Junge Menschen bereiten sich an der Pieks in kleinen Gruppen auf ihren Schulabschluss vor. Foto: Kanter

„Keine Noten, keine Hausaufgaben, keine Klassen, lernt ihr da überhaupt was?“ Diese Frage müssen sich Schüler der Freien aktiven Schule auf den Fildern immer wieder gefallen lassen. Dabei sprechen die Vorteile der Schule für sich.

Leinfelden-Echterdingen - Noah sieht nicht aus wie einer, der regelmäßig stört. Der junge Mann sitzt entspannt zwischen anderen Jugendlichen und erzählt von einem Ort, an dem er sich wohlfühlt. Viermal hat er schon die Schule gewechselt, bis ihn sein Vater nach anfänglichem Zögern an der Freien Aktiven Schule auf den Fildern angemeldet hat. Früher, erzählt der Jugendliche, habe er sich mit dem Klassenlehrer nicht verstanden. Er sei mit anderen Schülern oft in Streit geraten. „Das passiert hier auch mal“, sagt er. „Hier kann man es aber besser klären.“

Seit zwei Jahren besucht Noah die „Pieks“ – wie die Schule an der Leinfelder Schönbuchstraße auch heißt – und ist glücklich, sagt er. Die Grund-, Haupt- und Werkrealschule ist zwar staatlich genehmigt, folgt aber einem ganz anderen Konzept als Regelschulen. Das beginnt schon bei der Schülerzahl: Gerade einmal 51 Kinder und Jugendliche gibt es hier. Und es geht beim Schulgebäude weiter: Die ehemalige Glaserei gleicht von außen eher einer Scheune als einer Schule, und von innen einem kunterbunten Jugendhaus.

Die Erwachsenen heißen nicht Lehrer, sondern Begleiter. Es gibt keine festen Klassen, die Schüler werden vielmehr in die Stufen „Primaria“ und „Sekundaria“ aufgeteilt. Wer elf Jahre geworden ist, darf selbst entscheiden, ob er sich reif genug fühlt, um künftig bei den Großen mitzuarbeiten. Für die Jüngeren gibt es viel Raum zum Spielen: in der Bau-, Kuschel- und Leseecke.

Gelernt wird in kleinen Gruppen

Der Schultag beginnt nicht vor 9 Uhr mit dem Morgenkreis. Die meisten Schüler kommen früher, trinken einen Tee, bevor es losgeht. Dann wird geklärt, welche Angebote es am Tag gibt. Wer sich gerade auf eine Prüfung vorbereitet, hat allerdings einen festen Stundenplan. Die Schüler lernen meist in kleinen Gruppen und sitzen auf Stühlen, die andere aussortiert haben. „Wir schauen, dass wir sparsam mit dem Geld umgehen“, sagt Klaus Soukup. Er gehört zum Vorstand des Vereins, der hinter der Schule steht. Eltern bezahlen Schulgeld, das mit jeder Familie ausgehandelt wird, und kümmern sich darum, dass das Gebäude auch morgen noch steht, dass der Verein läuft.

Die Schüler entscheiden, wie, wann, was und wo sie lernen wollen. Am Ende eines Schuljahres muss niemand einen bestimmten Stoff geschafft haben. Die Kinder bestimmen die Regeln, tragen Verantwortung dafür, wer eingestellt und wer entlassen wird. „Vorher wird freilich erst geredet“, sagt Andrea Illetschko, die zusammen mit Heike Kammerer die Schule leitet. „Wir legen viel Wert auf Beziehungen, eine Kultur des Miteinanders. Deshalb duzen die Kinder uns auch.“

Autorität genießen die Pädagogen dennoch – „indem wir jeden Schüler ernst nehmen und für sich betrachten“, sagt Heike Kammerer. Die Jugendlichen entscheiden, ob sie sich auf den Hauptschul- oder auf den Werkrealschulabschluss vorbereiten wollen. „Bisher haben alle, die bei uns einen Abschluss machen wollten, diesen auch geschafft“, sagt Kammerer. Wer das Abitur machen will, muss noch eine andere Schule besuchen oder sich den Stoff in einer freien Gruppe selbst aneignen. „Dafür einen Raum anbieten zu können, das wäre unser Traum“, sagt sie.

Schüler müssen mit Vorurteilen leben

Die Medaille hat aber auch eine Kehrseite: Gleichaltrige, Leute von außen konfrontieren die Schüler nicht selten mit Vorurteilen: „Keine Noten, keine Hausaufgaben, lernt ihr überhaupt etwas?“ Marlene, Anna, Nicole und auch Oskar fiel es zunächst schwer, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Mittlerweile können sie viele Vorteile ins Feld führen. „Wir sind eine demokratische Schule“, sagt Marlene. „Jeder hat die gleichen Rechte.“ Anna erklärt: „Man glaubt an sich und weiß genau, was einem liegt.“ Oskar sagt: „Natürlich lernen wir hier viel. Beispielsweise Entscheidungen zu treffen. Nur wird man hier nicht so gehetzt wie an Regelschulen.“ Nicole betont: „Man lernt hier sogar besser, weil es Spaß macht.“ Unter dem Strich fühlen sich alle gut auf die Leistungsgesellschaft vorbereitet.

Dazu passt, dass die Schule seit ein paar Jahren regen Zulauf hat. Das Konzept kommt an. „Manche Eltern haben selber schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht“, sagt Soukup dazu. „Sie wissen, dass die Wege zum Ziel verschlungen sein können.“

Doch der Platz an der Schönbuchstraße wird langsam eng. Die Pieks sucht nach neuen Räumen und will bauen. Zunächst war dafür ein Grundstück im Stadtteil Stetten, dann ein Haus im Schmellbachtal im Gespräch. Mittlerweile liebäugelt der Schulverein mit einem Gelände in einem Neubaugebiet in Steinenbronn. Aus diesen Plänen kann laut Soukup aber erst in vier Jahren etwas werden.

„Unsere Schule ist keine Inklusionsschule“, stellt Heike Kammerer klar. Dennoch sind dort auch Schüler willkommen, „die nur wenig Chancen in Regelschulen haben“, wie Soukup sagt. Für alle Familien sei die Pieks nicht geeignet. Sie richte sich an Eltern, die darauf vertrauen, dass ihr Kind seinen Weg finden wird.

Freie Aktive Schulen haben unterschiedliche Ansätze

Neben der Freien Aktiven Schule in Leinfelden gibt es auf den Fildern noch eine zweite solche Einrichtung: nämlich in Degerloch. Die Schule wurde vor fast 20 Jahren gegründet. Seit zehn Jahren gibt es am Standort Degerloch einen Kindergarten, der nach demselben Konzept arbeitet. Wie die Leinfelder Schule hat auch die Degerlocher mit Standortproblemen zu kämpfen. So steht fest, dass sie auf den Bopseräckern, wo sie nach mehreren Umzügen seit 2009 ist, ziemlich sicher nicht bleiben kann. Das Gebiet ist für eine Erweiterung des örtlichen Sportvereins vorgesehen. Allerdings hat sich bisher kein passender Ersatz für die Schule gefunden.

Beide Freie Aktive Schulen arbeiten mit reformpädagogischen Ansätzen, haben sich aber nicht auf ein einziges Konzept festgelegt. Degerloch orientiert sich stark an Rebeca Wild und Maria Montessori, Leinfelden integriert das in den Alltag, was passt. Im Mittelpunkt steht immer der Schüler mit seiner Selbstständigkeit – nicht der Leistungsdruck.

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