Fabian Heinle (li.) und Markus Rehm: Auf dem Sprung nach Rio? Foto: dpa

Fabian Heinle (VfB Stuttgart) und Markus Rehm (Bayer Leverkusen) hoffen auf einen Start bei den Olympischen Spielen im August in Brasilien. Doch es ist alles andere als sicher, dass die beiden Weitspringer in Rio landen werden. Weil sie Probleme mit der Norm haben.

Kassel/Stuttgart - Sie treten zwar gegeneinander an, werden aber getrennt gewertet. Sie kämpfen um die Gunst des Publikums, und doch macht jeder sein Ding. Fabian Heinle und Markus Rehm sind Weitspringer, der eine springt mit dem rechten Fuß ab, der andere mit einer Prothese. Doch trotz aller Unterschiedlichkeit eint sie ein Ziel – beide wollen im August in Rio landen. Bei den Olympischen Spielen. „Dort zu starten“, sagen sie, „ist ein großer Traum.“ Ob er sich erfüllt? Eher fraglich.

Fabian Heinle (22) ist eines der größten deutschen Talente, seine Bestweite steht seit einem Jahr bei 8,25 Meter – nur neun DLV-Athleten sind jemals weiter gesprungen. Das Problem: der U-23-Europameister vom VfB Stuttgart kam in dieser Saison nur schwer in Tritt, weil er schneller geworden ist. Hört sich seltsam an, ist aber leicht zu erklären: Heinle steigerte seine Sprintfähigkeit, verlor dadurch aber das Timing im Anlauf und hatte deshalb immer wieder Schwierigkeiten, das Brett zu treffen. Und dann kam auch noch Pech dazu.

Heinle fehlt ein Zentimeter zum Titel

Zur deutschen Meisterschaft reiste Heinle zwar als Titelverteidiger an, aber mit 7,77 Meter auch nur als Siebter der nationalen Jahresbestenliste. Doch im Wettkampf in Kassel steigerte er sich trotz der schwierigen Windverhältnisse um 14 Zentimeter, gleich zweimal landete er bei 7,91 m. Am Ende jubelte jedoch ein anderer: Alyn Camara (Bayer Leverkusen) holte Gold – mit 7,92 Meter. „Es ist schon ärgerlich, den Titel um einen Zentimeter zu verpassen“, sagte Heinle, „andererseits bin ich froh, dass ich langsam wieder an die acht Meter herankomme. Das ist die richtige Richtung.“ Vor allem mit Blick auf zwei wichtige Marken.

Glatte acht Meter sind die Norm für die EM im Juli, an diesem Mittwoch gibt der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sein Aufgebot für Amsterdam bekannt. Obwohl Heinle neun Zentimeter fehlen, hofft er auf eine Nominierung, die auch der Bundestrainer Uwe Florczak begrüßen würde. Weil er den Aufwärtstrend bei dem VfB-Springer sieht. Und weil dieser dadurch bessere Olympiachancen hätte. Die Norm liegt bei 8,15 Meter. Das ist weit, aber nicht unmöglich. „Am Donnerstag starte ich in Madrid, da wird es endlich mal warm. Und dann kommt vielleicht bei der EM die nächste Chance“, meinte Heinle: „Ich habe die Olympianorm drauf – allerdings muss dann alles zusammenpassen.“ Anders als in Kassel.

Dort sprang auch bei Markus Rehm nicht das Optimum heraus. Der gebürtige Göppinger, der als Jugendlicher nach einem Sturz mit dem Wakeboard in eine Schiffsschraube geriet und den rechten Unterschenkel verlor, kam aber immerhin auf 7,95 Meter – drei Zentimeter weiter als Meister Camara. In Deutschland darf Rehm, Sieger der Paralympics 2012 in London, an Meisterschaften der Nichtbehinderten teilnehmen, allerdings außerhalb der Wertung. Eine solche Regelung wünscht er sich auch für internationale Großereignisse, zum Beispiel für die Olympischen Spiele. Dass er in Rio neben den Paralympics die Chance auf einen weiteren Start bekommt, ist allerdings eher unwahrscheinlich – weil sich der Leichtathletik-Weltverband weiter bequem zurücklehnt. Der Präsident Sebastian Coe hat am Wochenende die IAAF-Regel der Beweislastumkehr noch einmal manifestiert: „Markus Rehm muss beweisen, dass er durch die Prothese keinen Vorteil hat.“

Rehm will die Faszination des paralympischen Sports zeigen

Das ist bisher nicht gelungen. Rehm hat durch die federnde Carbonprothese eine langsamere Anlaufgeschwindigkeit, dafür hilft sie beim Absprung – diese Tatsachen gegeneinander zu verrechnen, ist selbst für die Wissenschaftler, die den Sprungstil von Rehm biomechanisch analysiert haben, nicht möglich. Und dennoch gibt er die Hoffnung auf einen Doppelstart in Brasilien nicht auf: „Ich habe jetzt wenigstens mal einen Gesprächstermin bei der IAAF bekommen, bei dem ich meine Sicht der Dinge erläutern kann“, sagte er in Kassel, „ich würde bei Olympia gerne zeigen, wie faszinierend der paralympische Sport ist.“

Das ist ein hehres Ansinnen, und doch bleibt der Sprung nach Rio eine schwierige Sache. Für Markus Rehm, weil er nicht der Norm entspricht. Und auch für Fabian Heinle. Weil ihm die Norm fehlt.

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