Kim Jon-un (Mitte) beim Besuch einer Marineeinheit. Foto: dpa/KCNA/KNS

Nach über dreieinhalb Jahren steuert die nordkoreanische Fluglinie Air Koryo erstmals wieder Routen nach Peking und Wladiwostok an.

Als die Air-Koryo-Maschine Dienstagmorgen am Pekinger Flughafen landete, läutete sie eine neue Ära ein: Erstmals nach über dreieinhalb Jahren Covid-Isolation öffnet sich das Regime von Machthaber Kim Jong-un wieder der Außenwelt.

 

Kein anderes Land reagierte derart früh und radikal auf die Nachrichten über das mysteriöse Virus aus Wuhan. Als erster Staat schloss Nordkorea seine Grenzen zu China, und wohl als letzter öffnet er sie nun zaghaft. Die extreme Paranoia liegt auch darin begründet, dass das katastrophale Gesundheitssystem Nordkoreas nicht im Ansatz für eine Pandemie gerüstet ist.

Für Touristen bleibt die Grenze weiterhin geschlossen

Nun hat Air Koryo erstmals wieder kommerzielle Flugverbindungen gestartet, wenn auch zaghaft. Auf absehbare Zeit werden nur die Flughäfen Peking und die russische Hafenstadt Wladiwostok angesteuert. Für Touristen bleibt die nordkoreanische Grenze weiterhin geschlossen. Doch für viele Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner, die etwa in Lokalen in der chinesischen Hauptstadt arbeiten oder als Holzfäller im tiefen Osten Russlands beschäftigt sind, dürfte dies die erste Möglichkeit sein, seit Ende 2019 wieder in die Heimat zurückzukehren.

Auch für die internationale Staatengemeinschaft ist es ein gutes Zeichen, wenn sich das Land der Außenwelt öffnet. Während der Pandemie wurde es so schwer wie seit Jahrzehnten nicht mehr, unabhängige Informationen aus Nordkorea zu erhalten. Sämtliche Informanten hatten das Land verlassen – von den Hilfsorganisationen bis hin zu westlichen Botschaftsmitarbeitern.

Fest steht, dass das Land ökonomisch stark gelitten hat. Laut der südkoreanischen Zentralbank ist die nordkoreanische Volkswirtschaft 2022 das dritte Jahr in Folge geschrumpft. Der Geheimdienst in Seoul, dessen Angaben mit Skepsis zu betrachten sind, sprach davon, dass in diesem Jahr bereits 240 Nordkoreaner an Hunger gestorben sind.

Gleichzeitig hat Machthaber Kim Jong-un wohl selten mehr Ressourcen in sein Militär gesteckt. Regelmäßig lässt der 39-jährige Diktator Raketen testen, um die Entwicklung seines Waffenprogramms voranzutreiben. Die Botschaft, die Kim an seine verarmte Bevölkerung schickt: Nur durch militärische Stärke kann das Land seine Existenz sichern.

Das Atomprogramm bremst die Wirtschaft aus

Dabei ist es doch vor allem das nordkoreanische Atomprogramm, welches die eigene Wirtschaft ausbremst – weil es verhindert, dass die internationale Staatengemeinschaft ihr Sanktionsregime aufheben wird.

Fast täglich inspiziert Kim Jong-un derzeit Waffenfabriken, Marineeinheiten oder Raketentests. Die Bilder des scheinbar „rastlosen“ Machthabers prangen auf dem Titel der Arbeiterzeitung „Rodong Sinmun“. Hinter der Staatspropaganda steckt ein weiteres Kalkül: Die derzeit einzigen Erfolge, die das Regime für sich verbuchen kann, sind militärischer Natur. Im vergangenen Monat kam der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu nach Pjöngjang – mutmaßlich, um nordkoreanischen Munitionsnachschub für den Krieg in der Ukraine zu besorgen.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist kaum zu glauben, dass die jüngste nordkoreanische Charmeoffensive nur fünf Jahre zurückliegt. Damals traf sich Kim Jong-un sowohl mit dem damaligen südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in als auch mit Donald Trump. Doch die Verhandlungen über nukleare Abrüstung Nordkoreas scheiterten, ehe sie überhaupt richtig Fahrt aufnahmen.

Am Montag haben nun die südkoreanischen und amerikanischen Streitkräfte ihre jährlichen Militärübungen begonnen, bei denen auch Szenarien für einen möglichen Krieg auf der Koreanischen Halbinsel erprobt werden. Dass der Ernstfall eintreten könnte, ist unwahrscheinlich. Doch das Risiko steigt mit jeder Eskalation ein bisschen.