Rund 6500 Personen sind aktuell im Land im Vorbereitungsdienst aufs Lehramt. Foto: dpa/Marijan Murat

Das Land braucht dringend mehr Lehrkräfte. Die praktische Ausbildung hat allerdings den Ruf, ausgesprochen stressig zu sein. Drei angehende Lehrerinnen und Lehrer aus unterschiedlichen Schularten berichten, was sie erleben und leisten müssen.

Andreas* ist müde. Er schläft seit Monaten schlecht. Ist sein Traum, Lehrer zu werden, bald vorbei? Er sei gut in diesem Beruf, betont Andreas, der im ersten Jahr seines Vorbereitungsdienstes aufs Lehramt ist. Er hat schon mehr als ein Jahr als Vertragslehrer gearbeitet. Er könne das: Kindern etwas beibringen. Vor der Klasse stehen, das macht ihm nichts aus. Eigentlich.

 

Gerade ist es anders. Weil er nicht der einzige Erwachsene in der Klasse ist. Sein Mentor, ein Lehrer aus der Schule, sitzt immer hinten drin – und macht sich Notizen. Was schreibt er da nur wieder alles? Es verunsichert ihn. Eigentlich soll der Mentor dem Anwärter unterstützend zur Seite stehen. In diesem Fall ist das Verhältnis belastet.

Für Andreas steht gerade sehr viel auf dem Spiel

Mit der Zeit hat sich bei dem um die 30-Jährigen eine Prüfungsangst aufgebaut. Er bittet, nicht das genaue Alter zu nennen. Die Panik komme auch von den „viel zu hohen Anforderungen“. Schließlich muss er sich auch bei den Lehrproben vor seinen Ausbildern vom Seminar bewähren. „In der Schule heißt es immer, wir sind mit dem Stoff hinterher – und fürs Seminar muss alles schön aussehen.“ Gefordert sei die Eier legende Wollmilchsau. „Das hat mit der Realität nichts zu tun“, meint er.

Starke Kopfschmerzen begleiten ihn durch den Tag, von den Schlafstörungen und dem „unsäglichen Stress“. Der nächste Unterrichtsbesuch vom Ausbilder am Seminar lastet sehr auf ihm. Der Leiter seiner Realschule könne mit seiner Prüfungsangst nicht umgehen. Der wolle ihn am liebsten loswerden, meint Andreas. „Wenn die Besuchsstunde in die Hose geht, war es das“, glaubt er, weil dann der Rektor sicher befinden werde, dass er nicht alleine vor eine Klasse gelassen werden darf. Dabei habe er doch als Vertragslehrer bewiesen, dass man das guten Gewissens tun kann. Für ihn steht also viel auf dem Spiel.

Müsste man nicht versuchen, jeden zu halten, fragt der Anwärter

Andreas ist nicht nur Anwärter, er ist auch Vater von zwei Kindern. Seine Frau fange alles auf. Die vergangenen Monate habe er „außer Schule nichts gemacht“. Das Ergebnis? „Ich stehe vor dem Nichts.“ Zumindest, wenn die Lehrprobe schlecht läuft. Er versteht nicht, warum das System nicht flexibler ist. Angesichts des Lehrermangels müsse man doch alles tun, um Referendare zu stützen. Und mehr Rücksicht nehmen, wenn man Familie habe oder vielleicht Verwandte pflegen muss wie eine Mitstreiterin. Ein Teilzeitreferendariat, wie es seit 2019 möglich ist, sei für ihn aus finanziellen Gründen keine Option. Er sieht dringenden Handlungsbedarf, das Referendariat generell attraktiver zu machen. Man müsse nicht nur mehr Menschen motivieren, den Beruf zu erlernen, sondern auch dafür sorgen, dass weniger abbrechen.

Wie viele das tun, ist die Frage. Im Kultusministerium (KM) weiß man es nicht. Die Abbrecherquote werde landesweit statistisch nicht erfasst, so eine Sprecherin auf Anfrage. Viele Gründe, wie Krankheit und Elternzeit, könnten zu einem Abbruch oder einer Unterbrechung führen. In Sachen Schulleiterbeurteilung erklärt sie, dass diese Teil der Gesamtnote und Voraussetzung für das Bestehen der abschließenden Staatsprüfung sei: „Sollten sich jedoch unüberwindbare Differenzen oder Befangenheit zeigen, ist es möglich, die Ausbildungsschule zu wechseln.“ Nach Ansicht des KM ist die Ausbildung der Lehrkräfte „hochwertig und attraktiv“. Es seien „keine Veränderungen des Vorbereitungsdienstes in Planung“. Dieser orientiert sich auch an Vorgaben der Kultusministerkonferenz. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert dagegen in ihrem 15-Punkte-Programm gegen den Lehrermangel unter anderem, die Betreuung der Referendare „deutlich zu verbessern, um die hohe Abbruchquote zu senken“.

