Johannes Vetter bei der Arbeit: Im Speerwerfen kann schon ein kleiner technischer Fehler zehn Meter kosten. Foto: imago/Chai v.d. Laage

Johannes Vetter gilt als bester Speerwerfer der Welt und hat hohe Ziele: Olympia-Gold, den Weltrekord, die 100-Meter-Marke. Zugleich ist er lokalpolitisch engagiert und absolut geerdet.

Offenburg/Stuttgart - In der Corona-Saison hat Johannes Vetter den Speer fünfmal über 90 Meter geworfen. Das ist eine herausragende Bilanz, die ihn motiviert – auch für Tokio 2021. „Mein Ziel ist der Olympiasieg“, sagt er, „alles andere wäre unglaubwürdig.

 

Herr Vetter, was machen Sie am Samstag?

Da werde ich meiner Schwester zum Geburtstag gratulieren, vielleicht gibt es auch ein Stück Kuchen. Warum fragen Sie? Habe ich irgendetwas nicht auf dem Schirm?

An diesem 5. Dezember wird bekannt gegeben, wer die Wahl des Welt-Leichtathleten 2020 gewonnen hat.

Damit habe ich mich, ehrlich gesagt, noch nicht groß befasst.

Warum nicht? Sie gehören zu den fünf Finalisten – noch nie hat ein Deutscher diesen Titel gewonnen.

Klar, in diesem erlesenen Kreis zu sein ist eine enorme Wertschätzung meiner Leistung. Aber da sind so viele Hochkaräter dabei, dass ich mir keine großen Chancen ausrechne. Langstreckler Joshua Cheptegei ist zu mehreren Weltrekorden gerannt, auch Stabhochspringer Armand Duplantis hat den Weltrekord verbessert – sie stehen ganz anders in der Öffentlichkeit, ihre Disziplinen haben einen größeren Stellenwert als das Speerwerfen.

„Ich bin in der Lage, Weltrekord zu werfen“

Trotzdem hatten auch Sie ein absolut außergewöhnliches Jahr.

Das stimmt.

Was war die größte Herausforderung?

Weil ich schon einige Verletzungen und auch familiäre Rückschläge zu verkraften hatte, wusste ich, dass ich mit widrigen Umständen ganz gut umgehen kann. Dass dies nun auch während der Corona-Pandemie geklappt hat, war wichtig für meinen Reifeprozess. 2020 hat mich als Sportler und als Mensch vorangetrieben und vorangebracht.

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Sie haben neun Siege in Serie geschafft, dazu fünf Würfe über 90 Meter. Wie ist das einzuordnen?

Meine Konkurrenten sind nicht so aktiv gewesen wie ich, nicht alle Wettkämpfe waren top besetzt. Und trotzdem war es Wahnsinn, die Leistung so stabil auf den Speer zu bringen. Erst recht, weil meine Disziplin sehr anfällig für kleine technische Fehler ist, die gleich mal zehn Meter kosten können. Die Konstanz, die ich hatte, gibt mir viel Rückenwind für alles, was noch kommt.

Ihr stärkster Wurf flog im polnischen Chórzow auf 97,76 Meter, weiter kam mit dem seit 34 Jahren vorgeschriebenen Speer nur Weltrekordler Jan Železný 1996. Ärgert es Sie, dass Ihr Versuch nicht noch 72 Zentimeter weiter ging?

Natürlich sinniere ich insgeheim manchmal, was passiert wäre, wenn ich den Weltrekord verbessert hätte. Was aber nichts daran ändert, dass ich mich über die Leistung immer noch sehr freue. Es war ein phänomenaler Wettkampf. Und einfach nur zu wissen, dass ich in der Lage bin, Weltrekord zu werfen, ist schon ein absolut geiles Gefühl.

Wann fällt der Weltrekord?

So etwas lässt sich nicht planen. Optimal wäre natürlich bei den Olympischen Spielen in Tokio (lacht). Allerdings würden mir dort auch 88 Meter reichen – wenn ich damit Gold gewinne.

„Das fühlt sich einfach nur krass an“

Ist auch irgendwann ein Wurf auf 100 Meter möglich?

Klar rechnet man. In Chórzow haben 2,24 Meter gefehlt, zugleich habe ich den deutschen Rekord dort um mehr als drei Meter verbessert. Ich würde sagen: Bei optimalen Bedingungen und einem weitgehend perfekten Wurf sind 100 Meter machbar. Die Frage ist nur, ob beides jemals zusammenkommt.

Wie muss ein optimaler Wurf aussehen?

Existenziell wichtig ist die Anlaufgeschwindigkeit, die nicht zu schnell sein darf, rund sieben Meter pro Sekunde. Denn ich bremse ja abrupt auf null herunter, in diesem Moment lastet das zehnfache Körpergewicht auf meinem Stemmbein – das ist mehr als eine Tonne. Zugleich muss sich im Körper eine enorme Spannung aus vielen Teilbewegungen aufbauen, über das rechte Bein und die Hüfte kommt es zu einer Verwringung. Und letztlich entlädt sich dann die komplette Energie über die Schulter im Abwurf. Die ganze Kraft geht ins Gerät, der Speer verlässt die Hand mit 110 Stundenkilometern.

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Wissen Sie in diesem Augenblick, wie weit er fliegen wird?

Die ganze Bewegung vom Stemmen bis zum Abwurf spielt sich im Bruchteil einer Sekunde ab, die Feinheiten sind in der Analyse nur dank Highspeedkameras zu sehen. Und trotzdem ist mir bewusst, ob es technisch gepasst hat. Ob ich die Energie in den Speer bekommen habe. Ob ich ihn im richtigen Winkel geworfen habe. Ich weiß also, ob er über 90 Meter fliegen wird oder nicht.

