Nicht alle Vorschriften erleichtern das Zusammenleben und -kommen Foto: Fotolia

Zusammenleben beruht auf Vielfalt nicht auf Einfalt, meint Kommentator Jan Sellner. Glücklicherweise finden sich in Stuttgart viele Beispiele für gute Nachbarschaft.

Stuttgart - Alexander Gauland ist kein Stuttgarter. Was kein Schaden ist. Er ist Sachse, was wiederum kein Grund ist, Vorbehalte gegen Sachsen zu haben. Sachsen haben es mit Stuttgart gut gemeint. Allen voran Joachim Ringelnatz, der Stuttgart vier Gedichte gewidmet und darin Zeilen wie die folgenden hinterlassen hat: „Ich persönlich schwamm dort wie ein Schwamm im Glück/Heißt: Ich soff mich voll und ließ mich treiben.“ Verglichen mit München erschien Stuttgart ihm „wie ein Paris“.

315 000 Nachbarschaften in Stuttgart

Der AfD-Vize Gauland ist das Gegenteil eines Dichters, doch der ehemalige Journalist versteht, mit Worten umzugehen, er kennt ihre Wirkung. Vor wenigen Tagen hat er über den dunkelhäutigen Fußballer Jérôme Boateng den bösartigen Satz gesagt: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Solche Sätze sind fatal, weil sie ein Konzentrat von Vorurteilen enthalten und entsprechend wirken. Eine Dosis Rassismus, die als vermeintliche Zustandsbeschreibung daherkommt, im Kern jedoch darauf angelegt ist, Gemeinschaft zu zerstören. Gleichwohl lohnt es sich über das Stichwort Nachbarschaft nachzudenken – allerdings in ganz anderer Hinsicht.

Stuttgart besteht aus mehr als 315 000 Nachbarschaften. So groß ist die Zahl der Haushalte in der Landeshauptstadt. In diesen Nachbarschaften leben Menschen aus 180 Nationen, die sich mehr oder weniger gut kennen, mehr oder weniger gut verstehen. Auf viele trifft der Satz des Linken-Politikers und Aphoristikers André Brie zu: „Leute, die in Neubauten Wand an Wand wohnen, scheinen oft zu vergessen, dass sie auch Tür an Tür wohnen.“ In der Tat: Das Nebeneinanderher-Leben ist ein Teil der Wirklichkeit. Gerade in der Großstadt. Der Internethändler Amazon hat das erkannt und bietet sich als Vermittler an: Per Internet kann man dem Nachbarn Schokolade schicken . . .

Keine „biodeutsche Festung“

Zur Wirklichkeit gehören auch sozioökonomische Unterschiede. Es gibt sogenannte Problemviertel wie den Hallschlag mit hohem Migrantenanteil und Komfortzonen wie den Killesberg – was nicht heißt, dass Nachbarschaften sich dort leichter gestalteten. Überhaupt geht mit gutbürgerlichen Milieus nicht automatisch Sozialverträglichkeit einher. Unter seinesgleichen zu sein bedeutet keinesfalls, einen guten Umgang miteinander zu pflegen. Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba warnte in dieser Woche in Stuttgart vor der Vorstellung einer „biodeutschen Festung“. Oder einer biosächsischen. „Denn glauben Sie bloß nicht, dass Gauland die kulturell andersartigen Schwaben als Nachbarn akzeptierte.“

Und selbst wenn es einen solchen Ort vermeintlicher Homogenität gäbe – das Zusammenleben dort wäre nicht weniger spannungsreich als in anderen Nachbarschaften. Eher im Gegenteil: Über Thujahecken, Maschendraht- und Jägerzäune hinweg würden sich Bewohner routiniert befehden. Ein Grund für einen Nachbarschaftsstreit findet sich immer, auch für Machtgehabe und anonymes Anschwärzen: Hämmern, Grillen, Rasenbetreten, Kinder. Die eigene Unzufriedenheit.

Zusammenleben geht anders. Ausgangspunkt ist die Akzeptanz von Vielfalt sowie das Interesse am anderen. Glücklicherweise finden sich in Stuttgart viele Beispiele für gute Nachbarschaft – auch ohne die Mitwirkung von Amazon. Entscheidend ist es, den ersten Schritt zu tun. Man könnte einfach mal rübergehen, klingeln und sagen: „Hallo Nachbar!“

jan.sellner@stzn.de

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