren leichtfüßig zwischen den Marktständen. Man(n) zeigt sich gerne und kennt sich aus. Der Wochenmarkt am Samstag – das ist das neue Autowaschen des berufstätigen Mannes, der sich fürs Wochenende mindestens ein gutes Essen vorgenommen hat. Selbst zubereitet. Mit frischen Lebensmitteln vom Markt. Mein lieber Mann. Lässig schlendert er von Stand zu Stand, Auslagen musternd, Gerüche aufsaugend, dieses Obst und jenes Gemüse prüfend. Völlig entspannt und total bio. Klar darf es ein bisschen mehr sein („im Korb hat’s noch Platz“) und ein bisschen länger dauern. Leute, es ist Wochenende!

Männer mit Körben, Damen mit Einkaufstrolleys, Verliebte mit Muße, Feinschmecker mit Näschen – es gibt viele verschiedene Wochenmarkt-Typen. Was sie verbindet, ist die Freude an der anderen Art einzukaufen. So hektisch die Stadt im Allgemeinen ist, auf dem Markt herrscht ein eigener Rhythmus: der verloren gegangene Takt der Ernteabfolge.

Man(n) bringt Zeit mit

Jedenfalls geht vom Wochenmarkt etwas bemerkenswert Beruhigendes aus. Mit größter Selbstverständlichkeit stellt man sich hinten an („Der Herr dort war zuerst“), ist geduldig und zeigt sich aufmerksam gegenüber anderen Marktbesuchern („Hallo, Sie henn Ihre Nussa vergessa!“). Man hat Zeit mitgebracht – und verschenkt sie großzügig: an die Käsefrau des Vertrauens, an den freundlichen Olivenverkäufer, der einen wie immer probieren lässt, oder an den Bekannten, den man zufällig am Spargel-Stand trifft: „Jetzt guck au daher . . .“ Begegnung findet übrigens nicht nur auf Schwäbisch statt. Der Markt ist auch ein Forum der Kulturen – gerade in Stuttgart: „Molto lieto!“ „El gusto es mío!“ „Seni gördügüme sevindim!“ Schön, dich zu sehen!

Der soziale Mehrwert ist ein Markenzeichen des Marktes. Das Menschliche gibt’s hier gratis. Man kommt ja sonst nicht mehr so oft zusammen . . . Auf dem Markt kommt man wenigstens leicht ins Gespräch – es muss ja nichts Weltbewegendes sein. Man spricht über die Erdbeeren, „die schon lange nicht mehr so voll und schwer waren wie jetzt“, und über den „Apfel der Woche“ („Rubinette“). Doch es ist eben etwas anderes, als beim Discounter Lebensmittel kommentarlos zur Kasse zu schieben. Außerdem gibt’s keinen besseren Ort als den Wochenmarkt, um in Ruhe über die essbaren Blüten von Gänseblümchen zu reden. Tut auch mal gut . . .

Aus der Stadt nicht wegzudenken

Der Markt als Versammlungsplatz und Treffpunkt: Das hat Geschichte. Beginnend bei der griechischen Agora als Geburtsort der Demokratie. Auf den Märkten schlägt das Herz des Gemeinwesens. Seit Menschengedenken. In Stuttgart reicht diese Tradition bis ins 13. Jahrhundert zurück. Vom frühen 15. Jahrhundert an wurde im fürstlichen Rathaus mit Viktualien gehandelt, später kam die Markthalle hinzu, erst in kleiner, dann 1911 in heutiger, imposanter Form. Stets begleitet vom Handel unter freiem Himmel.

30 Wochenmärkte gibt es heute in der Stadt. Größere und Kleinere. Neben den erwähnten Vorzügen schließen sie zum Teil Lücken in der öffentlichen Nahversorgung. Zwar haben nicht alle Stadtteilmärkte den erhofften Zuspruch, der Wochenmarkt an sich ist aus dem Stadtleben jedoch nicht wegzudenken. Als grüne Insel des guten Geschmacks und der freundlichen Begegnung zählt er zu den schönsten Traditionen des Städtischen.

Als belebendes Element unverzichtbar

Gerade der Blick auf globale Märkte zeigt, wie wichtig das ursprüngliche, lokale Marktgeschehen ist. Diese Märkte sind übrigens noch nie außer Kontrolle geraten . . . Als belebendes Element sind sie ohnehin unverzichtbar. Um es deutlich zu sagen: Ohne Markt wäre der Stuttgarter Marktplatz tot. In der Debatte um die Belebung der Innenstadt kommt man am Wochenmarkt nicht vorbei. Die Stadt sollte ihn stärken – etwa indem sie die Möglichkeiten schafft, dort auch etwas zu verzehren. Man(n) hielte sich dann noch länger zwischen den Marktständen auf. Nur die Autowäsche würde leiden . . .

j.sellner@stn.zgs.de

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