Als einziger deutscher Leichtathlet führt Thomas Röhler die Weltjahresbestenliste an. Foto: dpa

Thomas Röhler ist die Nummer eins der Welt – und die Speerspitze des deutschen Teams für die Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam. Eine Medaille bei großen internationalen Titelkämpfen fehlt dem 90-Meter-Werfer noch.

Amsterdam - Auf die starken Frauen und Männer ist immer Verlass. Egal ob bei Olympia, WM oder EM – nach den Wettbewerben mit Kugel, Diskus, Hammer und Speer setzt stets das fröhliche schwarz-rot-goldene Medaillenzählen ein. Spötter sprechen deshalb schon länger von der deutschen Wegwerfgesellschaft. Auch bei der EM in Amsterdam, die an diesem Mittwoch beginnt, wird das wieder so sein. Speerspitze des deutschen Teams ist dann allerdings ein Mann, der bisher bei einem Großereignis noch nicht auf dem Podest stand: Thomas Röhler (24).

Der Student für Wirtschaft und Sport gehört seit einer Woche zu einem elitären Kreis: Im finnischen Turku warf er den Speer erst auf 91,28 m und kurz darauf noch einmal auf 91,04 m – er ist erst der 15. Athlet, der die 90-Meter-Marke übertroffen hat. Wie diese Leistung einzuordnen ist? „Sie ist phänomenal“, jubelt der Bundestrainer Boris Obergföll, „vergleichbar mit einem 100-Meter-Sprint unter 9,90 Sekunden.“

Begeisterter Fliegenfischer

Nun ist Thomas Röhler keiner, der zu großen Gefühlsausbrüchen neigt. Aber zufrieden war auch er nach dem Triumph von Turku – ohne sich damit zufrieden zu geben. „Speerwerfer sind nie fertig. Die Technik ist so komplex, dass sie sich immer verbessern lässt“, sagt er, „fürs Schulterklopfen bleibt noch Zeit – nach Olympia.“

Der Mann aus Jena hat viel vor in dieser Saison. Erst bei der EM, dann in Rio. Als einziger deutscher Leichtathlet führt er aktuell die Weltjahresbestenliste an, doch er kann mit der Rolle, Favorit auf Gold zu sein, gut leben: „Das motiviert mich eher, mein Ziel zu erreichen – noch weiter zu werfen.“

Röhler ist begeisterter Fliegenfischer, ihn zeichnet seine Gelassenheit aus. Und der WM-Vierte von 2015 hat gelernt, mit Druck umzugehen. Weil er weiß, dass er mit 24 Jahren noch ein junger Speerwerfer ist, dem die Zukunft gehört. Und, wenn alles passt, auch schon die Gegenwart. „Thomas ist ein Perfektionist“, sagt Bundestrainer Obergföll, „er könnte der deutsche Speerwerfer werden, der 44 Jahre nach Klaus Wolfermann wieder Olympiagold holt.“

Bis 2009 war Thomas Röhler Dreispringer

Im Speerwerfen geht es darum, die perfekte Kombination aus Kraft, Schnelligkeit und technischer Präzision zu finden. Das gelingt derzeit niemandem so gut wie Röhler. Und auch nicht so stabil. Würfe um 88 Meter? Sind längst die Normalität, Ausreißer nach unten gibt es kaum. Zwei Versuche über 90 Meter in einem Wettkampf, wie jetzt in Turku, gelangen überhaupt erst einem Speerwerfer – dem legendären Tschechen Jan Zelezny, der seine Karriere schon vor zehn Jahren beendet hat.

Röhler, der bis 2009 Dreispringer war und nicht über den massigen Oberkörper anderer Speerwerfer verfügt, gilt schon länger als großes Talent. Weil er schneller anläuft als jeder andere, extrem dynamisch ist und in der Schulter derart beweglich, dass er den 800 Gramm schweren Speer besonders lange beschleunigen kann. Und weil er seine Disziplin mit großer Leidenschaft betreibt. „Ein Speer, der durch die Luft fliegt, ist für viele Leute ein ergreifender Anblick“, sagt er, „das ist doch die beste Voraussetzung, um die Sportart in Deutschland zu entwickeln. Diese Herausforderung nehme ich gerne an.“

Erst in Amsterdam, dann in Rio. Wenn wieder Medaillen gezählt werden.

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