Was tun, um mehr junge Leute für den Lehrerberuf in Baden-Württemberg zu interessieren? Die Frage ist zentral, die Antwort schwierig. Ein Schlaglicht auf die Lage, die sich immer weiter verschärft.
Trösten wird es die verantwortlichen Politiker hierzulande nicht, dass die Gewinnung von Lehrkräften in allen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zu einer immer größeren Herausforderung wird. Viele Staaten haben Schwierigkeiten, eine ausreichende Zahl qualifizierter Pädagogen zu finden. In Baden-Württemberg wie auch in ganz Deutschland sind die Lücken bei der Lehrerversorgung in jedem Schuljahr spürbar, und sie drohen noch erheblich zu wachsen: In den nächsten Jahren werden viel mehr Pädagogen pensioniert, als Junglehrer die pädagogischen Hochschulen und Universitäten verlassen.
Die letzte Regierungsprognose zum Lehrerbedarf im Südwesten ist drei Jahre alt und schon deshalb überholt, weil mittlerweile nicht mehr nur die Geburtenraten steigen, sondern geflüchtete Kinder aus der Ukraine und der 2021 beschlossene Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule damals noch nicht absehbar waren. Mangels neuerer offizieller Zahlen kann die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sich auf umso mehr Interesse freuen, wenn sie an diesem Freitag eine eigene Bedarfsprognose für Baden-Württemberg vorlegt, über die unsere Redaktion im Lauf des Tages ausführlich berichten wird.
Bei der Bezahlung privilegiert
Wie groß der Bedarf ist, ist aber nur die eine Seite der Medaille, wie er zu decken ist, ist eine ganz andere Frage. Interessante Einblicke gibt dazu die internationale Vergleichsstudie „Bildung auf einen Blick“, die die OECD vor wenigen Tagen vorgestellt hat.
Im Blick auf die Bezahlung können die Pädagogen in Deutschland sich als privilegiert betrachten: Nur ein Land – nämlich Luxemburg – bezahlt seine Lehrkräfte besser als es in Deutschland üblich ist. Bei 77 000 Dollar – die OECD rechnet alle Finanzangaben zugunsten der Vergleichbarkeit in US-Währung um – liegt das Einstiegsgehalt der Lehrkräfte in Deutschland in den weiterführenden Schulen. Luxemburg liegt mit 81 000 Dollar noch ein bisschen weiter vorne. Damit verdienen die Lehrkräfte in Deutschland fast ein Drittel mehr als ihre Kollegen im OECD-Durchschnitt (53 682 Dollar).
Auch im Vergleich mit den Verdienstmöglichkeiten anderer akademischer Berufe muss sich das Lehrergehalt in Deutschland laut dieser Studie nicht verstecken. Die OECD-Forscher stufen es im Gegenteil als vergleichbar ein. In den Jahren 2015 bis 2021 sei die Bezahlung „von einem sehr guten Stand auf einen noch besseren Stand“ gehoben worden, sagt der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher dazu.
Zu wenig Unterricht – zu viele Nebenaufgaben
Bei der Arbeitsbelastung der deutschen Lehrkräfte hat der OECD-Vergleich einen zwiespältigen Befund ergeben: Auf der einen Seite liegt die Unterrichtsverpflichtung für die deutschen Lehrkräfte mit 691 Jahresstunden in der Grundschule, 614 Stunden in der Sekundarstufe und 610 Stunden in der Oberstufe – deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Das entspricht Platz 19 von 37. In der Gesamtarbeitszeit liegt die Bundesrepublik mit 1795 Lehrerarbeitsstunden im Gegensatz dazu knapp hinter der Schweiz (1866 Stunden) auf Rang 2. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 1543 deutlich darunter. Die geringe Unterrichtszeit wird in Deutschland also ergänzt durch einen überdurchschnittlichen Anteil von Zusatzaufgaben.
Fehlt es an Anerkennung?
Andreas Schleicher kommt in seiner Gesamtanalyse denn auch zu dem Schluss, dass es dem Lehrerberuf in Deutschland nicht an finanzieller Attraktivität mangelt. Der Lehrermangel erkläre sich nicht durch Geld, erläutert er bei der Vorstellung der Studie in Berlin. So sei in Finnland die Bezahlung eher mäßig, dennoch gebe es viel mehr Bewerber als Stellen. Aus seiner Sicht fehlt es in Deutschland an der „intellektuelle Attraktivität“ des Berufs: Lehrer wollten nicht nur Einzelkämpfer sein, sondern im Team an der Entwicklung von Unterricht arbeiten oder Kinder individuell, auch außerhalb des Klassenverbands fördern. Dazu biete der Schulalltag den Pädagogen hierzulande offenbar zu wenige Möglichkeiten. Außerdem gebe es in Deutschland nur wenige Aufstiegsmöglichkeiten für Lehrkräfte.
Auch Karin Prien (CDU), Schulministerin in Schleswig-Holstein und Präsidentin der Kultusministerkonferenz, betont, dass die Attraktivität des Berufs nicht nur am Geld hängt. Aus ihrer Sicht fehlt es auch an gesellschaftlicher Anerkennung für das, was Lehrer leisten. Außerdem sei es dringend notwendig, die Lehrkräfte von außerunterrichtlichen Pflichten zu entlasten.