Ein Teilzeitlehrvertrag ist vor allem für Frauen attraktiv. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Immer weniger Lehrer unterrichten mit vollen Deputaten. Vor gut drei Jahren hat das Kultusministerium angekündigt, man werde Teilzeitanträge strenger bescheiden, um dem Lehrermangel Herr zu werden. Doch ausgewirkt hat sich das letztlich nicht.

Stuttgart - Für Susanne Eisenmann ist die Teilzeitarbeit von Lehrern Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist es der Kultusministerin mit dem CDU-Parteibuch angesichts des Lehrermangels ein Dorn im Auge, wenn die Pädagogen keine vollen Deputate leisten. Andererseits sind für viele junge Leute, insbesondere Frauen, die flexiblen Arbeitszeiten ein gutes Argument, um den Lehrerberuf zu erlernen. Seit zwei Jahren kann man in Baden-Württemberg deshalb auch den Vorbereitungsdienst in Teilzeit leisten, wenn die familiäre Situation es erfordert: Das soll den Beruf attraktiver machen.

 

Vor allem an Grundschulen findet Teilzeit statt

Die Mehrheit der Lehrer haben reduzierte Arbeitszeiten. Nicht einmal die Hälfte der Lehrer arbeitet in Vollzeit. Im vergangenen Schuljahr unterrichteten laut Statistischem Landesamt an den öffentlichen allgemein bildenden Schulen nur 44,5 Prozent der Lehrer mit einem vollen Stundendeputat, das sind noch einmal 0,4 Prozent weniger als im Vorjahr. An Grundschulen, wo der Lehrermangel ebenso besonders groß ist wie der Frauenanteil in den Lehrerzimmern, ist sogar nur gut jede dritte Lehrkraft in Vollzeit angestellt. Zum Vergleich: Von den gut 4,7 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Land haben etwa drei Viertel einen 100-Prozent-Vertrag, nur jeder Vierte arbeitet in Teilzeit.

Der Spielraum ist begrenzt

„Angesichts der angespannten Unterrichtsversorgung ist die hohe Teilzeitquote ein Problem“, sagte Eisenmann vor drei Jahren. In Zukunft, kündigte sie damals an, könnten Lehrer nicht mehr davon ausgehen, dass ihr Antrag auf Teilzeit auch genehmigt werde. Funktioniert hat das nicht so recht, der Spielraum ist begrenzt. In den vergangenen zwei Jahren sind nach Angaben des Kultusministeriums rund 350 Anträge auf Teilzeitbeschäftigung abgelehnt worden. Dabei beantragen von den etwa 130 000 Lehrern jährlich etwa 30 000 eine Teilzeitstelle. Wer aus familiären Gründen seine Arbeitszeit reduzieren möchte, hat ein Recht darauf. Einen Ermessensspielraum gibt es nur, wenn „sonstige Gründe“ angeführt werden.

1700 Lehrer haben freiwillig aufgestockt

Erfolgreicher war da schon der Aufruf an Teilzeitkräfte, freiwillig ihr Deputat aufzustocken. Dem sind für das Schuljahr 2019/20 etwa 1700 Lehrer gefolgt, „diese Maßnahme hat Wirkung entfaltet“. Personallöcher stopft das Land auch mit Pensionären oder angehenden Ruheständlern, die länger arbeiten – normalerweise. 2019 verlängerten 300 Lehrer ihren Dienst, 400 Pensionäre kehrten in die Klassenzimmer zurück. 2020 halbierte sich wegen Corona die Zahl aus beiden Gruppen auf 382. Auch der Ausbau der Studienplätze für Grundschullehrer soll Abhilfe schaffen. Von unter 1000 wurden die Zahl auf 1650 aufgestockt – was sich bei jetzt bei den Referendaren bemerkbar macht: Im März beginnen zehn Prozent mehr Pädagogen ihren Vorbereitungsdienst an Grundschulen als 2020.

Die GEW möchte mehr Unterstützung für Berufsanfänger

Nach Ansicht von Matthias Schneider, dem Geschäftsführer der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), dreht das Ministerium an den falschen Stellschrauben, um den Lehrermangel zu beheben. Der Ausbau der Studienplätze für Grundschullehrer und Sonderpädagogen komme zu zögerlich voran, kritisiert er. Außerdem werde die Berufseinstiegsphase zu wenig begleitet, „junge Leute gehen schon in Teilzeit in den Beruf“, weil sie das Pensum sonst nicht schafften. Schneider fordert deshalb ein Mentorenprogramm, das junge Lehrer zu Beginn ihrer Schulzeit unterstützt, und eine stundenmäßige Altersermäßigung für erfahrene Kollegen, um zu versuchen, Ältere länger im Beruf zu halten.

Die Opposition fordert bessere Arbeitsbedingungen

Die SPD wirbt neben der Erhöhung der Studienplatzzahlen dafür, die etwa 2000 Gymnasiallehrer im Land, die keine Stelle finden, verstärkt etwa an Gemeinschaftsschulen einzusetzen, um so Grundschullehrkapazitäten frei zu bekommen. Gerade im Bereich der Grundschulen, so der bildungspolitische Sprecher Stefan Fulst-Blei, ließe sich die Attraktivität des Berufs ganz einfach steigern: durch eine bessere Bezahlung.

Auch sein Kollege Timm Kern von der FDP fordert, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Lehrer müssten im Zentrum der Bemühungen stehen. Die Sommerferien-Arbeitslosigkeit bei Vertretungslehrern und Referendaren, deren Verträge zum Ferienbeginn enden, gehöre ebenso beseitigt wie der Beförderungsstau bei Fachlehrern.