Franciska Wiegmann-Stoll hat als Paartherapeutin die Probleme unzähliger Paare kennengelernt. Zuletzt hat sie zwei Stuttgarter Paare therapiert, unsere Zeitung war dabei. Was lernt man aus der Erfahrung der Paare und der Therapeutin?
Ein paar Wochen sind seit der letzten Paartherapiesitzung von Marie und Patric vergangen. Sie sitzen jetzt vorm Telefon und überlegen: Was hat sie viel Überwindung gekostet, was haben sie gelernt? „Es war nicht so einfach, sich in der ersten Sitzung wieder zurückzuversetzen und diesen Gedankengang zuzulassen, was damals passiert ist“, sagt der 28-Jährige. Damals, damit meint er die Nacht im November, in der er und Marie, seine Partnerin, in Stuttgart eine Fehlgeburt erlebt haben.
Auch Marie, 29, sagt: „Ich habe mir im letzten halben Jahr viele Gedanken über die Fehlgeburt gemacht, auch Trauer zugelassen und geweint, mich mit Patric ausgetauscht. Bevor wir die Therapie begonnen haben, dachte ich eigentlich, dass es mir schon recht gut geht. Aber noch mal darüber zu sprechen hat mich dann doch mitgenommen“, sagt Marie. „Ich habe gemerkt, dass es mich bis jetzt auch immer wieder in meinem Alltag begleitet“, sagt sie. „Irgendwie habe ich das auch gebraucht, mich noch einmal darauf einzulassen und die Gefühle zuzulassen“, sagt Marie. „Die Fehlgeburt ist manchmal präsent und sie wird das auch bleiben – sie gehört einfach dazu“, sagt Marie. „Ich habe meine Strategie entwickelt, damit umzugehen.“
Die Paartherapie als „Safe Space“
Bei je drei Sitzungen hat unsere Redaktion das Stuttgarter Paar begleiten dürfen. In den drei Sitzungen haben Marie und Patric neben der Fehlgeburt auch darüber gesprochen, wie sie der Gedanke ans Elternsein – Anfang Januar erwarten sie ein Baby – beschäftigt und wie sie es im Urlaub geschafft haben, ihre Ängste ernst zu nehmen und sich gegenseitig zu stützen. Haben Sie das Gefühl, nach den drei Sitzungen ausreichend gefestigt zu sein in ihrer Beziehung?
Einblicke in Stuttgarter Paartherapie – die Beiträge zu Marie und Patric:
- 1. Sitzung: Die Fehlgeburt bringt die Beziehung aus dem Takt
- 2. Sitzung: Sie fragen sich – was für Eltern können wir sein?
- 3. Sitzung: Zwischen Liebe und Panikattacken
Die Paartherapie habe gut getan als „Safe Space“, sagt Patric, also als sicherer Ort, an dem man loslassen und alles aussprechen darf. Von der Therapeutin Franciska Wiegmann-Stoll seien Fragen gestellt und Perspektiven eingenommen worden, wie sie es selbst nie tun hätten können, sagt Patric. Das habe sie weitergebracht. Und Marie meint: „Ich habe schon das Gefühl, dass bei uns Ruhe eingekehrt ist.“ Der Job in der Paartherapie ist für sie erledigt, die drei Sitzungen haben für sie vorerst gereicht. Jetzt hätten sie vor allem ihre individuellen Baustellen zu bearbeiten, also Patrics Angststörung und Maries Depression, sagen sie.
Paare brauchen eine gemeinsame Vision
Auch Franciska Wiegmann-Stoll sieht die beiden auf einem guten Weg – und eben vor allem deren Grunderkrankungen als die große Herausforderung. „Das wird unter dem Druck des Alltags als Eltern möglicherweise wieder an die Oberfläche kommen“, erklärt die Therapeutin.
