In Partylaune: Fans auf dem Berliner Breitscheidplatz Foto: dpa

Bei der runderneuerten EM in Berlin wird in diesen Tagen nicht nur um Medaillen gekämpft, sondern auch gegen den Bedeutungsverlust der olympischen Kernsportart. Es ist der Kampf gegen einen übermächtigen Gegner.

Berlin - Nachts um eins sitzt Gina Lückenkemper an einer langen Tafel und kommt nicht dazu, ihre Currywurst zu essen. Im Germany-Tanktop ist sie aus dem Berliner Olympiastadion in den EM-Club des Deutschen-Leichtathletik-Verbands (DLV) geeilt, einen flachen Anbau des Interconti-Hotels an der Budapester Straße. Bei Prosecco und Weißbier lassen hier in dieser Woche die Funktionäre, Sponsoren und sonstigen Freunde der deutschen Leichtathletik den Abend ausklingen. Viel besser als am Dienstag dürfte die Stimmung nicht mehr werden.

 

Die Leute erheben sich von ihren Sitzen, als Gina Lückenkemper über eine blaue Laufbahn in den Saal schreitet. Es gibt nicht viele, die nichts von ihr wollen. Ein Selfie, ein Autogramm, einen kurzen Plausch. Mit nicht nachlassendem Strahlen erfüllt die Sprinterin jeden Wunsch und nimmt von Jürgen Kessing eine Magnumflasche Henkel trocken entgegen. Der zweite Platz, den Lückenkemper am Abend im 100-Meter-Finale erreicht hat, eröffnet dem DSV-Präsidenten aus Bietigheim die Möglichkeit, eine neues Wortspiel zu finden: „Dieses Silber ist Gold wert.“ Belegt waren bereits die Formulierungen „Geschenk des Himmels“ (Ex-Präsident Clemens Prokop) und „absoluter Glücksfall“ (Sportdirektor Idriss Gonschinska).

Gina Lückenkemper ist erfolgreich und sieht gut aus

Gina Lückenkemper (21) ist mit ihrer Silbermedaille endgültig in jene Rolle geschlüpft, die schon lange vor der Heim-EM für sie auserkoren wurde: die Rolle der Retterin der deutschen Leichtathletik. Ihr Auftritt beschert der EM den ersten großen emotionalen Moment – und macht ein weiteres Mal deutlich, warum so viele Hoffnungen auf dieser jungen Frau aus dem Ruhrgebiet ruhen. Gina Lückenkemper ist erfolgreich und sieht gut aus, sie ist schlagfertig, authentisch, mitreißend. Kurz: Sie verkörpert alles, was es braucht, um zu einem Sportstar zu werden.

Die Probleme der deutschen Leichtathletik wären vermutlich kleiner, gäbe es mehr Athleten wie Gina Lückenkemper.

Die EM ist die größte Sportveranstaltung in Deutschland, ein siebentägiges Fest im Olympiastadion und auf dem Breitscheidplatz in der City-West. Stundenlang überträgt das Fernsehen auch Vorkämpfe im Hammerwurf. So viel Aufmerksamkeit ist der Leichtathletik in Deutschland lange nicht mehr zuteil geworden. So viel wird sie wohl auch lange nicht mehr bekommen.

Der Cheforganisator ist voller Tatendrang

In Berlin werden in diesen Tagen nicht nur Medaillen vergeben – hier wird auch das vielleicht letzte große Gefecht einer olympischen Kernsportart ausgetragen, die im Land des Fußballs ihr Dasein normalerweise in Spartenfernsehen und Ergebnisspalten fristet. Es ist ein Kampf gegen den Bedeutungsverlust und für die sportliche Vielfalt – ein Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, der kaum zu gewinnen ist, auch wenn nicht nur Lückenkemper alles dafür tut, sondern auch Frank Kowalski.

Dem Cheforganisator der EM ist nicht anzusehen, dass er seit Wochen kaum mehr als vier Stunden pro Nacht schläft. Gebräunte Haut und breites Lachen, ein etwas weit ausgeschnittenes T-Shirt über der weißen Röhrenjeans: Kowalski (54) sieht aus, als käme er gerade aus dem Urlaub. „Ich habe halt ein robustes Naturell“, sagt er, „uns Pfälzer haut so schnell nichts um.“ Seit drei Jahren ist der ehemalige Leistungssportler und Absolvent der European Business School in Oestrich-Winkel Tag und Nacht damit beschäftigt, das angestaubte Image der Läufer, Werfer und Springer auf Hochglanz zu polieren. Sein Konzept: „Innovationen, Innovationen, Innovationen.“ Denn: „Sport alleine reicht längst nicht mehr, um die Leute ins Stadion zu holen. Wir befinden uns im umkämpften Segment des Live-Entertainments.“

