Drei Top-Talente auf dem Sprung (v.li.): Kugelstoßer Tizian Lauria, Zehnkämpfer Leo Neugebauer und Hochspringerin Johanna Göring. Foto: imago/Stefan Mayer, J. Grontzki, Chai v.d. Laage

Drei Leichtathleten aus der Region gehören zum deutschen Future-Team, das mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles gegründet wurde. Bis dahin kann und soll viel passieren.

Die deutsche Leichtathletik stellt sich für die Zukunft auf. 29 Sportlerinnen und Sportler gehören zum neuen Future-Team des Verbandes. Sie werden gezielt gefördert – weil ihnen zugetraut wird, bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles um Medaillen kämpfen zu können. Das Problem: Fünf Jahre sind im Leistungssport eine halbe Ewigkeit, so lange lässt sich nur schwer planen. Weshalb die Stars von morgen schon heute hohe Ziele haben. Das gilt auch für ein Trio aus der Region Stuttgart.

 

Johanna Göring und die magische Zwei-Meter-Marke

Johanna Göring Der Vergleich drängt sich auf – und legt die Latte zugleich hoch. Enorm hoch. Ulrike Meyfarth war 16 Jahre alt, als sie 1972 in München 1,92 Meter sprang und Olympiasiegerin wurde. Es dauerte fast fünf Jahrzehnte, ehe wieder eine 16-jährige deutsche Athletin diese Marke überquerte: Johanna Göring vom SV Salamander Kornwestheim. Anschließend war das Medieninteresse riesig, die bemerkenswerte Parallele ein großes Thema. Nur nicht für Johanna Göring. „Die Vergleiche haben mich zwar nicht genervt“, sagt sie, „doch am Ende ist wichtig, seinen eigenen Weg zu gehen.“ Daran arbeitet die Hochspringerin hart. Tag für Tag.

Mittlerweile ist die Stuttgarterin 17 Jahre alt, am Wochenende wird sie in Dortmund erstmals bei einer deutschen Meisterschaft der Aktiven starten. Und auch sonst geht der Blick der Abiturientin nach vorne – passend zur Nominierung für das Future-Team. „Das war keine Selbstverständlichkeit und hat mich sehr gefreut“, sagt die Zweitplatzierte der U-18-EM 2022, „weil es zeigt, dass die Verantwortlichen an mich glauben und meine Perspektive sehen.“ In Richtung Los Angeles – aber auch schon früher.

Johanna Göring kann sich vorstellen, schon 2024 bei den Sommerspielen in Paris dabei zu sein. Vor allem jedoch geht es ihr darum, sich weiterzuentwickeln. Langsam, aber kontinuierlich. Auch was die Höhen angeht. Ihre Bestleistungen stehen bei 1,92 Meter (Freiluft) und 1,90 Meter (Halle), dabei wird es nicht bleiben. „Völlig unabhängig von Medaillen bei Meisterschaften sind zwei Meter eine magische Marke, die ich unbedingt schaffen will“, sagt sie, „ich bin für mein Alter schon in großen Höhen unterwegs. Nun geht es darum, die Belastungen im Training stetig zu erhöhen, stabil zu bleiben, dazuzulernen und sich in den Wettkämpfen weiter zu steigern. Nur wer sich viel vornimmt, kann auch viel erreichen.“ Und zu immer neuen Höhenflügen ansetzen.

Tizian Lauria und die perfekte Drehstoßtechnik

Tizian Lauria Wie sich Stillstand in einer vielversprechenden Karriere anfühlt, weiß Tizian Lauria nur zu gut – dass es kurzzeitig nicht mehr voranging, hätte ihn beinahe seinen bislang größten Erfolg gekostet. Vor der U-20-DM im vergangenen Sommer in Ulm steckte der Kugelstoßer vom VfL Sindelfingen wegen einer Vollsperrung der Autobahn stundenlang in einem Stau fest, kam zu spät zur Anmeldung und wurde später trotz seines klaren Sieges disqualifiziert. Damit wäre auch die Reise zur U-20-WM nach Kolumbien hinfällig gewesen. Letztlich erhielt Tizian Lauria aber doch noch grünes Licht von den Funktionären – und holte Bronze. „Am Ende“, sagt der 19-Jährige, der in Filderstadt wohnt, „war es ein sehr, sehr schönes Erlebnis.“ Das Lust macht auf weitere Medaillen.

