Ein Bild aus besseren Tagen: Tobias Sauter beim Gerlinger Solitudelauf 2010. Foto: Andreas Gorr

Der Leonberger Marathonläufer Tobias Sauter will innerhalb von 90 Tagen 15 Kilogramm abnehmen, um sich für den Hamburg-Lauf 2014 noch einmal fit zu machen – und lässt alle Welt via Facebook daran teilhaben.

Leonberg - Nein, so will Tobias Sauter seine Marathon-Karriere nicht beenden. Mit den Gedanken an Frustmomente, Rückschläge, Selbstzweifel und zahlreiche Verletzungen, die den Leonberger – der es 2009 an die deutsche Spitze geschafft hatte und der bei Welt- und Europameisterschaften dabei war – zuletzt oft zur Aufgabe zwangen. Wie bei seinem bislang letzten Auftritt über die 42 Kilometer bei den Deutschen Meisterschaften 2012 in München. Nach 19 Kilometern spürte er ein Stechen in der sogenannten Plantarsehen in der Fußsohle. Ein unerträglicher Schmerz. Sauter blieb stehen, zog seine Schuhe aus, schleuderte sie vor Wut von sich und irrte zu Fuß drei bis vier Stunden durch München, bis er im Zielbereich zurück war. Wieder ein Traum ausgeträumt.

Völlig desillusioniert legte er nach diesem Ereignis eine viermonatige sportliche Pause ein, wollte vom Laufen gar nichts mehr wissen. Im April dieses Jahres fing er langsam an zu joggen. Es sollte endlich wieder bergauf gehen. Dann bremste ihn ein Muskelfaserriss erneut aus. „Aus lauter Frust habe ich viel gegessen und das Bewusstsein für gesunde Ernährung verloren“, sagt Tobias Sauter. Kürzlich stand er auf die Waage – die zeigte 80,8 Kilogramm an. In seiner besten Läuferzeit hatte er ein Wettkampfgewicht von 62 Kilo. Der Moment für Sauter, die Notbremse zu ziehen. Spontan machte er sich einen Plan. In 90 Tagen will er 15 Kilogramm abnehmen und wieder fit werden. Sein Ziel ist der Hamburg-Marathon am 4. Mai 2014. „Da will ich noch einmal austrainiert und mit Freude am Start stehen, ich habe nicht mehr das ganz große Ziel, für Deutschland zu laufen, sondern will das für mich tun“, sagt Sauter, der kurz vor dem Abschluss seines Sportmanagement-Studiums steht, an seiner Master-Arbeit feilt und sich Gedanken um die berufliche Zukunft macht.

An seiner Herausforderung lässt er dennoch die Öffentlichkeit teilhaben – auf Facebook hat er eine Fanpage eingerichtet. Hier erzählt er seine Lebensgeschichte und seine Motivation, Leistungssport zu betreiben, kommentiert den aktuellen Stand seines Vorhabens. „Für mich ist das ein Ansporn, disziplinierter zu sein“, sagt Sauter, der kürzlich seinen 30. Geburtstag gefeiert hat. „Die Leute fragen oft, wie es mir geht, sie haben Interesse daran, und vielleicht kann ich andere motivieren, die einen ähnlichen Weg gehen möchten.“

Sein eigener sportlicher Weg – er war fast ein kometenhafter Aufstieg in die deutsche Marathon-Elite. Der 30-Jährige galt als Exot im Nationalteam, das 2009 zur Weltmeisterschaft nach Barcelona aufbrach. Tobias Sauter kam als 14-jähriger über einen Tennis-Freund zum Joggen. Sein erster Wettbewerb war ein fünf Kilometer langer Silvesterlauf. Der Ehrgeiz war geweckt. Mit Hilfe von Trainingsplänen aus Fachzeitschriften intensivierte er sein Pensum. Als 17-Jähriger lief er den ersten Marathon in Frankfurt, kam nach 3:16 Stunden ins Ziel. Es dauerte nicht lange, da knackte er die 2:30. Ab sofort trainierte er nach den Regeln des „Laufpapstes“ Peter Greif. 2007 wurde er Deutscher Marathon-Vizemeister. Trainer Waldemar Cierpinski, zweifache Olympiasieger, nahm ihn in sein professionelles Team auf.

Sauters Karrierehöhepunkt folgte 2009 beim Marathon in Düsseldorf, als er sich mit persönlicher Bestzeit von 2:17,26 Stunden – die noch immer Bestand hat – für die Weltmeisterschaft in Berlin qualifizierte. Auch die WM-Vorbereitung lief nach Plan – bis drei Wochen vor dem Start. Ein kleiner Tempolauf bei einem Volkslauf wurde ihm zum Verhängnis. Er trat in ein Schlagloch und hatte ab sofort Schmerzen. Sauter biss die Zähne zusammen, doch Berlin war die Hölle. „Millionen Zuschauer, ich war wie im Rausch, vier Runden durch die Stadt, aber es ging mir dreckig“,erinnert er sich. Die bittere Diagnose danach: Abriss des hinteren Oberschenkelmuskels und ein Bandscheibenvorfall.

Der Leonberger kam nach langer Verletzungspause zurück, qualifizierte sich 2010 für die Europameisterschaft in Barcelona. Dort nahm ihn der Mannschaftsarzt nach 30 Kilometer kurz vor dem Hitzekollaps aus dem Rennen. Wenige Wochen später flatterte ein Brief vom Verband ins Haus. Tobias Sauter war raus aus dem Kader. „An dieser Stelle ging einiges kaputt“, sagt er und erinnert sich an diesen enttäuschenden Moment. Er startete noch einige Versuche, um seine alte Form zu finden – der Erfolg blieb aus.

Sauters persönlicher Marathon hat mit dem Blick auf die Waage begonnen. „Ich will einfach aus meinem Tief rauskommen und wieder Spaß am Laufen haben.“ Sollte er es bis Hamburg schaffen, möchte er möglichst entspannt bleiben. „Es zählt nicht mehr nur die absolute Bestzeit.“

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