25-Jährige empfindet Ausbildung als „sehr bereichernd“

Lydia* beschäftigt der Lehrermangel sehr. Sie hat aber eine etwas andere Perspektive als Andreas. Sie fürchtet, das schlechte Bild des Referendariats in der Öffentlichkeit könnte die Situation verschärfen, und will dem entgegentreten. Die 25-Jährige macht ihren Vorbereitungsdienst in einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum. „Das Referendariat hat den Ruf, die härteste Zeit im Leben zu sein“, sagt sie. Sie erlebe es anders. Es sei nicht die „härteste“, es sei eine „intensive“ Zeit. Wenn nur die Last des Referendariats geschildert werde, werde das der Realität nicht gerecht.

Sie finde ihre Ausbildung „sehr bereichernd“. Es sei „einfach schön, wenn man merkt, dass der Unterricht bei den Kindern gut ankommt“. Sicherlich gehöre auch Glück dazu, wie sie es zum Beispiel mit ihrer Mentorin und ihrem Seminar habe. Dort seien alle „sehr wertschätzend“. Aber es komme auch darauf an, wie stressresistent man sei.

Laut Ministerium müsse man steuern, weil die Nachfrage nicht gleich verteilt sei

Lydia weiß, dass die anstrengenderen Phasen bei ihr erst noch kommen. Sie hat davor aber keine Angst. Auf die Schule bereitet sie sich unter anderem im Zug vor. Sie hat kein Auto. Die Schule liegt mehr als 60 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Sie ist von Tür zu Tür bis zu zwei Stunden unterwegs. Könnte sie etwas ändern, würde sie die Referendare selbst entscheiden lassen, an welches Seminar sie gehen. Dass sie die Wahl nicht haben, „frustriert sehr viele“, sagt sie.

Das KM betont, dass die große Mehrheit der Anwärter (in den vergangenen Jahren zwischen 76 und 83 Prozent) ihrem Erstwunschseminar zugewiesen würden. Das sei aber nicht bei allen möglich, da es stärker und weniger nachgefragte Standorte gebe. Man müsse deshalb steuern. Auf die soziale Situation werde dabei Rücksicht genommen.

Schulleiter erwartet intensive Teilnahme am Schulleben

Auch Maren* hatte keine Sozialpunkte vorzuweisen. Die Mitte 20-Jährige war geschockt, als sie erfuhr, wie weit die ihr zugeteilte Grundschule von ihrem Wohnort weg war: mehr als 200 Kilometer. Am 20. Dezember erfuhr sie, wo sie am 1. Februar anzufangen hatte. Ein Umzug war unumgänglich. Maren berichtet von „viel Stress“ im Vorbereitungsdienst. Ihre Ausbilder seien „angenehm“, aber ihre Mentorin habe sehr hohe Erwartungen. Die Vorführstunden seien so aufwendig, dass sie im Alltag gar nicht umsetzbar wären. Auch ihr Rektor macht Stress. Der erwarte, dass sie sich intensiv am Schulleben beteiligt und Sonderprojekte übernimmt. Maren hat „großen Respekt“ vor allen Referendaren, die Kinder haben oder Angehörige pflegen.

Die Klassen seien zu groß, um individuell auf Einzelne einzugehen

Maren würde bei Reformen in Sachen Lehrerausbildung früher ansetzen. Sie hätte sich gewünscht, bereits an der Fachhochschule gelernt zu haben, wie man auf Herausforderungen in der Praxis reagiert. Ein Kind aus ihrer Klasse schlage etwa bei Frust den Kopf auf den Tisch. Darauf sei sie nicht vorbereitet. Sie wüsste auch gern, wann es angezeigt ist, das Jugendamt einzuschalten.

Ihr Ziel ist, es besser zu machen als ihre eigene Grundschullehrerin. Nun sei sie im Job und ist mit „viel zu großen Klassen“ konfrontiert. „Man möchte auf die Kinder individuell eingehen, aber oft geht das nicht“, sagt sie. Die Lauten forderten Aufmerksamkeit ein – zulasten der anderen. An ihrer Entscheidung zweifelt Maren aber nicht: „Ich finde es schön, viele junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten.“

*Namen geändert

Zahlen zum Referendariat

Zahlen
In Baden-Württemberg absolvieren derzeit laut Kultusministerium 6459 Personen ihren Vorbereitungsdienst, davon 130 in Teilzeit. 3190 haben Anfang des Jahres begonnen: 1220 an der Grundschulen, 910 an einer Sek-1-Schule und 1060 am Gymnasium.

Verdienst
Angehende Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst werden als Beamte auf Widerruf nach dem Landesbesoldungsgesetz bezahlt. Der Grundbetrag beträgt monatlich zwischen 1543,53 Euro und 1612,62 Euro. In Teilzeit kann man die 18 Monate Vorbereitungsdienst auf 30 Monate strecken – die Besoldung beträgt dann 60 Prozent.