Entsprechend glücklich ist Tizian Lauria, zum Future-Team des Deutschen Leichtathletik-Verbandes zu gehören. „Ich fühle mich geehrt, nun stärker gefördert zu werden“, erklärt er, „Teil eines solchen Kaders zu sein erhöht das Ansehen. Und natürlich die Motivation.“ Was nicht unwichtig ist – schließlich gibt es für den künftigen Polizisten (derzeit studiert er und ist Oberkommissar-Anwärter) auch im Sport noch viel zu tun.

Tizian Lauria, der ebenfalls am Wochenende in Dortmund bei der Hallen-DM starten wird, hat mit der 7,26 Kilogramm schweren Männer-Kugel bisher eine Bestleistung von 18,50 Meter. Die Sommerspiele in Los Angeles sind zwar noch weit weg, die Gedankenspiele des jungen Athleten aber sehr konkret: „Dort habe ich das perfekte Alter, um erstmals vorne mitzumischen und eventuell eine Top-5-Platzierung zu schaffen.“ Das Problem ist, dass er dafür laut eigener Einschätzung „eine hohe 21er Weite“ stoßen müsste. Und damit gut drei Meter weiter als bisher. Das ist nicht unmöglich, wird aber doch eine ziemlich kraftraubende Aufgabe.

Um so viel draufzupacken, muss sich Tizian Lauria, der die Drehstoßtechnik nutzt, in allen Bereichen verbessern: in der Maximalkraft, der Schnellkraft, der Sprungkraft, der Koordination, der Dehnbarkeit, der Technik. „Mich reizt am Kugelstoßen, dass es so vielseitig ist“, sagt er, „ich habe vor, mein Trainingspensum kontinuierlich zu erhöhen, will mich langsam steigern.“ Und weitere Stillstände möglichst vermeiden.

Leo Neugebauer und die Sommerspiele in Paris

Leo Neugebauer Der Begriff Future-Team suggeriert, dass es sich um einen Kader voller Talente handelt, die ihre besten Zeiten noch vor sich haben. Zu dieser Kategorie zählt sicher auch Leo Neugebauer (22) – und trotzdem gibt es einen Unterschied zu vielen anderen Athleten: Der Zehnkämpfer von der LG Leinfelden-Echterdingen geht nicht nur bereits seit ein paar Jahren seinen eigenen Weg, er gehört auch schon seit dem Sommer 2022 zur Weltspitze. Trotzdem sagt er: „Ich stehe am Anfang meiner Karriere, deshalb ist die Eingruppierung ins Future-Team natürlich gerechtfertigt.“ Auch wenn die Sommerspiele 2028 nicht sein primäres Ziel sind.

Leo Neugebauer würde gerne den Sprung zur WM 2023 in Budapest schaffen, unbedingt dabei sein will er bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Unrealistisch ist das nicht. Im Gegenteil. Im vergangenen Jahr hat der Athlet aus Stetten seine Bestleistung auf glänzende 8362 Punkte verbessert, bei der WM in Eugene/Oregon belegte er Rang zehn und beendete danach seine Saison, obwohl er das Ticket zur EM in München gelöst hatte. „Von der Olympia-Norm für 2024 bin ich nicht mehr weit weg“, sagt er, „mit einem soliden Zehnkampf müsste das machbar sein.“ Zumal es derzeit richtig rundläuft.

Leo Neugebauer studiert und trainiert seit knapp drei Jahren in Austin/Texas, seine beiden Lebensinhalte lassen sich dort perfekt miteinander verknüpfen. Hörsäle und Sportstätten liegen direkt nebeneinander, auch ansonsten bietet der Campus alles, was ein junger Athlet, der Vorlesungen im Fach Wirtschaft besucht, benötigt, um sich entfalten und entwickeln zu können. „Derzeit bin ich verletzungsfrei und fühle mich körperlich fit, die Form stimmt“, sagt Leo Neugebauer, der die Hallensaison in den USA bestreitet und genau weiß, an welchen Elementen er noch arbeiten muss: „Ich will vor allem meine Höchstgeschwindigkeit steigern – Schnelligkeit benötigt ein Zehnkämpfer in allen Disziplinen.“ Ganz unabhängig davon, welchem Kader er angehört.