Vor dem Landgericht muss sich ein Hotelier für den Tod eines Gastes verantworten. Im Prozess werden seine Kontakte ausgeleuchtet. Dabei fällt auf, dass am Telefon offenbar nie über die mutmaßliche Tat gesprochen wurde.
Die Leiche, die an Ostern in einem Waldstück zwischen Esslingen-Sirnau und Deizisau von Spaziergängern gefunden wurde, gab viele Rätsel auf. Es hatte zunächst einige Tage gedauert, bis die 40-köpfigen Sonderkommission Camino herausgefunden hatte, dass es sich bei dem Toten um einen 59-Jährigen handelt, der in einem Stuttgarter Hotel gelebt hatte. Ihm gehörte eine große Summe Bargeld. 400 000 Euro lagerte er im Safe der Unterkunft. Ins Visier geriet schließlich sein Vermieter, der mit Komplizen den 59-Jährigen getötet haben soll, um an das Geld zu kommen.
Der 47-jährige Hotelier muss sich seit November vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord aus Habgier und veruntreuende Unterschlagung vor. Hat er die Taten begangen? Noch immer ist die 19. Strafkammer des Landgerichts damit beschäftigt, sich ein umfassendes Bild von den Geschehnissen am 17. April 2022 und vom Angeklagten, von dessen Umfeld und Geschäftsgebaren zu machen. Ein Urteil wird im März erwartet.
Blut an der Hosentasche des Opfers stammt vom Angeklagten
Mehrere Polizeibeamte waren am Mittwoch als Zeugen geladen. Dieser Prozesstag machte auch deutlich, dass die reale Welt von Ermittlern oft mehr mit Akribie als mit Action, wie es einem in Fernsehkrimis gerne vermittelt wird, zu tun hat. So wurden seitenweise die molekularbiologischen Untersuchungsergebnisse des Landeskriminalamts vorgelesen. Untersucht worden waren nicht nur viele Dutzend Reinigungstücher und zusammengeknüllte Taschentücher, Tapeten und Fasern aus dem Hotelflur, sondern zudem etliche Gegenstände. Darunter war auch der Kastenwagen, den die Überwachungskamera einer Firma auf dem Feldweg zum Leichenfundort zufällig filmte, Schuhe und auch ein ominöser Kleiderbügel, der am Tatort sichergestellt wurde. Die meisten dieser Spuren dürften wenig überrascht haben, wenn sie überhaupt etwas aussagten. So hatte der Angeklagte bereits eingeräumt, dass er den Fiat-Kastenwagen benutzt hatte.
Leiche in Kühltruhe gelagert – Wo ist die Box?
An dem Bügel wurde nur Blut des Opfers entdeckt. An der blutgetränkten Hose, die an der Leiche sichergestellt wurde, konnte eine Spur an der hinteren Hosentasche dem Angeklagten zugeordnet werden. Bei einem früheren Prozesstermin hatte der angeklagte Gastwirt bereits eingeräumt, mit seinem Langzeitgast an Ostern in Streit geraten zu sein und den Angriff des schwergewichtigen Mannes mit einer Hantel pariert zu haben. Die Leiche will der 47-Jährige – auch das hatte er laut dem Staatsanwalt im Lauf der Verhandlung berichtet – in einer Kühltruhe zwischengelagert und transportiert haben. Diese Box habe bislang aber nirgends gefunden werden können.
Interesse an Gold, Luxusautos und Immobilien
Als Zeuge wurde auch ein für die Telefonüberwachung des Angeklagten und weiterer Verdächtiger zuständiger Beamter gehört. Insgesamt wurde zeitweise bei sieben Anschlüssen mitgehört. Am Telefon sei nie über den Vorfall gesprochen worden. „Das war sehr auffallend. Es wird ein Gast getötet und keiner redet davon“, sagte er im Zeugenstand. Der Angeklagte sei ein viel beschäftigter Geschäftsmann gewesen, trotzdem habe er häufig persönliche Treffen vorgeschlagen. Von der Polizei untersucht wurden auch diverse Tablets und Handys. Den Auswertungen zufolge wurden nach der Tat vermutlich Daten gelöscht. Die sichergestellten Suchverläufe zeigten, für was sich der Angeklagte interessierte: unter anderem für Luxusautos, die sechsstellige Summen kosten, Goldpreise, Bitcoins oder zum Verkauf stehende Hotels und andere Immobilien.