Der Arbeitskreis Prostitution hat die Ausstellung „Echt.entfremdet“ ins Leinfelder Haus geholt. Als Auftakt zu seiner neuen Veranstaltungsreihe.
Auf den ersten Blick hat die Ausstellung nichts Schweres oder Bedrückendes. Die Frauen auf Daniela Helfrichs Bildern wirken fröhlich, sie lachen. Die bunten Farben der Künstlerin unterstreichen diesen Eindruck, der zunächst gewollt ist: Denn die Schau „Echt.entfremdet“ will Menschen, die in der Prostitution arbeiten in den Blick nehmen, von ihren Beweggründen und Sehnsüchten erzählen. „Es ist kein normaler Beruf, die Frauen aber, die dieser Tätigkeit nachgehen, sind normale Menschen. Sie sind oft Mütter, sie haben Familie“, sagt Silvia Vintila, Mitarbeiterin der Beratungsstelle Rahab des Kreisdiakonieverbandes im Landkreis Esslingen. „Das Milieu ist nicht schön, aber die Frauen sind es. Ihnen wollten wir eine Stimme geben.“
Die Beratungsstelle mit Sitz in Nürtingen, die Menschen berät und begleitet, die im Landkreis in der Prostitution tätig sind oder waren, hat die Ausstellung konzipiert, für die es mittlerweile Anfragen aus ganz Deutschland gibt. Die Schau war zunächst in der Esslinger Stadtkirche zu sehen. Von Freitagabend an wird sie auf Initiative des Arbeitskreises Prostitution Leinfelden-Echterdingen im Leinfeldener Haus gezeigt.
Menschen in der Prostitution erzählen ihre Lebensgeschichten
Zehn Frauen, die im Landkreis Esslingen in der Prostitution tätig waren oder sind, haben gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen von Rahab überlegt, was in ihrem Leben gut gelaufen ist und was nicht. Sie haben ihre Träume, Wünsche und Gefühle aufgeschrieben. Drei Aussagen der Protagonistinnen hat die Künstlerin jeweils auf die Bilder gebannt. Zwölf Lebensgeschichten sind entstanden. Zwei haben die Beraterinnen über sich selbst aufgeschrieben. Zehn haben sie gemeinsam mit ihren Klientinnen erarbeitet und anschließend vertont.
Die Texte sind in der Schau nicht sichtbar. Sie liegen quasi hinter den Bildern. Besucherinnen und Besucher können sie via Smartphone anhören. Ein QR-Code hilft dabei. Die Tonspuren stehen teils im krassen Gegensatz zu den Bildern. Silvia Vintila rät davon ab, sich mehr als drei Geschichten hintereinander anzuhören. Denn es sind keine „Gute-Nacht-Geschichten, keine Märchen und auch kein Lied vom Sieg“, wie eine der Protagonistinnen sagt. „Ich sehne mich nach Worten, die nicht wehtun, nach Händen, die nichts fordern, nach einem Ort, an dem ich nicht ständig gegen mich selbst kämpfen muss.“ Eine andere Frau erklärt: „Ich habe verlernt zu träumen.“ Obwohl Gewalt, Zwang und Unterdrückung zu diesem Job gehören, hat sie sich für die Arbeit in der Prostitution entschieden. Sie wollte ihren Kindern finanzielle Sicherheit geben, deren Trennung verhindern.
In einem Bordell von einem Verrückten mit dem Messer bedroht
„Ich wurde von einem Verrückten mit dem Messer bedroht“, heißt es in einer dritten Tonspur. Diese Frau beschreibt ihr Leben, als „trostlos, einsam und gefährlich“. Sie träumt davon, einmal die bedingungslose Liebe zu spüren. Jede Besucherin, jeder Besucher kann sich die Bilder als Kartenset mit nach Hause nehmen, um dort in Ruhe in die Texte hineinzuhören – in Worte, die Menschen in der Prostitution, über sich und ihr Leben zu erzählen haben.
Die Ausstellung ist der Auftakt zur zweiten Veranstaltungsreihe des Arbeitskreises ProstitutionLeinfelden-Echterdingen. Die Initiative hatte sich gegründet, weil es zwei Bordelle in Leinfelden-Echterdingen gibt: Das Luxor – den Nachfolgebetrieb des Paradise und das Laufhaus Stetten, das gerade geschlossen ist und umgebaut werden soll. Die Gruppe hat sich vorgenommen, über die Realität der Sexarbeit zu informieren, zu der Menschenhandel und Zwangsprostitution gehören.
Zu der Veranstaltungsreihe gehört auch ein Themenabend für Jugendliche. Am Mittwoch, 18. März, wird von 19 Uhr an, im Jugendhaus Areal ein Film über die Verführungskünste von Loverboys gezeigt. Loverboys schenken Mädchen zunächst viel Zuwendung. Sie spielen ihnen die große Liebe vor – mit dem Ziel, sie für die Sexarbeit zu gewinnen. Am 27. März läuft von 19 Uhr an im Leinfelder Haus der Film „Freier Wille“. Er gibt Einblicke in das System Prostitution. Anna Schreiber wird am Freitag, 10. April, von 19 Uhr an, im Leinfelder Haus darüber sprechen, was in Menschen vorgeht, die in der Prostitution tätig sind oder waren. Die Psychotherapeutin war in den 1980er-Jahren selbst zwei Jahre lang Prostituierte.
Ein paar Details
Eröffnung
Die Ausstellung „Echt.entfremdet“ ist bis Sonntag, 12. April, im Leinfelder Haus zu sehen. Sie wird an diesem Freitag, 13. März, um 18 Uhr eröffnet. Die Veranstaltungsreihe ist in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle Rahab, dem Verein Sisters, dem Jugendkulturzentrum Areal, der Volkshochschule Leinfelden-Echterdingen, der Leinfelder Frauengruppe und der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg entstanden.
Finanzierung
Die Finanzierung der Beratungsstelle Rahab ist prekär. Das Zwei-Frauen-Team, das Menschen berät und begleitet, die im Landkreis in der Prostitution tätig sind oder waren, wird bis Ende 2026 noch zum Teil von der Europäischen Union bezuschusst. Den Rest muss der Kreisdiakonieverband selbst tragen.