Auf dem Weg zur Goldmedaille: Dafne Schippers (Mitte) gewinnt in Amsterdam über 100 Meter. Foto: dpa

Die Sprintkönigin Dafne Schippers ist in der Leichtathletik eine feste Größe – und das Gesicht der EM .

Amsterdam - Das altehrwürdige Olympiastadion in Amsterdam ist bei der Leichtathletik-EM bestens besucht, doch bis zur ersten Explosion der Emotionen dauerte es drei Tage. Dann lief Dafne Schippers. Sie ist das Gesicht der Titelkämpfe, es gibt kein EM-Plakat ohne ihr Konterfei. Die fliegende Holländerin gewann ihr Halbfinale über 100 Meter mit deutlichem Vorsprung (Endlauf bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) – und wurde gefeiert, als hätte sie schon den Titel geholt.

Das hat damit zu tun, dass das Selbstvertrauen der sportbegeisterten Niederländer derzeit arg ramponiert ist. Die Fußballer scheiterten schon in der Qualifikation zu einer EM, bei der halb Europa mitspielen durfte. Die Eisschnellläufer sind derzeit naturgemäß außen vor. Bleiben Formel-1-Pilot Max Verstappen – und Dafne Schippers. Sie ist nicht nur die Königin des Sprints, sondern einer der großen Stars der Leichtathletik. Nach einem kometenhaften Aufstieg.

Sind Schippers Leistungen zu gut, um sauber zu sein?

Ursprünglich war Schippers Siebenkämpferin. Sie hält gleich fünf Landesrekorde und holte vor allem dank ihrer schnellen Beine 2013 WM-Bronze. Doch irgendwann, als wieder einmal das Knie schmerzte, fragte sie sich, warum sie eigentlich pro Wettkampf zwei Tage schuftet, wenn sich mit ein paar Sekunden Rennerei viel mehr Geld und Renommee verdienen lässt. Also konzentrierte sie sich auf den Sprint. Mit Erfolg. Bei der EM 2014 in Zürich holte sie auf Anhieb Doppel-Gold – und schockte im Jahr darauf bei der WM in Tokio auch die Phalanx der Top-Sprinterinnen aus den USA und Jamaika. Zuerst gewann Schippers Silber über 100 Meter, dann sogar Gold über 200 Meter – und das auch noch mit neuem Europarekord von 21,63 Sekunden. Sie entthronte die DDR-Ikonen Marita Koch und Heike Drechsler (je 21,71), ist seither über 200 Meter die drittschnellste Frau der Geschichte hinter der mutmaßlichen Anabolika-Konsumentin Florence Griffith-Joyner (21,34), die mit 38 Jahren unter mysteriösen Umständen starb, und Steroid-Doperin Marion Jones (21,62/beide USA). Es ist eine ziemlich unfeine Gesellschaft, in der sich Dafne Schippers da bewegt, und schon allein deshalb stellt sich die Frage: Sind ihre Leistungen zu gut, um sauber zu sein?

In ihrer Geburtsstadt Utrecht interessiert das niemanden. Obwohl Schippers (24) erst am Anfang ihrer Karriere steht, wurde bereits eine Straße nach ihr benannt, in diesem Jahr soll eine Brücke folgen. Die muskulöse Blondine (1,79 m/68 kg) freut das, und sie vermittelt auch nicht den Eindruck, als müssten die Schilder irgendwann wieder abgeschraubt werden. „Ich habe mich für den Sprint entschieden. Was herauskam, ist unglaublich. Aber ich bin zu 100 Prozent sauber“, sagt sie an die Adresse der Skeptiker, „man kann doch einfach nur Talent haben und hart arbeiten. Mich machen solche Verdächtigungen wirklich etwas wütend.“

„Dafne Schippers ist ein absolutes Jahrhunderttalent“

Auch ihr Umfeld weiß natürlich, dass herausragende Leistungen in der Leichtathletik unter Generalverdacht stehen – erst recht nach dem jüngsten Doping-Skandal in Russland. Entsprechend bemüht sind Trainer und Managerin, ihr Kraftpaket, das sichtbar unter unreiner Haut leidet, ins rechte Licht zu rücken. „Usain Bolt gilt als genetische Ausnahme“, meint Coach Bart Bennema, „doch solche Ausnahmen gibt es auch unter weißen Menschen.“ Und Carine Messerschmidt sagt: „Dafne Schippers ist ein absolutes Jahrhunderttalent.“

In der Tat gibt es gewisse Ähnlichkeiten zu Usain Bolt. Wie der Superstar aus Jamaika überragt Schippers ihre Konkurrentinnen zumeist um einen halben Kopf, auch sie fliegt mit einer enormen Schrittlänge über die Bahn. Das findet auch der vierfache Olympiasieger Michael Johnson (USA) bemerkenswert: „Schippers sprintet fast boltesk.“ Es ist anerkennend gemeint, dabei bestehen logischerweise auch noch große Unterschiede. Vor allem, was die Erfolge angeht. Bolt erlief sich bisher neun Olympiasiege und elf WM-Titel, die Trophäensammlung von Schippers nimmt sich dagegen doch recht bescheiden aus. Ein Olympiasieg zum Beispiel fehlt ihr noch. Doch dass soll sich schon bald ändern, in gut einem Monat in Rio de Janeiro. Die passende Garderobe für die Siegesfeier an der Copacabana hat Schippers bereits im Schrank: Für die Mode-Zeitschrift Vogue posierte sie neulich in einem höchst extravaganten Kleid. Die Farbe? Gold natürlich.

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