Seit Jahrzehnten weist die Schutzgemeinschaft Filder auf die elementare Bedeutung der Ackerböden hin. Foto: /Philipp Braitinger

Felder müssen häufig zugunsten von Wohnraum, Gewerbegebieten oder Straßen weichen. Die Schutzgemeinschaft Filder hebt den Wert der Äcker für die Natur, den Hochwasserschutz und die Nahrungsmittelerzeugung hervor. Zwei Experten bestätigen sie.

Der Druck ist groß, die Flächen auf den Fildern sind begehrt. Wie viele Äcker südlich der Autobahn in den Jahren 2000 bis 2020 bebaut wurden und was der Verlust an Landwirtschaftsfläche bedeutet, darüber haben die pensionierten Professoren Jean Charles Munch (Bodenökologie) und Willfried Nobel (Siedlungsökonomie) auf Einladung der Schutzgemeinschaft Filder vor rund 60 Besuchern am Donnerstagabend in der Echterdinger Zehntscheuer gesprochen. Das Thema des Abends lautete: „Die Filder – ein Lebensraum zerstört sich 2000 bis 2020“.

 

Der Trend kennt nur eine Richtung: Die Ackerflächen werden weniger, die überbauten Flächen wachsen. Willfried Nobel hat genauer hingesehen und präsentierte am Donnerstag Zahlen, die den Wandel der Flächen vom Ackerland zu Siedlungs-, Straßen- und Gewerbeflächen verdeutlichen. Sein Fazit: „Leinfelden-Echterdingen ist der Hotspot des Landwirtschaftsverlustes.“ Dort sind von 2000 bis 2020 prozentual besonders viele Äcker zwischen verloren gegangen, auch wenn es in Hektar in Filderstadt noch mehr waren.

Die Zersiedlung der Filder

Die Zersiedelung der Filderebene beschäftigt die Schutzgemeinschaft bereits seit Jahrzehnten. Der Vorsitzende Steffen Siegel erinnerte an die Geschichte der Zersiedelung. Schon mit dem Bau der Reichsautobahn in den 1930er Jahren hätten die Bauern Flächen abgegeben. „Das war die erste große Zerstörung“, sagte Siegel. Es folgte der Flughafenbau, der zu Kriegsbeginn fertig war. Ende der 1960er Jahre sei es die Idee, den Flughafen auszubauen, gewesen, die viele Menschen empörte. Dieser Plan wurde schließlich aufgegeben. In den 90er Jahren kam aber die Startbahnverlängerung, erinnerte Siegel. Die zweite Startbahn sei einige Jahre später indes verhindert worden.

Doch nicht nur der Flughafen verlange auf den Fildern immer wieder nach Flächen. So begann 2004 der Bau der Landesmesse, der eigentlich nicht zulässig gewesen und erst durch ein eigens verabschiedetes Gesetz möglich geworden sei. „Das war staatlich sanktionierter Landraub“, sagte Siegel. Derzeit bedrohten zwei Bahngroßprojekte die Äcker: Neben Stuttgart 21 ist es der geplante Pfaffensteigtunnel, der wegen der oberirdischen Baustelleneinrichtungen gutes Ackerland koste, so Siegel. Darüber hinaus wüchsen die Städte auf den Fildern. „Ein Ende ist nicht absehbar“, sagte der Schutzgemeinschaftsvorsitzende.

Steffen Siegel, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Filder, kritisiert den Flächenfraß seit Jahrzehnten. Foto: Lichtgut/Horst Rudel

Über die Bedeutung der Äcker sprach Jean Charles Munch. Der Professor für Bodenökologie erklärte, dass es mehrere tausend Jahre brauche, bis der Boden eine so gute Qualität habe wie auf den Fildern. Sei der Boden erst einmal bebaut worden, kehre die gute Bodenqualität nicht mehr zurück. Doch guter Boden sei wichtig für die Erzeugung von Lebensmitteln. Schon heute importiere Deutschland viele Lebensmittel. Gleichzeitig wollten viele Menschen mehr regional angebaute Biolebensmittel, meinte Munch. Doch die Biolandwirtschaft brauche noch mehr Flächen als die konventionelle Landwirtschaft, weil sie weniger Ertrag liefere.

Lebensraum für viele Mikroorganismen

Doch die Ackerböden sind nicht nur für die Lebensmittelerzeugung wichtig. „Es geht nicht nur um die Landwirtschaft“, betonte Munch. Die Böden seien auch Wasserspeicher und zudem Lebensraum für viele Mikroorganismen. Leider hätten Äcker keinen guten Ruf, im Gegensatz zum Wald, der gesetzlich besonders geschützt sei, obwohl Wirtschaftswälder oft Monokulturen seien. Ein Quadratmeter Acker könne rund 200 Liter Wasser aufnehmen, also eine ganze Badewanne. Trotz immer häufigerer Starkregen werde die Funktion der Äcker als Wasserspeicher aber immer noch vielerorts unterschätzt. Stattdessen würden oft teure Wasserrückhaltesysteme gebaut.

Aber was wäre zu tun, um die Äcker besser zu schützen? Oft entscheiden die Kommunen selbst, welches Land bebaut wird. Und oft fällt die Entscheidung gegen die Äcker und für ein neues Wohn- oder Gewerbegebiet aus. „Wir müssen denen ins Handwerk pfuschen“, empfahl Munch. Die Einwohner sollten sich zusammenschließen und auf die Stadträte und die Verwaltung zugehen.

Ähnlich sah es Willfried Nobel. Er betonte, dass die Kommunen bei der Abwägung für oder gegen Neubaugebiete die Bodenqualität stärker als bisher berücksichtigen sollten. Die Agrarverwaltung gebe zwar stets Stellungnahmen im Zuge der Bebauungsplanverfahren ab. Diese würden jedoch meist bei der Abwägung nicht besonders beachtet, hat Nobel beobachtet. Daher gelinge der Schutz der Böden nicht, wenn es nicht vor Ort ergänzende Initiativen zu den Gemeinderäten gebe. „Sie müssen den Finger in die Wunde legen“, riet Nobel dem Publikum.

Flächenfraß in Zahlen

Siedlungs- und Verkehrsfläche
In den Filderkommunen hat die Siedlungs- und Verkehrsfläche zwischen 2000 und 2020 um 11,4 Prozent zugenommen. In Leinfelden-Echterdingen waren es 13,4 Prozent (130 Hektar), in Filderstadt 16,7 Prozent (190 Hektar), in Ostfildern 8 Prozent (62 Hektar), in Neuhausen 11,8 Prozent (38 Hektar) und in Denkendorf 6,3 Prozent (18 Hektar).

Landwirtschaft
Im gleichen Zeitraum ist die Landwirtschaftsfläche geschrumpft: in Leinfelden-Echterdingen um 12,8 Prozent (137 Hektar), in Filderstadt sind es minus 9,3 Prozent (180 Hektar), in Denkendorf minus 3,8 Prozent (20 Hektar), in Neuhausen minus 6,4 Prozent (42 Hektar) und in Ostfildern minus 4,5 Prozent (60 Hektar).

Land
In Baden-Württemberg hat die Siedlungs- und Verkehrsfläche zwischen 2000 und 2020 wie in den Filderkommunen um 11,4 Prozent zugenommen (54 000 Hektar). Die Landwirtschaftsflächen sind landesweit im gleichen Zeitraum um 3,9 Prozent geschrumpft, was 66 000 Hektar entspricht. (Quelle: Willfried Nobel).