Bundeskanzlerin Angela Merkel un der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier Foto: AP

Sehnsucht nach der Großen Koalition muss FDP zu denken geben, sagt Wolfgang Molitor.  

Vor der letzten Bundestagswahl hatte Frank-Walter Steinmeier, die Niederlage schon vor Augen, geunkt, Angela Merkel werde sich noch mal nach der SPD zurücksehnen, wenn es mit der FDP klappen sollte. Wir wissen natürlich nicht, was die Kanzlerin von Steinmeiers Prophezeiung hält. Als gesichert darf jedoch laut der jüngsten repräsentativen Emnid-Umfrage gelten, dass zurzeit 54 Prozent der Deutschen glauben, die Große Koalition aus Union und SPD sei besser gewesen als die amtierende christlich-liberale Bundesregierung. Sogar unter den Union-Anhängern liebäugeln im Rückblick 46 Prozent mit jenem schwarz-roten Bündnis, von dem Merkel pflichtschuldig sagt, es müsse in der Demokratie die Ausnahme bleiben.

Man darf wohl mit Fug und Recht behaupten: Die Schwarz-Rot-Nostalgiehat nicht nur etwas damit zu tun, was Bundesinnenminister Thomas de Maizière selbstkritisch-genervt als zu viel Herumgequatsche und zu wenig konstruktive Zusammenarbeit bezeichnet. Es sind nicht zuletzt zu viele Personen, unter deren Amtsführung das zankende Albtraumpaar Schwarz-Gelb leidet. Mag der Christdemokrat Wolfgang Schäuble ein guter Finanzminister-Nachfolger des Genossen Peer Steinbrück sein: Der liberale Wirtschaftsminister Rainer Brüderle kann seinem CSU-Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg das Wasser nicht reichen. Hoffnungsträger wie Philipp Rösler an der Gesundheitsfront oder Neulinge wie Familienministerin Christina Schröder kämpfen gegen die Lobby und ihre Unerfahrenheit. Ursula von der Leyen führt die Politik von SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz fort. CDU-Umweltminister Norbert Röttgen grünt artfremd vor sich hin. Und der Außenminister . . . lassen wir das.

Aber es ist nicht nur das. Es ist nicht nur der Umgangsstil, das klägliche Gekläffe und kraftmeierische Revierverteidigen. Es ist vor allem das Gefühl, in der wirtschaftlichen Krisen- und sozialen Schieflage würden Union und SPD menschlich wie inhaltlich besser zusammenpassen als Schwarz-Gelb. Gewiss: Das hat nicht unbedingt etwas mit der politischen Wirklichkeit in Berlin zu tun. Aber das gemeine Wahlvolk ist manchmal sensibler, als Politiker denken. Es spürt sehr genau, dass die schwarz-rote Vernunftehe mehr Wille zum pragmatischen Erfolg - raison d'être, so hat es der Sozialdemokrat Steinbrück damals genannt - durchscheinen ließ als das vermeintliche schwarz-gelbe Traumpaar, das über eine geistig-politische Wende schwadroniert, in Wirklichkeit aber im Nebel herumstochert.

Schwarz und Gelb findet in Berlin nicht zusammen. Die Traumhochzeit war eine Polit-Soap. Da ist zum einen die Union, die sich mit ihrer unaufgeregt moderierenden Kanzlerin nicht alles, was sie an der Seite der SPD in der letzten Legislaturperiode erreicht hat, von den Liberalen schlechtreden lassen will. Da ist zum anderen die FDP, die als einziger Gewinner der Bundestagswahl immer noch unter gewissem Größenwahn leidet und das Opponieren am Kabinettstisch nicht lassen kann. Während die Union zum Teil darauf setzt, die Arbeit der Großen Koalition fortzusetzen, will die FDP einen Politikwechsel. Erschwerend kommt hinzu, dass bei der Bundestagswahl viele Union-Wähler zur FDP überliefen. Weil die Liberalen diese Stimmen unbedingt behalten wollen, versucht Guido Westerwelle die Unterschiede zur Union deutlich zu machen, um nicht im Konsens unterzugehen. Der FDP-Chef hat den Absturz der SPD vor Augen, die in der Großen Koalition Profil verlor und von Merkel kleinregiert wurde.

Dennoch: Die Sehnsucht nach SchwarzRot muss der FDP zu denken geben. Eine kleine Regierungspartei zwischen allen Stühlen wird am Ende nicht gewinnen.

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