Doch Marie und Patric hätten eine gemeinsame Vision und diese stärke Paare ungemein: „Bei Marie und Patric geht es darum, eine Familie zu gründen und in einem liberalen Stil zu erziehen“, sagt Wiegmann-Stoll. Vielen Paaren würde diese gemeinsame Vorstellung fehlen. Und Paare würden sich zu selten offen die Frage stellen: Wo geht für uns als Paar die Reise hin? Das kann heißen: Wollen wir Kinder oder nicht? Aber auch: Wie gestalte ich den Ruhestand gemeinsam? Wiegmann-Stoll meint: „Auch wenn es kaum zu glauben ist: Die meisten Paare sind sich nicht bewusst, dass man sich gemeinsam Gedanken und Pläne machen muss, sich wirklich mal zusammensetzen und besprechen muss: Wie stellst du dir das eigentlich künftig vor?“
Oft kracht es in der Lebensmitte
Gerade ab der Lebensmitte und vor der Rente würden sich viele diese Frage zu selten stellen. Hat mein Partner die gleichen Vorstellungen wie ich? Diese Fragen sollte man als Paar unbedingt klären, meint die Therapeutin. Sonst könne es zu Überraschungen kommen: Wenn nämlich in der Rente dann plötzlich klar wird, der eine Part will gerne viel auf die Enkel aufpassen, der andere aber lieber verreisen und das unabhängige Leben genießen. Dann stehen Konflikte bevor, die manchmal die ganze Beziehung ins Wanken bringen können.
Diese Fragen könnten auch in der Paartherapie behandelt werden, sagt Franciska Wiegmann-Stoll. Während bei einem konkreten Problem drei bis sieben Sitzungen reichen würden, bräuchte es dann aber mehr, um in die Tiefe zu gehen. „Das sind dann Fragen wie: Wo komme ich her, wo will ich hin?“, sagt sie. Gerade bei Paaren ergebe das sehr viel Sinn diese klassischen Fragen der Psychotherapie gemeinsam zu besprechen, um sich Klarheit zu verschaffen über die eigenen Prägungen, Muster und Wertvorstellungen, die sich aus der Herkunftsfamilie und der Sozialisierung der einzelnen Partner ergeben. „Die Frage ist: Gucke ich mit der gleichen Brille auf die Welt?“, erklärt Franciska Wiegmann-Stoll.
Die Depression ist ein ständiger Begleiter von Ella und Pete
Um sehr viel mehr als gemeinsame Vorstellungen und einen ähnlichen Blick auf die Welt geht es bei Ella und Pete. Auch sie haben wir in drei Paartherapiesitzungen begleitet. „Es ist klar, dass Pete lernen muss, mit seiner Depression umzugehen, und dass beide lernen müssen, damit zu leben“, sagt Therapeutin Wiegmann-Stoll. In solch einem Fall seien drei Sitzungen nur das minimale, was die Paartherapie angehe. Dann gelte es, wichtige Punkte abzuklären in diesen Sitzungen: Wie geht man gemeinsam mit suizidalen Gedanken und der Angst davor um? Was kann das Paar tun, dass Ella nicht immer zurückstecken muss? Eine Depression, aber auch etwa eine Sucht ziehen sich lange hin, das ist die Erfahrung von Franciska Wiegmann-Stoll mit ihren Patienten. Solche Erkrankungen seien somit dann ständige Begleiter der Beziehung.
Ihre Klienten ließen sich generell in drei Gruppen unterteilen, sagt Wiegmann-Stoll. Ein Drittel ist nur kurze Zeit da, um ein konkretes Problem zu bearbeiten – wie etwa Marie und Patric. Das zweite Drittel kommt über längere Zeit in die Therapie, etwa ein bis zwei Jahre lang. Gegen Ende oft mit größeren Abständen, nur einmal im Monat oder alle zwei Monate – in diese Kategorie fallen Ella und Pete.
Einblicke in Stuttgarter Paartherapie – die Beiträge zu Ella und Pete:
- 1. Sitzung: Pete fällt es schwer, seiner Frau Wünsche zu erfüllen
- 2. Sitzung: Sie fragen: Wäre es besser, sich zu trennen?
- 3. Sitzung: „Ich habe Angst heimzukommen, und er liegt tot in der Badewanne“
Das letzte Drittel sind Paare, die im Grunde kurz vor der Trennung stehen, bei denen es konkret um die Frage geht: Finden wir noch einmal zusammen oder nicht? Das werde meist im Laufe von etwa fünf Sitzungen deutlich, erklärt Wiegmann-Stoll.
Wie kann man 30 Paare auseinanderhalten?