Auch der Ablauf ist komplett runderneuert

Allein neun Mitarbeiter seines 55-köpfigen Teams haben sich in den vergangenen Monaten darum gekümmert, den Menschen im Land die deutschen Leichtathleten auf neue Weise näherzubringen – nicht mehr über Resultate, wie Kowalski berichtet, sondern über „Storys, Inhalte, Content Marketing“. Rund 400 selbst produzierte Clips halfen dabei, eine wachsende Fangemeinde in den Sozialen Netzwerken im Internet aufzubauen. Eine Geschichte über die Leidenschaft des Speerwurf-Olympiasiegers Thomas Röhler fürs Fliegenfischen schaffte es in eine Anglerzeitung.

Runderneuert auch der komplette Ablauf der EM. Medaillenvergabe und Showprogramm auf dem Breitscheidplatz; im Olympiastadion fünf Moderatoren, zwei DJs, LED-Wände, Laserlinie beim Weitspringen, Feuerwerk bei Topleistungen. Dazu ein völlig veränderter Zeitplan. Fernsehgerecht aufbereitet, kompakt wie nie. Jeden Abend zack, zack, zack, und jeden Abend ein potenzieller deutscher Goldmedaillengewinner. „Uns ist es gelungen, die Leichtathletik komplett neu zu positionieren“, sagt Kowalski. „Was wir jetzt erleben, sind die modernsten Europameisterschaften, die es je gegeben hat.“

In einer VIP-Loge auf der Haupttribüne lehnt der EM-Chef an Dienstagvormittag an einem Stehtisch und blickt zufrieden hinunter auf sein Werk. „Epochal“ sei die Kugelstoß-Quali auf dem Breitscheidplatz gewesen; „sensationell“ findet er die Stimmung auf den Rängen, wo die Zuschauer auch einen 10 000-Meter-Läufer aus Norwegen bejubeln, der mit fast drei Minuten Rückstand ins Ziel trabt. „So muss es sein“, sagt Kowalski, „das ist Leichtathletik.“

Im Fernsehen rollt der Fußball

Dann hält der Mann, dem man einen rostigen Golf für den Preis eines neuen Passat abkaufen würde, kurz inne. „Jetzt muss ich zuschauen.“ Im Diskusring holt Olympiasieger Christoph Harting nach zwei ungültigen Versuchen zu seinem letzten Qualifikationswurf aus. Mit angewinkeltem Kopf schaut Kowalski der Scheibe hinterher, die auch diesmal außerhalb der vorgesehenen Zone landet. „Das ist natürlich ernüchternd.“ Geplatzt ist nicht nur eine deutsche Medaillenhoffnung, sondern auch das große Duell mit seinem verhassten Bruder Robert – genau das also, was der Marketingprofi unter einer „emotionalisierten Story“ versteht.

Es ist eines der Probleme der deutschen Leichtathletik, dass auch Sportinteressierte mit den Namen der meisten Athleten wenig anfangen können. Wie auch? Wenn nicht gerade WM, EM oder Olympia ist, bekommen sie die Sportler nicht zu Gesicht. Bei Facebook oder Instagram mag es schöne Storys geben, im Fernsehen aber rollt der Fußball. Anders als im boomenden Wintersport gibt es in der Leichtathletik keine eigene Serie, die sich ständig wiederholt. Dem Konzept der Diamond League – die Serie von Leichtathletik-Meetings wird seit 2010 ausgetragen – fehlt die Akzeptanz.

Am Sonntagabend ist schon wieder alles vorbei

Von der EM berichten die öffentlich-rechtlichen Sender mit Riesenaufwand. Am Sonntagabend aber werden sie ihr Equipment wieder abbauen. „Wir stehen eben nur kurze Zeit im Rampenlicht“, sagt Kowalski. Und danach? Der EM-Chef legt die Stirn in Falten. Auf „die Übersättigung des Fußballs“ setzt er und darauf, dass die Leichtathletik „weiter professionalisiert und modernisiert“ werde. Doch läuft die Zeit gegen ihn. Die Pläne, die blaue Laufbahn zugunsten der Bundesliga-Kicker von Hertha BSC aus dem Olympiastadion zu reißen, werden konkreter. Dann gäbe es in Deutschland gar kein Stadion mehr, das für große internationale Leichtathletik-Meisterschaften taugt. „Das wäre der größte Fehler und das schlimmste Zeichen, das man an den Sport weltweit senden kann“, sagt Gina Lückenkemper.

Am Sonntag wird sie noch einmal an den Start gehen. In der Sprintstaffel, die zum krönenden Abschluss werden soll. Es könnte für lange Zeit die letzte Party sein.