Eine Kämpferin, nicht nur auf der Laufbahn: Caster Semenya Foto: AP

Die Südafrikanerin Caster Semenya ist eine der besten Leichtathletinnen der Welt – und muss sich seit zehn Jahren gegen Anfeindungen wehren. Ein Kampf, der noch längst nicht zu Ende ist.

Lausanne - Eigentlich hätte der internationale Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne am Dienstag ein historisches Urteil verkünden sollen. Es geht dabei um das Startrecht intersexueller Athletinnen mit erhöhtem Testosteronspiegel, die sogenannte Testosteron-Regel, gegen die 800-Meter-Olympiasiegerin Caster Semenyanach langer Leidenszeit geklagt hat. Die Entscheidung wurde jedoch erneut vertagt. Bis Ende April.

Seit die damals 18-jährige Caster Semenya 2009 in Berlin jüngste Weltmeisterin der Geschichte über 800 Meter wurde, steht die Südafrikanerin im Mittelpunkt von Diskussionen um ihren Geschlechterstatus – wegen ihrer männlichen Statur, ihren muskulären Oberarmen und breiten Schultern, ihrer tiefen Stimme. Semenyas Körper produziert auf natürliche Weise deutlich mehr Testosteron als üblich. Dieser Hyperandrogenismus ist eine biologische Abweichung, die auf ein angeborenes Y-Chromosom zurückzuführen ist. Die Frage ist nun, ob sie aufgrund dieses intersexuellen Status eine Frau ist.

Intersexualität im Sport – hier geht es zu weiteren Beispielen zum Thema

Ihr sportlich erfolgreicher Weg wird seit langem begleitet von Anfeindungen, von Athleten und Funktionären ist immer wieder zu hören, sie sei ein „Mannsweib, das den Frauen die Medaillen wegnimmt“. 2010 erhielt Semenya ein Startverbot. „Sie ist eine Frau, aber vielleicht keine 100-prozentige“, erklärte der damalige Generalsekretär des Leichtathletik-Weltverbands (IAAF), Pierre Weiß. Ein halbes Jahr später durfte Semenya wieder starten. 2011 führte die IAAF eine Obergrenze für Testosteron ein, das Sexualhormon, das für die unterschiedliche Leistungsfähigkeit von Männern und Frauen sorgt. Semenya wurde elf Monate gesperrt. Sie kämpfte mit einer Hormontherapie und Knieproblemen, ihre Leistungen gingen zurück. „Diese Zeit“, sagt sie, „hätte ich ohne meine Familie nicht durchgestanden.“

2015 kippte der Cas nach der Klage der indischen Sprinterin Dutee Chand die Testosteron-Regel wieder, sie wurde ausgesetzt. 2018 wollte die IAAF die umstrittene Regel zum 1. November wieder in Kraft setzen. Dagegen hat Semenya zusammen mit dem südafrikanischen Verband vor dem Cas geklagt. Die IAAF tut sich bei der Argumentation offenbar schwer, zumal die wissenschaftlichen Studien, die zu dem Grenzwert von fünf Nanomol Testosteron pro Liter Blut führten, von drei britischen Wissenschaftlern als mangelhaft eingestuft wurden.

Semenya dominiert auf der Mittelstrecke

„Ich bin eine Frau – und ich will ich sein“, sagt Semenya (28) und bezeichnet die Testosteron-Regel als „verletzend und fehlerhaft“. Sportlich ist die Leichtathletin wieder obenauf, sie dominiert die Mittelstrecke. Neben zwei Olympia-Siegen und drei WM-Titeln gewann sie in den vergangenen drei Jahren über 800 Meter 27 Finals in Serie und liegt mit ihrer Bestzeit von 1:54,25 Minuten nur noch knapp eine Sekunde über dem ältesten Weltrekord der Leichtathletik (1:53,28) von Jarmila Kratochvilova aus dem Jahr 1983. Semenyas Leistungen in der Saison 2018 sind einmalig im Frauen-Laufsport. Sie absolvierte die 400 Meter unter 50 Sekunden, die 800 Meter unter 1:55 Minuten und die 1500 Meter unter vier Minuten. Damit eilt sie der Konkurrenz weit voraus.

2016 liefen beim Meeting in Zürich über 800 Meter drei Frauen mit intersexuellen Anlagen vorneweg: neben Caster Semenya auch Margret Wambuy (Kenia) und Francine Nyonbasa (Burundu). „Eine Farce“ nannten Kritiker diese Situation, Chancengleichheit sei nicht gegeben. Was nur zeigt: Semenyas Starts sind längst zu Rennen zur Identitätsfindung geworden. Aber auch der Sport muss sich grundsätzliche Fragen stellen – nach Ethik und Fairness, nach Gleichbehandlung und Würde von biologisch begünstigten Sportlerinnen, die als Frauen sozialisiert sind und mit ihrer vermännlichten Außenwirkung zu leben haben.

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