Für die örtlichen Muslime entsteht in Oberaichen derzeit eine Moschee. Foto: Michael Steinert

Der Moscheebau in Oberaichen steht in der Kritik. In der Diskussion wird das Gotteshaus aber oft mit dem geplanten Schülerwohnheim verquickt. An Letzterem scheiden sich die Geister. Warum eigentlich?

Leinfelden-Echterdingen - Der Streit um den Bau der Moschee in Oberaichen wirft seine Schatten inzwischen weit über Leinfelden-Echterdingen hinaus. Vor allem das an die Moschee angeschlossene muslimische Schülerwohnheim erhitzt dabei die Gemüter. Kritik daran kommt von vielen Seiten, und inzwischen auch aus Berlin. So jedenfalls können die Reaktionen der hiesigen Bundestagsabgeordneten verstanden werden, auch wenn sie sich darum bemühen, nicht weiter Öl ins Feuer zu gießen und die politische Diskussion vor Ort und die im Gemeinderat getroffenen Entscheidungen zu achten.

„Neben dem Bau von Moscheen und Schülerwohnheimen sollte die Kraft dazu verwendet werden, Brücken in eine offene und tolerante Gesellschaft zu bauen“, sagt etwa der CDU-Abgeordnete Michael Hennrich auf Nachfrage unserer Zeitung. „Dass man besonders kritisch hinterfragt, ob bestimmte Strukturen zu Parallelgesellschaften führen können, halte ich für legitim.“ Deutlicher wird der Filderstädter Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel von den Grünen. „Im Grundsatz vertrete ich die Meinung, dass Religionsunterricht, auch der islamische, unter staatliche Aufsicht und vorrangig in die öffentlichen Schulen gehört“, sagt er. Insbesondere sorgt er sich um das Frauenbild, dass in solchen Schülerwohnheimen vermittelt würde, wie er sagt. Der SPD-Abgeordnete Nils Schmid konnte bis Redaktionsschluss nicht antworten, weil er auf Dienstreise im Nahen Osten weilt.

Islamwissenschaftler sind sich uneins

Aber wie sähe ein solches Schülerwohnheim überhaupt aus? Noch ist das unklar, denn gebaut ist es noch lange nicht, und die Moschee selbst befindet sich gerade einmal im Rohbau. Doch darf vermutet werden, dass sich das hiesige Schülerwohnheim konzeptionell an andere Einrichtungen anlehnt, die der bundesweit agierende Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) deutschlandweit betreibt. Dieser Verband ist mit dem örtlichen Verein für Kultur, Bildung und Integration (VKBI), der die Moschee baut, eng verwoben.

Unstrittig ist, dass die Bewohner öffentliche Schulen in der Umgebung besuchen. Nach Schulschluss gehen sie ins Wohnheim, wo sie übernachten, statt zu ihren Familien. In Oberaichen ist die Rede davon, dass es Platz gäbe für 26 Kinder zwischen zwölf und 18 Jahren. Stellt sich die Frage, was nachmittags und abends hinter verschlossenen Türen geschieht.

Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Die Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann etwa stellte schon vor längerer Zeit fest, dass die Jugendlichen weitgehend isoliert leben würden, Freundschaften mit Schülern von außerhalb nicht erlaubt seien, und die Jugendlichen mit einem elitären Selbstbewusstsein ausgebildet würden.

Stimmt nicht, konterte die Migrationsforscherin Ursula Boos-Nünning. Die Wohnheime investierten viel Kraft und Zeit, um sich zu integrieren. Sie würden an Stadtteilfesten teilnehmen sowie Basare und Fußballturniere veranstalten. Die Jugendlichen würden zwar religiös, aber nicht dogmatisch erzogen.

Eine extreme islamische Lehre wird nicht vertreten

Ein Experte erklärt es gegenüber dieser Zeitung so: Der deutschlandweit agierende VIKZ greife eine Tradition auf, die türkische Gastarbeiter mitgebracht hätten. In der Türkei würden in solchen Schülerwohnheimen Kinder aus ärmeren, ländlichen Gebieten aufgenommen. Sie bekämen Zugang zu Bildung, manche könnten studieren, was letztlich Wohlstand und sozialen Aufstieg bedeute. An sich eine gute Sache, würden die Kinder dabei nicht religiös konservativ erzogen. Eine extreme islamische Lehre vertrete der VIKZ aber nicht.

Den Lokalpolitikern war dieses Eisen zu heiß. Vor allem, da sie erst vor Kurzem erfahren hatten, dass ein solches Wohnheim geplant ist. Bislang war stets von einer Wochenend- und Ferienbetreuung geredet worden. Auf dem Bauzaun in Oberaichen wiederum prangt ein Plakat, auf dem ein Kulturzentrum für Bildung und Integration angekündigt wird. Also entschieden die Stadträte vor anderthalb Wochen in nicht öffentlicher Sitzung mehrheitlich, das Grundstück zurückzukaufen, um unter anderem mitreden zu können, wenn es um den Bau des Wohnheims geht. Dabei hatte der örtliche VKBI das Grundstück erst vor wenigen Monaten von der Stadt gekauft und eine Klausel im bereits vor Jahren geschlossenen Pachtvertrag gezogen – nachdem der Verein jahrelang den Bau nur sehr schleppend vorangetrieben hat. Das bemerkenswerte schriftliche Bekenntnis des VKBI zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland im Vorfeld der Entscheidung überzeugte den Gemeinderat nicht.

Inzwischen hat sich der baden-württembergische Landesverband des deutschlandweit agierenden VIKZ geäußert. Man bedauere die Entscheidung sehr. „Wir dürfen keine Mauern, wir müssen Brücken bauen“, sagte der Vorsitzende Yavuz Kazanç und fügte hinzu: „Ja, wir sind fromme Muslime. Die Geschlechtertrennung ist Bestandteil unserer islamischen Lehre. Aber wir dürfen – wie jeder andere auch – die grundgesetzlich gewährten Rechte ebenso in Anspruch nehmen, wie wir seine Pflichten uneingeschränkt respektieren.“

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