Die Wendlingerin Aileen Kuhn begeistert bei der WM in Tokio mit dem 9. Platz im Hammerwerfen.
„Es ist ein bisschen verrückt, ich habe es noch nicht ganz realisiert.“ Die Glücksgefühle nach einer nervenzehrenden Qualifikation ließen bei Aileen Kuhn nur langsam nach. Es waren am Sonntagmorgen Ortszeit erst ein paar Minuten vergangen, als die ersten Instagram-Posts es verkündeten: Kuhn hat es bei ihren ersten Weltmeisterschaften ins Finale der besten zwölf Hammerwerferin der Welt geschafft, mit einem Wurf auf 70,85 Meter (11. Platz). Dass Qualifikationen mitunter brutal sein können, zeigte sich am Ausscheiden der Weltjahresbesten Brooke Andersen nach drei ungültigen Würfen sowie der Mitfavoritin Rachel Richeson (beide USA), die bei 66,95 Meter hängen blieb. Auch die zweite Deutsche Samantha Borutta (Frankfurt) scheiterte als 20. mit 68,96 Metern in der Qualifikation. Im Finale erreicht Kuhn den starken 9. Platz.
Kuhn gehörte in Tokio zu den jüngsten Hammer-Werferinnen. Sie präsentierte sich am Finalabend vor 70 000 Zuschauern im Stadion überraschend ruhig und fokussiert. Man sah ihr an, dass sie die großartige Stimmung und Atmosphäre genoss, immer wieder schweiften ihre Blicke in den kurzen Pausen bis zum nächsten Wurf durchs Stadionrund. „Ich dachte immer: Weltmeisterschaften, ich bin 21 Jahre alt, noch so klein und jung, aber das bin ich gar nicht.“ Aufbauen konnte sich Kuhn an den hervorragenden Vorleistungen und Erfolgen, die sie in diesem Sommer als U-23-Europameisterin und als Deutsche Meisterin erzielt hat. Mit einer Bestleistung von 72,53 Metern angereist, durfte sie mit einem Finaleinzug zwar liebäugeln, doch so richtig realistisch schien ein solcher nicht zu sein. Sie sei einfach froh, in diesem Jahr zeigen zu können, was sie drauf habe und dass sie ihr Niveau so konstant abrufen konnte, erklärte sie.
Auch Trainer Florian Bauder ist in Tokio
Das Finale eröffnete die Titelverteidigerin und Olympiasiegerin von 2024, Camryn Rogers (Canada) mit einer Weite von 78,09 Metern. Auch Kuhn gelang mit der neuntbesten Weite von 69,30 Metern ein guter Einstieg in den Wettkampf. Das gab der 21-Jährigen die nötige Sicherheit. Über 69,64 Meter im zweiten flog der vier Kilogramm schwere Wurfhammer im dritten Durchgang auf 71,57 Meter. Mit dieser Weite wurde Kuhn am Neunte, nur zwei Zentimeter hinter der Achtplatzierten Katrine Jacobsen aus Dänemark (71,59). „Es war ein guter Wettkampf, ich bin aber ein bisschen traurig, dass am Ende nur zwei Zentimeter zu den Top-Acht gefehlt haben“, lautete die erste Reaktion von Kuhn, die gerne noch näher an ihre Bestleistung heran werfen wollte. „Aber es ist ein gutes Ergebnis, ich nehme die wertvollen Erfahrungen aus Tokio mit.“ Für Rogers endete der Wettkampf schließlich mit dem verdienten Titel. Im zweiten Durchgang warf die Kanadienerin mit 80,51 Metern neuen Landesrekord und setzte sich mit dieser Weite an die 2. Position der ewigen Weltbestenliste. Silber und Bronze gingen an China durch Jie Zhao (77,60 Meter) und Jiale Zhang (77,10).
Die letzte deutsche Werferin, die bei einer WM in einem Hammerwurf-Finale stand, war übrigens 2017 Kuhns Trainerin Katrin Klaas (41, Bestleistung 76,05 Meter), die das Wettkampfgeschehen allerdings von zuhause aus verfolgte. Betreut wurde Kuhn in Tokio und zuvor im mehrtägigen Pre-Trainingslager in Miyazaki von Hammerwurf-Bundestrainer Helge Zöllkau.
Bereits vor einer Woche ist auch der Köngener Mehrkampftrainer des Württembergischen Leichtathletikverbandes Florian Bauder mit seiner Athletin, der Siebenkämpferin Sandrina Sprengel (LG Steinlach-Zollern) zur WM gereist. Nach sieben Tagen Vorbereitung in Miyazaki geht es am Freitag los. Bauder traut seiner Athletin nach einem Muskelfaserriss, den sich die 21-Jährige im Mai zuzog und eine ganze Saison zu platzen schien, ein Ergebnis im Bereich ihrer Bestleistung von 6315 Punkten zu. Mit dieser Punktzahl ist Sprengel im August Deutsche Siebenkampfmeisterin geworden und hat sich damit auf den letzten Drücker für die WM qualifiziert. Bauder, der Sprengel seit sechs Jahren am Olympiastützpunkt in Stuttgart trainiert, sieht den ersten großen Aufritt auf der Weltbühne auch als wichtige Erfahrung, denn Sprengels Fernziel sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.