Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen: Melat Kejeta. Foto: imago/Jan Huebner

Die Äthiopierin Melat Kejeta, die nun für Deutschland Medaillen holt, schreibt eine märchenhafte Geschichte, der sie weitere wundersame Kapitel hinzufügen möchte. Zum Beispiel in Tokio.

Stuttgart - Valencia wird an diesem Sonntag zum Tummelplatz der Laufelite. Beim dortigen Marathon geht es für die Leichtathleten nicht nur darum, möglichst viele Konkurrenten hinter sich zu lassen. Sondern zugleich, zumindest für gut zwei Stunden, das Virus, das derzeit alle bewegt. Gerne wäre auch Melat Kejeta in die spanische Metropole gereist. Doch sie wurde ausgebremst – von einem positiven Corona-Test. Die zweiwöchige Quarantäne ist zwar längst vorbei, ein Start käme aus gesundheitlichen Gründen aber noch zu früh. Und würde womöglich ihre hohen Ziele für 2021 gefährden.

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Bisher liest sich die Geschichte von Melat Kejeta wie ein Kapitel aus dem Märchenbuch „Tausendundeine Nacht“. Der neue Komet am Laufhimmel ist 28 Jahre alt und stammt aus dem äthiopischen Hochland, wie so viele große Athleten. Zuletzt sorgte Kejeta bei der Halbmarathon-WM im polnischen Gdynia für eine Sternstunde. Sie rannte in 1:05,18 Stunden nicht nur Europarekord, sondern holte zudem Silber und Bronze mit dem Team – für Deutschland. „Das war Weltklasse“, meinte die frühere Top-Läuferin und heutige Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig zur Leistung von Kejeta, die den 25 Jahre alten deutschen Rekord der Ex-Stuttgarterin Uta Pippig um fast drei Minuten verbesserte. „Ich bin sehr glücklich, damit hätte ich nicht gerechnet“, sagte Kejeta – die für den Deutschen Leichtathletik-Verband ein Glücksfall ist.

„Laufen ist mein Leben und meine Leidenschaft“

Die märchenhafte Geschichte beginnt 2013, mit der Flucht von Kejeta aus Äthiopien. Weil sie in einem politischen Prozess gegen ihren Vater aussagen sollte, nutzte sie einen Wettkampf in Italien, um sich abzusetzen. Über Belgien kam sie nach Dortmund und Frankfurt, dann ins Erstaufnahmelager nach Gießen. Ihre Reise endete schließlich in Kassel, wo Winfried Aufenanger, der ehemalige Marathon-Bundestrainer, ein soziales Auffangbecken für gestrandete Läufer betreut. Es ist genau das, was Melat Kejeta tun wollte und tun will. „Laufen“, sagt sie, „ist mein Leben. Und meine Leidenschaft.“

Inspiriert wird sie dabei durch zwei große äthiopische Athleten, die sie allerdings nie persönlich kennengelernt hat – von Tirunesh Dibaba, der dreimaligen Olympiasiegerin und fünfmaligen Weltmeisterin („Wegen ihr habe ich mit Laufen begonnen“). Und von Abebe Bikila, der 1960 als Barfußläufer Marathon-Olympiasieger wurde.

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Der Weg von Melat Kejeta in Deutschland begann indes eher steinig. Zunächst jobbte sie als Putzfrau, ehe ihr ein lokaler Sponsor den Schritt zur Berufsläuferin ermöglichte – inklusive monatelanger Trainingslager in Kenia, Äthiopien und St. Moritz. Doch erst, nachdem sie den Einbürgerungstest bestanden und die deutschen Staatsangehörigkeit erhalten hatte, startete sie im Trikot mit dem Bundesadler ihren sportlichen Aufstieg, der sich schon bald richtig auszahlen könnte. In der Leichtathletik liegt das Geld bekanntlich auf der Straße, weshalb sie sich künftig auf die Marathonstrecke konzentrieren möchte. Auch um ihren polnischen Lebensgefährten zu unterstützen, den sie im Zug zwischen Frankfurt und Kassel kennenlernte (als Heiratsversprechen trägt sie einen Ring in der Nase). „Mein Mann ist noch in Ausbildung“, sagt Melat Kejeta , „also muss ich Geld verdienen.“ Da passt es, dass sich ihre Medaille wohl ganz gut versilbern lässt.

Der Traum von der olympischen Medaille

„Jetzt fängt Melats Läuferleben erst an, sie ist nun in ganz anderen Sphären unterwegs“, sagt ihr Manager Christoph Kopp, während er an die Halbmarathon-WM denkt. Ein gut dotierter Ausrüstervertrag ist in Aussicht, der Marathon höchst lukrativ. Erst einmal hat Kejeta die Königsstrecke von 42,195 Kilometern in Angriff genommen, in Berlin lief sie starke 2:23,57 Stunden. „Die Umstellung wird sehr schwer“, sagt Kejeta, „trotzdem würde ich gerne 2021 in Tokio um eine Olympiamedaille kämpfen.“

Es wäre das nächste märchenhafte Kapitel in ihrer beeindruckenden Geschichte.

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