Überflieger von Ulm: Der Unterschenkel-amputierte Weitspringer Markus Rehm Foto: dpa

Markus Rehm ist deutscher Weitsprung-Meister und hat die EM-Norm erfüllt, dennoch ist sein Start in Zürich ungewiss. Eine schnelle und rechtzeitige Entscheidung ist aber nicht in Sicht.

Markus Rehm ist deutscher Weitsprung-Meister und hat die EM-Norm erfüllt, dennoch ist sein Start in Zürich ungewiss. Eine schnelle und rechtzeitige Entscheidung ist aber nicht in Sicht.

Ulm - Schon Kinder wissen das: Es ist angenehm, den Schwarzen Peter weiterreichen zu können. Da ist es eigentlich keine Überraschung, wenn sich Funktionäre des europäischen Leichtathletik-Verbandes EAA ähnlich verhalten. „Der europäische Kontinentalverband kann diese Entscheidung nicht treffen, das muss der Weltverband IAAF tun“, erklärte EAA-Generaldirektor Christian Milz. Punkt. Da hat Markus Rehm die internationalen Funktionärswelt ganz schön aufgerüttelt, sein Fall wird heftige Diskussionen heraufbeschwören. „Ich werde wohl für ein paar rauchende Köpfe sorgen“, hatte der 25 Jahre alte gebürtige Göppinger auch schon gleich nach seinem weiten Satz geahnt. Er dürfte recht behalten.

Die Akte Rehm. Der Unterschenkel-amputierte Weitspringer von Bayer Leverkusen hatte nicht nur den Titel bei den Meisterschaften der Nicht-Behinderten gewonnen, nein, er hatte – um dem ganzen die Krone aufzusetzen – mit seinen 8,24 Metern auch noch die Norm für die Qualifikation (8,05) für die Leichtathletik-EM in Zürich (12. bis 17. August) übertroffen. „Er hat die Norm und kann nominiert werden“, stellte Thomas Kurschilgen, der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), noch in Ulm nüchtern und sachlich korrekt fest. Einen Schritt weiter ging Christian Reif, nicht-behinderter Weitspringer und in Ulm von Rehm um vier Zentimeter überflügelt; er redete Klartext. „Wenn einer deutscher Meister ist und die Norm geschafft hat“, sagte der Rehlinger, „dann wäre es der korrekte Weg, ihn auch für die EM zu nominieren.“ Es sieht ganz so aus, als würde dies der DLV spätestens am Mittwoch auch tun.

Dann wächst das Dilemma an, es erhält nach einer nationalen auch eine internationale Dimension. Die Richtlinien der IAAF schreiben in Regel 144 vor: Ein Athlet darf keine Hilfsmittel verwanden, die dem Nutzer einen Vorteil bringen. Dummerweise ist weder erwiesen, dass die Prothese Markus Rehm auf sonst unerreichbare Weiten katapultiert, noch, dass sie ihn eben nicht mit Vorteilen ausstattet. Er war in Ulm unter Vorbehalt gestartet, mit Laser- und Hochgeschwindigkeits-Kameras waren alle Sprünge gefilmt worden, damit sich Biomechaniker damit auseinandersetzen können. Dabei werden Parameter wie Schrittlängen, Anlaufgeschwindigkeiten und Absprungwinkel ausgewertet und mit denen von nicht-gehandicapten Sportlern verglichen. Am Ende sollte eine Antwort stehen: Vorteil – ja oder nein? „Unser Problem: Es wurden erstmals diese Daten gesammelt“, räumte DLV-Generalsekretär Frank Hensel ein, „wir haben keinerlei Vergleich.“

DLV, EAA und IAAF benötigen eigentlich Zeit für eine derart wegweisende Entscheidung; die haben sie aber nicht. Es sind bei den Funktionären nun Sprint-Qualitäten gefragt – größtmögliche Schnelligkeit, am 12. August beginnt die EM. Der eine oder andere im DLV hat sich deswegen schon an die eigene Nase gegriffen. Etwa Uwe Florczak. „Wir haben geschlafen“, sagte der Weitsprung-Bundestrainer, „wir hätten früher überprüfen müssen, ob die Prothese ein unzulässiges Hilfsmittel ist.“ Rehm war bereits im Juli 2013 7,95 Meter weit gesprungen, seine Trainerin Steffi Nerius hatte den DLV im Dezember darauf hingewiesen, dass ihr Schützling die DM-Qualifikation „mit 99-prozentiger Sicherheit erbringen wird“.

Der Betroffene selbst bleibt erstaunlich unaufgeregt. „Ich verstehe die Diskussion, ich möchte einfach Klarheit haben“, sagte der Wahl-Leverkusener, der den Analysen des DLV „absolut vertraut“. Für Markus Rehm ist es keine Option, sich wie Prothesen-Sprinter Oscar Pistorius (Südafrika) zu den Olympischen Spielen und zur WM zu klagen. „Das kommt für mich keinesfalls infrage“, betonte der Weitspringer. Die IAAF dürfte diese klare Ansage sicher freuen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: