An die Friedhofsatmosphäre musste sich Domenico Crocco erst gewöhnen. Foto: Fatma Tetik

Wie sieht es eigentlich unter der Erdoberfläche von Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen aus? Was schlummert in der Tiefe und bleibt den Menschen für gewöhnlich verborgen? Eine Serie forscht nach. Heute: der Friedhofsaufseher.

Leinfelden-Echterdingen - Für Domenico Crocco beginnt jeder Morgen dort, wo andere ihre letzte Ruhe finden. Der 59-Jährige ist Friedhofsaufseher auf dem Waldfriedhof Leinfelden. Er hat fast täglich mit dem Tod zu tun. Seine Aufgabe ist es, Gräber auszuheben und sie zu schließen. Außerdem kümmert er sich mit seinem Team um die Pflege und Gestaltung des Totenackers.

Während Totengräber einst in mühevoller Knochenarbeit die Ruhestätten der Verstorbenen mit Schaufeln ausheben mussten, erledigt diese Aufgabe heute in der Regel ein kleiner Bagger. Gegraben wird bis zu einer Tiefe von 1,80 Meter; 2,30 Meter sind für die Doppelbelegung eines Grabes notwendig. Urnen werden in 70 Zentimetern Tiefe beigesetzt.

Sowohl Reihen- als auch Wahlgräber werden für eine bestimmte Zeit vergeben. Laut Friedhofssatzung liegt die sogenannte Ruhezeit von Reihengräbern in Leinfelden-Echterdingen bei 20 und bei Wahlgräbern bei 25 Jahren. „Rechtzeitig vor Ablauf dieser Zeit werden die Angehörigen benachrichtigt“, berichtet Domenico Crocco.

Beim Ausheben der Gräber gibt es auch kuriose Funde

Eine Verlängerung nach Ablauf der Ruhezeit für höchstens weitere zehn Jahre ist nur auf Antrag und unter bestimmten Umständen möglich. Und spätestens danach werden die Grabstellen neu belegt. Je nach Bodenbeschaffenheit ist der Körper eines Leichnams in dieser Zeit vollständig verwest. Manchmal kommt es allerdings auch vor, dass Domenico Crocco und seine Mitarbeiter beim Abräumen von Grabstätten nach Ablauf der maximalen Ruhezeit im Erdreich Knochen, Reste von der Bekleidung oder vom Sarg finden. „Die Überreste der Toten tasten wir nicht an, die bleiben in der Erde zurück“, erklärt Crocco. Bis die Grabstätten, deren Nutzungsdauer abgelaufen ist, nach der Umgrabung neu vergeben werden, vergehen nochmals einige Jahre.

Neben den üblichen Knochenfunden sind die Friedhofsmitarbeiter in der Vergangenheit schon auf kuriose Funde gestoßen. „Einmal ist eine Brandbombe ausgegraben worden“, berichtet Torsten Specht vom Amt für Umwelt, Grünflächen und Tiefbau, das auch für die Friedhöfe der Stadt zuständig ist.

Domenico Crocco und Torsten Specht (v.l.) Foto: Fatma Tetik

Domenico Crocco, der seit mehr als 20 Jahren auf dem Friedhof tätig ist, berichtet von einer Entdeckung, bei der sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Ende der 1990er Jahre habe er das Grab eines im Vietnam gefallenen Mannes ausheben müssen, um es neu zu belegen. „Als ich den Sargdeckel geöffnet habe, lag der Mann darin, als sei er erst neu beerdigt worden; der Körper war noch vollständig erhalten“, sagt Crocco. Der Verstorbene war nämlich nach seinem Tod einbalsamiert und in einem Zinksarg nach Deutschland überführt worden. Der gefallene Soldat wurde schließlich mit Einverständnis der Hinterbliebenen eingeäschert und dann auf dem Friedhof anonym beerdigt.

Der Verwesungsprozess wird heutzutage beschleunigt

Torsten Specht erklärt, dass man heutzutage darauf achtet, dass die Särge aus einem schnell verrottenden Holz gebaut werden, um den Verwesungsprozess zu beschleunigen. Mittlerweile gibt es auch sogenannte Öko-Urnen, die zu hundert Prozent abbaubar sind.

Für den Friedhofsaufseher Crocco ist die Arbeit auf dem Friedhof auch nach all den Jahren nicht zur Routine geworden. Crocco ist eigentlich Quereinsteiger. Vor seinem Wechsel in die Friedhofsbranche hat er in einer Spedition gearbeitet, die jedoch schließen musste. „Es ist eine krisensichere Arbeit“, sagt er über seinen Job. An die Friedhofsatmosphäre und die Nähe zu den Toten habe er sich anfangs erst gewöhnen müssen. „Das war eine große Umstellung und es hat eine Zeit lang gebraucht, damit klarzukommen.“

Die Schicksale der Hinterbliebenen lassen den Friedhofsaufseher auch nach 20 Jahren nicht kalt. Insbesondere dann, wenn Babys oder Kinder zu Grabe getragen werden, spüre er den überwältigenden Schmerz der Trauergemeinde. Es falle manchmal schwer, Abstand zu halten, sagt er.

Dann muss Domenico Crocco weiter – die Arbeit ruft. Auf dem Friedhof warten zwei Frauen auf ihn, die sich die Baumgrabstätten ansehen möchten. Sie wollen sich zu Lebzeiten einen der begehrten Plätze im schattigen Wald sichern.

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