Die Eltern waren drogenabhängig: Der Comicautor Shevek K. Selbert hat seine Familiengeschichte in Comicbänden verarbeitet. Nun erhält er in Stuttgart den Comicbuchpreis.
Familienfotos, Wiederbegegnungen weisen den Weg in die Vergangenheit, stehen am Beginn eines Comicbuches, das sich immer weiter vortastet in schwieriges Terrain. Shevek K. Selbert, so heißt es in der Begründung der Jury des Comicbuchpreises der Berthold Leibinger Stiftung, erweitere das biografische Erzählen um eine poetische Dimension und eine bemerkenswerte Haltung: „Bild- und Tonaufzeichnungen, behördliche Dokumente und Urkunden und vor allem Briefe aus dem Nachlass werden zu tragenden Materialien im Rückblick auf ein gelebtes, fernes Leben.“
Es ist ein besonderes, ein ungewöhnliches, kein glückliches Leben: Die Eltern des Zeichners waren abhängig von Heroin. Shevek K. Selbert zeigt eine Welt aus Rausch, Beschaffung, Prostitution, Verzweiflung aus der Sicht eines Kindes.
Auszeichnung für Doppelband
Schon 2025 war Selbert Finalist des Comicbuchpreises, mit einem ersten Band, der das Leben des Adoptivvaters seiner Mutter erkundete. In einem zweiten Teil, „Für einen Augenblick immer glücklich“, widmet er sich den frühen Lebensjahren seiner Mutter, die, selbst von ihren Eltern verschickt, zur Adoption gegeben wurde. „Wish you were here“, der dritte Band in Selberts gezeichneter Familiengeschichte, erzählt von der eigenen brüchigen, beschädigten Kindheit. Den Comicbuchpreis 2026 erhält er für Teil 2 und 3 der Reihe, die ab diesem Jahr erscheinen soll.
Shevek K. Selbert wurde 1981 in Worms geboren. „Damals“, erzählt er, „war es noch eine schöne Zeit, ein richtiges Familienleben, mit Nachbarkindern und so“. Die Mutter hat wechselnde Männerbekanntschaften – den Eisverkäufer, den Motorradfahrer – bis schließlich Wolfgang eintrifft, drogensüchtig. 1987 heiratet das Paar. Die Familie lebt mittlerweile in Frankfurt. 1989 wird Wolfgang tot aufgefunden. Die Mutter bricht zusammen.
Später schickt sie ihren Sohn zum leiblichen Vater – sie schreibt: „Ich entziehe“ und: „Ich will für ihn weiterleben, und dafür muss ich gesund werden.“ Der Sohn wartet, aber die Mutter meldet sich nicht wieder. 1992 ist auch sie tot, ein Opfer der Drogen. Und der Sohn lebt beim Vater, in einem kleinen Verschlag: „Dort gab es keine Liebe, keine Wertschätzung, Anerkennung. Es wurde nicht gesprochen, keine Geschichten erzählt, es wurde nicht gelacht. Es war eine sehr frostige Zeit.“ Der Zivildienst wird für Shevek K. Selbert zum Ausweg. Er leistet ihn in der Verwaltung eines Altersheims in Backnang. Später studiert er Pädagogik und Philosophie in Mainz, verlängert sein Studium, um weiterhin als akademische Hilfskraft arbeiten zu können, findet sich erneut in einer biografischen Sackgasse, schafft aber den Sprung nach Freiburg, promoviert.
Von den Eltern verlassen, die selbst verlassen wurden
Seine wissenschaftlichen Interessen sind dabei stets mitbestimmt von der eigenen Problematik: „Ich konnte mit den Lebensgeschichten anderer Menschen arbeiten. Ich habe 15 Jahre lang Biografieforschung betrieben“, sagt er. Und schließlich wandte er sich der eigenen Biografie zu. „Wish You Were Here“ von Pink Floyd, dies erzählte ihm sein Vater, sei einmal das Lieblingslied seiner Mutter gewesen. Nun ist es der Titel des Buches, in dem der Sohn davon erzählt, wie er verlassen wurde, von Eltern, die selbst verlassen wurden. Es ist ein Buch, in dem sich der nüchtern fragende und doch sehr unsichere Blick des Erwachsenen mit der Einfühlung in das Kind von einst vermischt, in dem Nähe und Distanz, Betroffenheit, Entfremdung ineinander verschränkt sind.
Es gleicht einem gezeichneten Familienalbum, in das auch Bilder Eingang fanden, die in anderen Alben fehlen würden. Die Mutter ist noch immer die Mutter, ihre Liebe verschüttet, aber nicht zerstört, die Spritze ist der Weihnachtsmann, und der kleine Klaus – so der Name, unter dem Shevek K. Selbert im Buch auftritt – ist der kleine Prinz auf dem Junkieplaneten. Und all dies ist Vergangenheit, aber längst nicht vorbei.
Verleihung im Stuttgarter Hospitalhof
Am Freitagabend wird Shevek K. Selbert im Stuttgarter Hospitalhof mit dem 12. Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet. „Geschafft habe ich es deshalb nicht“, sagt er. „Ich bin noch mitten darin.“ Und im Buch schildert er, wie er bei der Polizei in Frankfurt um die Obduktionsberichte seiner Eltern anfragte, und bemerkt, nun viel älter: „Wieder so ein Versuch, etwas von außen zu fassen, was innen entgleitet. Ich wollte sehen, um zu erinnern, und verstehen, um zu heilen.“