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Die Kugelstoßerin Christina Schwanitz peilt nicht nur das historische Triple bei der Heim-EM in Berlin an. Die 32-Jährige setzt sich auch für die Vereinbarkeit von Familie und Leistungssport ein – ein Kampf mit Hindernissen.

Stuttgart - Knapp 450 Kilometer sind es von Chemnitz auf den Mainzer Lerchenberg, doch die Fahrt von Christina Schwanitz ins „Sportstudio“ des ZDF endet schon auf halber Strecke. Bei Gotha knallt sie auf der Autobahn mit 140 Sachen in einen vor ihr fahrenden Anhänger. Ihr Mercedes ist Schrott, sie landet im Krankenhaus – und hat großes Glück. Es bleibt bei einem Schleudertrauma und einer Kapselverletzung an der Hand. „Ich hatte viele Schutzengel“, sagt Christina Schwanitz.

An den Unfall am vorvergangenen Samstagabend hat sie keine Erinnerung – Sekundenschlaf. Ein Zeichen dafür, dass in den vergangenen Wochen und Monaten vielleicht dann doch alles ein bisschen viel gewesen ist für die zweifache Mutter und Weltklasse-Kugelstoßerin des LV 90 Erzgebirge, die bei der EM in Berlin (7. bis 12. August) die Goldmedaille gewinnen will.

„Ich mach’ dann mal Pause, denn ich bin schwanger“

Knapp anderthalb Jahre liegt der Tag zurück, an dem Christina Schwanitz (32) in Leipzig wieder einmal deutsche Hallenmeisterin wurde und hinterher fröhlich verkündete: „Ich mach’ dann mal Pause, denn ich bin schwanger.“ Fünf Monate später, Anfang Juli 2017, brachte sie Zwillinge zur Welt, ein Mädchen und einen Jungen. Noch vor Weihnachten nahm sie wieder das Training auf. „Ich wollte wieder Zeit für mich haben, und zwar qualitative Zeit.“

Im vergangenen Mai stieg Christina Schwanitz dann in Halle in die Wettkampfsaison ein. Sie gewann nicht nur dort, sie gewann auch bei den anschließenden Sportfesten in Biberach oder Osterode, bei den Meetings in Madrid, Huelva oder Rabat. Bei zehn ihrer elf Wettkämpfe stand sie ganz oben auf dem Podium. Kein Siegstoß unter 19 Meter. In der europäischen Jahresbestenliste belegt die gebürtige Dresdnerin die ersten fünf Plätze. Nur in Monaco musste sie sich geschlagen geben – und wurde nach nur vier Stunden Schlaf am Tag darauf in Nürnberg deutsche Meisterin. Auf 20,06 Meter stieß Christina Schwanitz die Kugel, ihr erster 20-Meter-Versuch seit der Babypause, der sie endgültig zur haushohen Favoritin auf den EM-Titel machte.

Freudentränen nach dem Meistertitel in Nürnberg

Bevor sie am Tag darauf mit ihrem Auto verunglückte, stand die 115 Kilo schwere Frau mit Freudentränen auf dem Nürnberger Hauptmarkt: „Das war ein ganz besonderer Sieg, ich bin unheimlich stolz.“ Von den Qualen im Training berichtete die Weltmeisterin von 2015 („In den ersten drei, vier Monaten war ich klinisch tot“), von ihren Zweifeln („Es gab Momente, in denen ich mich gefragt habe, warum ich mir das antue“) und den 23 Kilo, die sie in der Schwangerschaft zu- und danach wieder abgenommen hat: „Ich hatte einen Körperumfang von 1,40 Meter. Als ich Bilder von mir sah, dachte ich: Ich passe doch gar nicht mehr durch die Tür.“

Ein Plädoyer für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hielt Schwanitz („Ich möchte gerne Mama-plus sein“) und beklagte die Schwierigkeiten, wenn Mütter beschließen, sich nicht allein um die Kinder kümmern zu wollen: „Wenn wir nicht so viele Freunde und Unterstützer hätten, wenn die Firma meines Mannes uns nicht entgegenkommen würde – dann könnte ich keinen Leistungssport mehr betreiben. Das sollte man sich in Deutschland auch mal überlegen.“ Im Juli war Schwanitz, eine so lebenslustige wie hochsensible Frau, nur an drei Tagen zu Hause – und verpasste nicht nur den ersten Geburtstag ihrer Zwillinge: „Es tut schon weh, wenn man die ersten Schritte seines Sohnes nicht miterlebt.“

In Berlin will Christina Schwanitz Historisches vollbringen

Es sind große Opfer, die Schwanitz in Kauf nimmt, um am Mittwoch nächster Woche im Berliner Olympiastadion Historisches zu vollbringen: Es ist noch keiner Kugelstoßerin gelungen, drei EM-Titel hintereinander zu gewinnen. 2014 reichten ihr in Zürich 19,90 Meter zur Goldmedaille, zwei Jahre später triumphierte sie in Amsterdam mit 20,17 Metern. In Berlin wolle sie nun wieder in Richtung ihrer Bestleistung von 20,77 Meter stoßen.

Das sagte Schwanitz am Tag vor dem Unfall – drei Tage danach nahm sie wieder das Training auf. Die Hand bereitet noch Probleme, das Schleudertrauma stört den Gleichgewichtssinn. Mit zwei Physiotherapeuten macht sie neuromuskuläres Training. Die Hauptsache aber ist: „Man hört im Kraftraum wieder ihr lautes Lachen“, berichtet Trainer Sven Lang: „Sie hat ihre positive Einstellung und ihre Lockerheit wiedergefunden.“

Eine Medaille fehlt noch – die goldene bei Olympischen Spielen

Es sind Eigenschaften, die ihr nicht nur den dritten EM-Titel bescheren sollen. Ein anderer fehlt noch: der Olympiasieg. Von Gold in Tokio 2020 träumt Christina Schwanitz – so lange müssen sich ihr Mann und die Zwillinge noch gedulden.

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