Was fühlen Sie bei einem perfekten Wurf?

Den perfekten Wurf gibt es nicht. Es gibt immer Details zu verbessern.

Was fühlen Sie bei einem nahezu perfekten Wurf?

Es ist unbeschreiblich, zu spüren, wie aus der geballten Kraft ein ziemlich optimaler Wurf wird. Das fühlt sich einfach nur krass an. Auch weil man in so einem Moment weiß, dass man bei all der harten Arbeit sehr Vieles richtig gemacht hat. Ich trainiere ja nicht, um 85 Meter zu werfen. Sondern um stabil über 90 Meter zu kommen.

„In unserer Kooperation sind wir nahe am Perfektionismus“

Ihr Trainer ist der frühere Topwerfer Boris Obergföll, er hat eine Bestweite von 90,44 Meter. Kann er Ihnen überhaupt noch etwas beibringen?

Ich mache öfter einen Spaß, indem ich ihm genau diese Frage stelle.

Wie fällt die Antwort aus?

So ein Jahr wie 2020 muss zur Regel werden. Wir arbeiten folglich gemeinsam daran, mein Niveau zu stabilisieren und in manchen Bereichen noch zu steigern. Mein Trainer hat mir schon so viele Erfahrungswerte mitgegeben, von denen ich extrem profitiert habe. Und trotzdem kann und will ich noch weiter von ihm lernen, so wie auch er immer noch dazu lernt.

An welche Bereiche denken Sie dabei?

Ich werde älter, das bringt automatisch neue Probleme mit sich. Immer wichtiger werden deshalb die Steuerung zwischen Be- und Entlastung und auch die Zusammenarbeit mit unserem medizinischen Team. Klar ist, dass Boris für meine Zukunft unabdingbar ist. In unserer Kooperation sind wir nahe am Perfektionismus, und dennoch haben wir den Ehrgeiz, irgendwann sagen zu können: Mehr war nun wirklich nicht mehr möglich.

Was ist 2021 für Sie möglich?

Mein Ziel ist der Olympiasieg.

Das ist mal eine klare Ansage.

Alles andere wäre unglaubwürdig. Und 2024 in Paris wird es nicht anders sein. Allerdings ist mir durchaus bewusst, dass dies ein langer, schwieriger Weg werden wird.

Werden die Sommerspiele 2021 in Tokio überhaupt stattfinden?

Da bin ich relativ sicher. Für mich geht es nur um die Frage, unter welchen Bedingungen.

Was wären Sie bereit zu tun – würden Sie sich zum Beispiel impfen lassen, wen dies eine Startvoraussetzung wäre?

Der Stellenwert Olympischer Spiele ist so hoch, dass es daran bei mir nicht scheitern würde. Wir sind doch ohnehin schon gläserne Athleten, haben die eine oder andere Einschränkung. Käme eine Impfpflicht dazu, wäre dies nur ein kleines Übel mehr. So denkt sicherlich die Mehrzahl der Athleten – für den sportlichen Erfolg geben wir alles.

„Die Schlupflöcher sind größer geworden“

Wie groß ist die Gefahr, dass sich die Corona-Pandemie negativ auf den Kampf gegen Doping auswirkt?

Ziemlich groß.

Inwiefern?

Ich hatte zuletzt Besuch eines Kontrolleurs. Wenn ich nun irgendein Symptom vorgetäuscht hätte, dass auf Corona hindeutet, wäre er wieder gegangen – ohne mich zu testen. Ich habe nichts zu verbergen, aber ich glaube schon, dass die Schlupflöcher größer geworden sind. Und dass sich dies auch auf die Chancengleichheit auswirken wird.

Athleten, die dopen wollten, haben sich doch auch bisher schon nicht abhalten lassen.

Das ist richtig. Nur ist der Weg derzeit eventuell noch leichter zu finden, weshalb noch mehr Sportler durch die geöffnete Tür gehen werden.

„Sport ist ein wichtiger Eckpfeiler unserer Gesellschaft“

Sie sind ein Mann der klaren Worte. Engagieren Sie sich deshalb politisch?

Ich war schon immer politisch sehr interessiert. Seit sechs Jahren lebe und trainiere ich in Offenburg, die Stadt und ihre Menschen haben mir viel gegeben. Das ist ein riesengroßer Faktor in meiner sportlichen Entwicklung. Als ich die Chance hatte, etwas zurückzugeben, habe ich diese genutzt.

Sie sitzen für die Freien Wähler im Offenburger Gemeinderat . . .

. . . und versuche nun, meine Stadt auch im Sportbereich voranzubringen. Denn Sport ist ein wichtiger Eckpfeiler unserer Gesellschaft.

Er ruht derzeit allerdings wegen der Corona-Beschränkungen weitgehend.

Gerade deswegen hoffe ich, dass der Breitensport möglichst bald wieder erlaubt werden kann. Ich erwarte von der Politik, dass sie intensivst über entsprechende Lösungen nachdenkt.

Wie könnten diese aussehen?

Es ist natürlich immer schwierig, eine Balance zwischen Einschränkungen und Freigaben zu finden, wie in so vielen anderen Branchen auch. Das Gemeinwohl und die Gesundheit aller muss an erster Stelle stehen. Bis dahin kann ich nur appellieren, dass die Menschen versuchen, sich auch daheim fit und gesund zu halten.