Hanna Klein aus Schorndorf (rechts) schaffte es bei der Leichtathletik-WM ins Finale über 1500 Meter. Foto: dpa

Als erste deutsche Leichtathletin seit 26 Jahren hat Hanna Klein in London ein WM-Finale über 1500 Meter erreicht. Die 24-Jährige von der SG Schorndorf wurde im größten Lauf ihrer Karriere Elfte - und erzählt hinterher von dem Moment, in dem sie die Zeit gerne angehalten hätte.

London - Hanna Klein hat bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London das Finale über 1500 Meter erreicht. Nach dem Rennen sprachen wir mit der Läuferin aus Schorndorf.

Frau Klein, Sie sind als krasse Außenseiterin nach London gereist und standen plötzlich im Finale, umgeben von Olympiasiegerinnen und Weltmeisterinnen. Haben Sie schon realisiert, was Sie erreicht haben?
Nein, überhaupt nicht. Das wird auch noch eine Weile dauern. Ich war in den vergangenen Tagen voll im Wettkampfmodus. Schlafen, essen, regenerieren – man darf gar nicht groß nachdenken über all das, was gerade mit einem passiert. Sonst geht die Spannung verloren.
Wie fühlt sich das an, zum Höhepunkt des Abends vor 60 000 Zuschauern im Londoner Olympiastadion zu laufen?
Es ist ein einzigartiges Gefühl, das ich bisher nicht kannte und das ich nie vergessen werde. Das nimmt mir keiner mehr, egal was jetzt noch kommt. Schon der Einmarsch ins Stadion ist völlig unwirklich, wenn man die vielen Menschen sieht und diese unglaubliche Atmosphäre spürt. Dann steht man an der Startlinie, blickt um sich und denkt: Hätte ich doch nur ein bisschen mehr Zeit, um all das zu erleben und aufzusaugen. Es ist ein Momente, in dem man die Zeit gerne anhalten möchte. Aber dann geht es schon los.
Wie haben Sie den Lauf erlebt? Konnten Sie ihn genießen?
Ich habe versucht, ihn zu genießen, und das ist mir auch einigermaßen gelungen. Ich hätte nur gerne noch ein bisschen länger mitgehalten, als 500 Meter vor dem Ziel vorne plötzlich die Post abging. Aber irgendwo muss ich ja auch noch Luft nach oben haben. Diese Erfahrung nehme ich mit und weiß, dass ich noch viel Arbeit vor mir habe.
Auf der Zielgeraden haben Sie immerhin Genzebe Dibaba überholt, die Titelverteidigerin aus Äthiopien.
Es hatte sich schon im Halbfinale irreal angefühlt, an ihr vorbeizulaufen. Auf der anderen Seite ist es sehr beruhigend zu wissen, dass auch solche Läuferinnen nur Menschen sind.
Wie gehen Sie damit um, plötzlich im Mittelpunkt des Interesses zu stehen? In Deutschland waren Sie an diesem Abend die Hauptattraktion der WM.
Auch das gehört zu den Dingen, die mir die Weltklasse-Läuferinnen voraus haben. Ich kannte das bisher nicht, so viele Interviews zu geben. Dieses Interesse gab es bisher nicht an meiner Person. Damit muss man erstmal zurechtkommen. Auch das war eine schöne Erfahrung, aber eigentlich bin ich ein Mensch, der sich lieber im Hintergrund hält. Ich brenne nicht für solche Dinge, ich will am liebsten nur laufen.
Wird der Erfolg hier in London noch gebührend gefeiert?
Mal schauen. Mein Freund (der Schorndorfer Mittel- und Langstreckenläufer Marcel Fehr, Anm. d. Red.) ist spontan nach London gekommen. Wir werden sicher ein bisschen Sightseeing machen und andere Wettkämpfe im Stadion anschauen. Dann geht es aber auch schon bald zurück, denn am 18. August fliege ich zur Universade nach Taiwan. Darauf freue ich mich sehr, das wird hoffentlich auch ein unvergessliches Erlebnis.

Das Interview führte Marko Schumacher.

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