„Die eigentliche Therapie findet zwischen den Sitzungen statt“, sagt sie. Dann gehe es darum, alles zu verarbeiten und die Therapie nachwirken zu lassen. Wiegmann-Stoll nennt das „die Prozesse beobachten“, schauen, was sich verändert. Marie und Patric erzählen etwa, dass sie sich direkt nach der Therapiestunde immer intensiv ausgetauscht hätten. Und in den Zeiträumen dazwischen seien ihnen auch immer wieder kleine Veränderungen, kleine Fortschritte aufgefallen.
Bei all den Paaren sind die Probleme doch wahrscheinlich immer ähnlich – denkt der Laie. Doch Franciska Wiegmann-Stoll erzählt, ihr falle es nicht schwer, ihre an die 30 Paare und deren jeweilige Situation auseinander zu halten, sie erinnere sich teils noch Jahre später an die Paare, sagt sie. Die häufigsten Ursachen, warum Paare zur Therapie kommen, seien tatsächlich Probleme mit der Depression oder Sucht eines Partners, erzählt sie, aber auch Vertrauensbrüche wie eine Affäre oder Lebenskrisen wie die klassische Midlife-Crisis oder etwa der Übergang ins Rentenalter.
Ein weiterer wiederkehrender Bruch: wenn die Kinder aus dem Haus gehen oder Paare sich im Alltag mit kleinen Kindern nicht verlieren wollten. Gerade wenn die Kinder zwischen fünf und zehn Jahren alt seien, käme es zu den meisten Trennungen, so die Erfahrungen der Therapeutin. Ein weiterer wichtiger Punkt könne auch ein finanzielles Ungleichgewicht zwischen Partnern sein: Verdiene einer viel mehr als der andere, sorge das für Konflikte, selbst wenn das eigentlich ein traditionelles Rollenmodell sei, das vermeintlich bei den Eltern und Großeltern noch so funktioniert habe.
Der häufigste Fehler: keine echte gemeinsame Zeit
Und was glaubt die Therapeutin, was machen besonders viele Paare falsch? Ein Klassiker, sagt Wiegmann-Stoll, sei es, die Paarbeziehung zu vernachlässigen. Gemeinsame Zeit sei ein entscheidender Faktor, ob eine Beziehung weiterhin als glücklich oder zufriedenstellend empfunden werde. Kleine Gesten, gegenseitige Aufmerksamkeit könnten viel bewirken, wie es sich auch in der Therapie von Ella und Pete gezeigt hatte. Pete hatte sich gewünscht, dass Ella ihn öfter mit einem Kuss begrüßt, wenn sie nach Hause kommt. Auch ein Guten-Morgen-Kuss, eine Tasse Kaffee ans Bett, eine Umarmung könnten solche Gesten sein, sagt Franciska Wiegmann-Stoll. Für Paare sei es wichtig, weiterhin Spaß miteinander zu haben, ins Kino zu gehen, ins Restaurant oder gemeinsam klettern. Das könne etwas sein, was man sich immer wieder neu vornehmen muss.
Marie und Patric sind seit sieben Jahren ein Paar, haben Höhen und Tiefen miteinander überstanden, schwierige Episoden mit ihren jeweils eigenen Erkrankungen und nun ihre erste Paartherapie gemeistert. Haben sie einen Tipp für andere Paare für eine gute Beziehung? „Komplette Nacktheit“, sagt Marie. „Also auch eine emotionale Nacktheit voreinander, eine komplette Ehrlichkeit. Das ist etwas, was uns von Anfang an einander sehr nahe gebracht hat.“
Hinter den Kulissen
Suche der Paare
Die Auswahl der Paare, die sich von unserer Redaktion bei der Paartherapie begleiten lassen, hat mehrere Monate gedauert. Dutzende Paare hatten sich auf Aufrufe gemeldet, aber am Ende waren nur zwei bereit, sich mit Bild und Vornamen zu zeigen – das waren Ella und Pete sowie Marie und Patric. Das zeigt, wie mutig die Paare sind, geht es in den Sitzungen doch um sehr intime Angelegenheiten.
Ablauf
Die Paare saßen in den Therapiestunden der Therapeutin Franciska Wiegmann-Stoll gegenüber. Die Reporterin beziehungsweise der Reporter saßen etwas abseits hinter der Therapeutin, für das Paar also gut sichtbar. Die Reporter protokollierten den Ablauf der Sitzung und die Inhalte der Gespräche. Fragen an das Paar oder die Therapeutin waren aber erst nach der Stunde erlaubt.