Die von Studenten bemalte Villa Bolz auf dem Killesberg Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

. . . auch etwas, das über den Tag hinausweist. Zum Beispiel Vorbilder. Dazu zählt der von den Nazis ermordete Widerstandskämpfer Eugen Bolz.

Stuttgart - Was braucht Stuttgart? Was brauchen wir? Diese Fragen stellen sich täglich neu. Und in der Regel werden sie aus dem Tagesgeschäft und -geschehen heraus beantwortet. Stuttgart braucht zum Beispiel mehr Geld für den öffentlichen Nahverkehr – und bekommt es möglicherweise auch, weil die künftige grün-schwarze Landesregierung die Stadt zu einem „Modell für Mobilität“ machen will, wie am Freitag in unserer Zeitung zu lesen war. Stuttgart braucht mehr Kita-Plätze und – ganz dringend – mehr Sozialwohnungen, um einkommensschwache Wohnungssuchende nicht ständig vertrösten zu müssen. Stuttgart braucht bessere Luft und eine bessere Anbindung ans (Neckar-)Wasser. Ganz aktuell brauchen viele Stuttgarter einen Plan, wie sie am Montag mit den Folgen des Warnstreiks im öffentlichen Dienst klarkommen.

Und was ist mit Vorbildern? Braucht Stuttgart so etwas auch? Der Frage begegnet man seltener. Sie wird nicht im Gemeinderat verhandelt und auch sonst nicht breit diskutiert. Ist sie deshalb unbedeutend? Sicher nicht. Zumal – unausgesprochen – Einigkeit darüber bestehen dürfte, dass Vorbilder wichtig sind. Ist es dann aber nicht auch wichtig, sie zu benennen? Die Landesregierung versucht dies an diesem Wochenende, indem sie neben etlichen Prominenten auch wenig bekannte Personen mit dem Landesverdienstorden auszeichnet. Personen, die in ihrem Umfeld zu einem Vorbild geworden sind, weil sie anderen helfen, für Schwache eintreten, sich engagieren.

Nicht Opfer, sondern Handelnde

Könnte dieser Orden posthum verliehen werden, hätten ihn wenige mehr verdient als der gebürtige Rottenburger Eugen Bolz (1881–1945), der entscheidende Jahre seines Lebens in Stuttgart verbrachte. Das Haus der Geschichte widmete ihm jetzt eine Tagung mit dem Titel „Eugen Bolz – das vergessene Vorbild“ – und unternahm damit einen lobenswerten Schritt gegen das Vergessen dieses Mannes und Politikers, der nach dem Urteil des Leiters der Gedenkstätte deutscher Widerstand, Peter Steinbach, „in den Kern des deutschen Widerstands gehört“. Einen Menschen als Vorbild zu benennen heißt sich auch mit seinen Widersprüchen auseinanderzusetzen. Im Fall von Eugen Bolz steht am Ende jedoch das herausragende Beispiel des aufrechten Gangs – nicht irgendwohin, sondern aufs Schafott. Menschen wie Bolz sollten weniger als (Nazi-)Opfer gesehen werden, sondern als mutig Handelnde, als Menschen des Widerstands. Als Vorbilder.

Das Benennen von Vorbildern alleine reicht jedoch nicht. Vorbilder muss man sich selbst erschließen – wie das die jungen Bewohner der Villa Bolz auf dem Killesberg getan haben. „Wir haben das Haus entdeckt, Eugen Bolz entdeckt und dabei auch uns selbst“, formulierten sie. „Er hat uns zum Nachdenken gebracht.“ Die Villa wird in naher Zukunft zugunsten von Eigentumswohnungen verschwinden – und damit auch das riesige Bolz-Porträt, das die Studenten auf der Fassade hinterlassen haben. Umso wichtiger ist es, Gelegenheiten und Orte zu finden, um an dieses Vorbild zu erinnern. Das Haus der Geschichte, Privatleute und Kirchenvertreter haben da bereits einiges angestoßen. Das ist erfreulich. Denn die Beschäftigung mit Vorbildern ermöglicht es, vielleicht selbst eines zu werden. So etwas braucht Stuttgart immer.

jan.sellner@stzn.de

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