Geflüchtete Menschen sind auf Unterstützung bei Behördengängen angewiesen. Foto: Sebastian Kahnert/picture alliance /dpa

Weil immer weniger Geflüchtete nach Leinfelden-Echterdingen kommen, wird es auch weniger städtische Integrationshelfer geben. Ehrenamtliche springen in die Lücke.

Unter der Überschrift „Integration vor Ort – Stärkung kommunaler Strukturen“ fördert das Land Baden-Württemberg 34 Integrationsprojekte. Darunter ist auch ein Projekt des Vereins LE Kultur-Point. Es ist diesen Oktober an den Start gegangen und trägt den Namen Behördenlots*innen-Arbeitscoaching KP. Neun Ehrenamtliche helfen freitagnachmittags arbeitsuchenden Menschen, die beispielsweise aus Afghanistan, Syrien und Palästina kommen, beim Ausfüllen von Formularen. Sie wollen ihnen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern, unterstützen die Arbeitssuchenden beim Erstellen von Lebensläufen, Bewerbungsschreiben und bei der Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche. Der Verein mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen steht der Gülen-Bewegung nahe. Er hat vor allem türkische, aber auch deutsche Mitglieder und sich zum Ziel gesetzt, ein friedliches Zusammenleben zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen, Religionen und Nationen zu fördern.

 

Der Verein erhält im Laufe der kommenden drei Jahre insgesamt etwas mehr als 40 000 Euro vom Land. Er will dieses Geld für die Betreuung und Beratung geflüchteter Menschen einsetzen. Der Verein hat Computer und Drucker gekauft und zahlt den Ehrenamtlichen eine Pauschale aus.

„Menschen mit Migrationsgeschichten sind auf dem Arbeitsmarkt häufig unterrepräsentiert“, schreibt Akarsu, der Projektverantwortliche des Vereins, auf Nachfrage. „Da sie die Chancen und die Möglichkeiten sowie die Bewerbungsverfahren in Deutschland nicht kennen.“ Selbst wenn sie bereits über ein gewisses Maß an Deutschkenntnissen verfügen, seien sie oft nicht in der Lage, amtliche Schreiben zu verstehen oder sich um eine Stelle zu bewerben. „Wir helfen ihnen auch Wohngeld und Arbeitslosengeld zu beantragen. Wir füllen mit den Geflüchteten alle Anträge aus, die sie benötigen“, sagt der Vereinsvorsitzende Vedat Yörük. Zu den Ehrenamtlichen gehören auch Geflüchtete. Diese seien bereits mit den lokalen Strukturen vertraut, helfen anderen Migranten und dienen somit als Vorbilder, betont Akarsu.

Geflüchtete leben in Leinfelden-Echterdingen unter anderem im Gebiet Schelmenäckern in mobilen Bauten. Foto: Natalie Kanter

„Geflüchtete erhalten Hilfe durch neu ins Leben gerufene ehrenamtliche Strukturen, welche vom Land gefördert werden“, sagt Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell. Aus dem Projekt des Vereins ist mittlerweile ein gemeinsames mit der Stadt Leinfelden-Echterdingen geworden. Die Kommune hatte sich mit einer ähnlichen Idee beim Land beworben, nun werden Synergien genutzt. Das Integrationsteam der Stadt Leinfelden-Echterdingen werde durch das Projekt entlastet, betonen beide Seiten. Denn dort stehen größere personelle Veränderungen an.

Die Integration von Geflüchteten bleibt wichtig

„Die Integration von Geflüchteten ist nach wie vor wichtig“, sagt Oberbürgermeister Otto Ruppaner unserer Zeitung. Aber auch: „Die Anzahl der Integrationsmanager ist daran gekoppelt, wie viele Menschen zu uns kommen“. Da sich die Zahl der zuziehenden Geflüchteten deutlich verkleinert habe, reduziere sich auch das Integrationsmanagement. „Die Zugangszahlen von Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, haben sich dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr halbiert“, ergänzt Kalbfell.

Aktuell leben 1350 geflüchtete Menschen in Leinfelden-Echterdingen, die das Beratungsangebot durch das Integrationsmanagement wahrnehmen. 11,3 Stellen gibt es eigentlich in diesem Team, besetzt sind davon 9,66 Stellen. Zum Januar 2026 wird sich das Team zunächst auf 7,46 Stellen und zum April auf 6,46 Stellen verkleinern. Einige der Stellen waren von der Stadt finanziert, aber nur bis Ende 2026 beziehungsweise Ende 2027 bewilligt. Wenn die Zahl der Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, so gering bleibt, sollen sie nicht verlängert werden. Im Vorgriff dieser Veränderung hat die Stadt schon die Kündigung zweier Mitarbeitenden erhalten, informiert der Sozialbürgermeister. Die verbleibenden Integrationsmanager werden über das Land Baden-Württemberg finanziert. Die finanzielle Zuwendung bemisst sich nach der Anzahl der aufzunehmenden Geflüchteten. Gegenwärtig entspricht dies für Leinfelden-Echterdingen in etwa 3,3 Stellenanteile.

Eine Integrationskraft ist für 140 Menschen zuständig

Die Integrationsmanager haben bisher alle Geflüchteten mit Beratungsbedarf unabhängig von ihrer Bleibeperspektive beraten. Sie unterstützen die Zuwanderer dabei, bestimmte Ziele zu erreichen, beispielsweise was ihre Sprachkompetenz, ihre Bildung oder ihre Berufstätigkeit angeht. Eine Integrationskraft war für etwa 140 Geflüchtete zuständig. Dieser Betreuungsschlüssel soll auch künftig Anwendung finden. Will heißen: Werden es wieder mehr Geflüchtete, steige auch der Personalbedarf im Integrationsmanagement wieder an, betont der Bürgermeister.

Der Beratungszeitraum soll aber künftig auf drei, maximal vier Jahre begrenzt sein. Danach wird auf das Hilfsangebot der Regeldienste, das Jobcenter und den allgemeinen Sozialen Dienst verwiesen. Da in Zukunft vermehrt auch Geflüchtete in die Beratung des Sozialen Dienstes kommen werden, wurde dieser um fast eine volle Stelle aufgestockt – möglich macht dies ein Förderprogramm des Landkreises.