Leipzig: Buchmesse als Spaßmesse Foto: Leipziger Buchmesse

Mangas, Erotik und Fantasy: Notizen von der am Sonntag zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse 2015.

Bücher bringen Farben

Bunt Verkleidete vor Pommes-Buden, Plüschtiere, Politiker – was auf den ersten Blick nach Jahrmarkttrubel aussieht, ist eigentlich die Leipziger Buchmesse. Und wenn man sich nicht blenden lässt, sieht man sie sogar: Bücher. Um sie herum fünf Hallen und eine ganze Stadt, die für fünf Tage dem Bücher-Wahnsinn verfällt.

Vom Balkon der zentral gelegenen Glashalle aus hat man einen guten Blick auf die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse: In der Sparte Belletristik gewinnt unerwartet der Lyriker Jan Wagner. Die Auszeichnung für seine Alltagslyrik steht im krassen Kontrast zum hektischen Betrieb und bringt ein bisschen Besinnlichkeit auf die Messe. Der Juryvorsitzende Hubart Winkels allerdings lobt in seiner Rede den Messetrubel als zugehörig zur Literatur. Im Bereich Fachbuch kommt der diesjährige Schwerpunkt deutsch-israelischer Beziehungen zum Zug: Miriam Pressler gewinnt mit der Übersetzung von Amos Oz’ „Judas“.

Mangas und Plüsch

Und so beginnt es: Messetrubel herrscht ­gewiss in Halle 1, wo im zweiten Jahr die Manga-Comic-Convention untergebracht ist. Angesichts flurbreiter Rockschöße und deckenhoher Plastik-Lanzen war es sicherlich eine weise Entscheidung, den Cosplayer-Bereich der Verkleideten auszulagern und so für ein bisschen mehr Luft in den übrigen Hallen zu sorgen.

Bücher (hier: Comics und Mangas) sind zweitrangig; sie werden verdrängt von ­Bogenschießständen, Plüschtiertürmen und der Möglichkeit, Videospiele vor dem offiziellen Erscheinungstermin auszuprobieren.

Erotik von gestern

Wenn man sich erst einmal an den posierenden Mangafiguren vorbeigedrängt hat, landet man in Halle 3 und damit auf der „Literaturmeile“ der Antiquariatsmesse. Dort sind besondere Stücke für mehrere Tausend Euro zu haben, aber auch gebrauchte Exemplare von Kant oder „Fifty Shades of Grey“ für ein paar Münzen. Apropos Erotik – ob auf Plakaten an den Wänden mit lasziven Bildern zu Lesungen eingeladen wird oder knapp bekleidete Frauen den nächsten Bestseller anpreisen – das Thema zieht sich quer durch alle Hallen.

Digitale Freuden

Gleich gegenüber liegt Halle 5, das Reich der digitalen Bücher, wo man in der E-Book-Lounge zum Schmökern in Kindle und Tolino eingeladen wird. Auch wenn die Banner der beiden Marktführer groß darüber hängen – im Vergleich zu den letzten Jahren stehen E-Books auf der gesamten Messe nicht mehr derart im Vordergrund. Schlendert man weiter, findet man am Gemeinschaftsstand Comic/Graphic Novel eine weiße Wand und davor auf den Knien drei Karikaturisten mit gezückten Filzstiften. Untertitelungen wie „Die Grenze des Humors“ erinnern an ­Debatten um die Anschläge auf Karikaturisten in Kopenhagen und Paris.

Fantasie und Fantasy

Wenn man Glück hat und die Gänge zurück zur Glashalle nicht wegen Überfüllung ­geschlossen sind, bringen sie einen weiter in Halle 2, wo neben dem Schwerpunkt ­Bildung auch Kinder- und Jugendbuch sowie Fantasy-Literatur zu finden ist. Bei der Verleihung des Phantastik-Preises „Seraph“ offenbart sich ein anderes Thema: Verleger Oliver Graute, Mit-Stifter des Preises, zieht den Vergleich zwischen der aktuellen instabilen politischen Weltlage und dem Ausgangspunkt fantastischer Romane. Diese dienten zur Anregung und als Spiegel der Gesellschaft. Den Preis für das beste Buch gewinnt der etablierte Jugend- und Fantasyautor Kai Meyer.

SPD – falsch erzählt

Im ARD-TV-Forum in Halle 4 stellt sich Per Steinbrück währenddessen der Frage, ­warum er mit seiner Kanzlerkandidatur 2013 nicht erfolgreich gewesen sei. Passend zum Buchmesse-Kontext merkt Moderator Axel Bulhaupt an, dass die „Erzählung“ der SPD wohl die falsche gewesen sei, um die Wähler zu begeistern. An der Seite der ­Bühne bildet sich eine zweite Menschentraube um den Literaturkritiker Denis Scheck. Hier zeigt sich, was die Leipziger Buchmesse eigentlich ausmacht: Literaturschaffende und Literaturliebende begegnen sich auf einer Ebene, man trifft Autoren und Verleger zwischen den Ständen an – und nicht selten selbst im Publikum.

Eine Stadt lebt auf

Wenn man die Messehallen hinter sich lässt, ist das Literaturfieber noch nicht vorbei – im Gegenteil: Ein ruhiges Plätzchen in einem Restaurant, einer Bar oder einer Buchhandlung zu finden ist in diesen Tagen unmöglich. Denn „Leipzig liest!“ und verteilt mit Europas größtem Lesefest die Bücherlust bis in die hintersten Winkel der Stadt. Man hört von allen Seiten, dass diese Tage doch niemals enden sollten – bis die Massen am Abend mit wunden Füßen nach Hause trotten. Man trifft sich nächstes Jahr bestimmt wieder: Vielleicht mit ein bisschen mehr E-Book, ein bisschen weniger Erotik, aber ­sicher mit demselben Eifer. Und mit – wie in diesem Jahr – erneut mehr als 250 000 ­Besuchern unter der Losung Buch ist mehr.

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