Anna Heringer – sie trägt ein Oberteil ihres Labels Dipdii Textiles. Foto: die arge lola, Kai Loges + Andreas Langen

Die Architektin Anna Heringer ist eine Ausnahmeerscheinung in der Branche. In der Stuttgarter Ifa-Galerie ist nun ihr bemerkenswertes Projekt Dipdii Textiles zu sehen.

Stuttgart - „x 7 billion“: Was Anna Heringer an die Hörsaalwand der Universität Stuttgart wirft, sieht nach Mathe-Aufgabe aus. Doch die schlichte Formel ist mehr: ein Weltrettungs-Rezept. „Man ändert die Welt nicht mit einer großen Entscheidung, sondern durch kleine Veränderungen, die sich multiplizieren lassen“, sagt die Architektin. Mal sieben Milliarden Mal, weil so viele Menschen die Erde bevölkern.

 

Der Tiefenhörsaal 0.2. im K2 ist voll besetzt; am Ende der knappen Stunde zollen die Architektur-Studenten enthusiastischen Applaus. Die zierliche Person mit dem Kurzhaarschnitt zeigt in ihrem Werkvortrag auf, wie man den Planeten vor dem Untergang bewahren kann – mit Architektur. Und es erscheint nicht einmal so schwer.

„Architecture is a tool to improve lives“ fasst sie ihre Philosophie in einen prägnanten Satz. Und dann schiebt sie eine hübsche, aber vielsagende Geschichte hinterher, mit der sie ihre Zuhörer sofort am Wickel hat. Sie habe ihren Studenten an der ETH Zürich erst mitten während der Berg-Exkursion eröffnet, dass sie für die Nacht keine Hütte gebucht habe. Angehende Architekten müssten doch in der Lage sein, eine Behausung für die Nacht zu improvisieren. Die Studenten hätten dann aus Ästen und Tannenzweigen einen passablen Unterschlupf gebaut. Die vorhandenen Ressourcen und Materialien nutzen anstatt sich von externen Faktoren abhängig zu machen – das war die Lektion, die sie ihnen erteilen wollte.

Brennen für soziale Gerechtigkeit

Dieses Berufscredo hat die bayerische Architektin aus Laufen nahe der österreichischen Grenze zu ihrem bevorzugten Baustoff geführt: Lehm. Es sei für sie noch während ihres Studiums der „missing link“ gewesen, zwischen ihrem „Brennen für soziale Gerechtigkeit und Ökologie“ und ihrem Drang zum Entwerfen und Gestalten, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Lehm ist für die 42-Jährige ein hochwertiges Baumaterial, das Ziegeln, Beton oder Stahl ebenbürtig sei. Der Baustoff ist fast überall lokal vorhanden, kann vor Ort verbaut werden, er ist damit CO2-neutral, zudem komplett recycelbar und ein exzellenter Klimaregler. Und: „Lehm ist gebaute Gerechtigkeit“, weil es zu seiner Verarbeitung menschliche Arbeitskraft braucht – und keine Maschinen.

Anna Heringer ist die Lehm-Koryphäe in Deutschland. Sie hat in Harvard gelehrt, sie unterrichtete an der Universität Stuttgart und an der TU München; sie gewann viele Preise, auch den hoch angesehenen Aga Khan Award. Diese Auszeichnung erhielt sie für die Meti-Schule in Rudrapur. Als Neunzehnjährige kam sie in das Dorf im Norden Bangladeschs, um als Entwicklungshelferin zu arbeiten. Später entwarf sie mit ihrer Diplomarbeit eine Lehm-Schule für Rudrapur – und sammelte mit Freunden Geld, um sie auch bauen zu können.

Die Nutzer bauen mit

Zwei weitere Lehm-Bambus-Bauten in Rudrapur folgten, eine Berufsschule für angehende Elektriker sowie eine Kombination aus Therapiezentrum und Schneider-Werkstatt. Längst sind andere Projekte in anderen Regionen hinzugekommen, etwa ein Youthhostel aus kunstvoll geflochtenem Bambus in China, ein Kindergarten in Simbabwe. Egal aber, wo und was sie baut: Heringer bezieht die Nutzer stets in ihre Arbeit mit ein und will mit der Architektur deren Lebensumstände verbessern.

Inzwischen ist die Mutter einer Tochter aber nicht nur Architektin und Kämpferin für Gerechtigkeit, sondern auch Inhaberin eines Modelabels. Eines ziemlich anderen Modelabels. Es nennt sich Dipdii Textiles, und was es damit auf sich hat, erfährt man derzeit in der Stuttgarter Ifa-Galerie in der Ausstellung „Kleider machen Orte“. Sie habe bei ihren zahllosen Aufenthalten in Bangladesch erlebt, wie die Frauen in die Textilfabriken abwandern, weil es in den Dörfern kaum Arbeit für sie gibt. Heringer sah schnell, dass sie als Architektin hier nicht viel würde ausrichten können. Und wurde auf einem anderen Gebiet fündig: in der traditionellen, hoch entwickelten Textilkunst des Landes.

Eine Dorf-Bewohnerin bekommt einmal im Jahr einen Sari geschenkt. Sind die Saris abgetragen, werden mehrere davon zu mehrschichtigen Decken vernäht, auf denen die Familie schläft. Die Oberfläche nutzt sich ab, darunter liegende Schichten kommen zutage und machen so Familiengeschichte ablesbar. Genau aus diesen Decken, die sonst im Müll landen oder zu Putzlappen zerrissen würden, fertigen die Dorf-Frauen von Rudrapur von Hand nun Oberteile, Westen, Kissenbezüge, Wandbehänge für Dipdii Textiles, eben jener Modemarke, die Heringer zusammen mit der Designerin Veronika Lena und der gemeinnützigen Organisation Dipshikha ins Leben rief.

Kleider prägen Orte und Schicksale

Jedes der Stücke, die nun in der Ifa-Galerie zu sehen sind, ist einzigartig und entfaltet durch seine aufgebrochene Textilschichtung, durch die irisierenden Farbeffekte einen eigenen Charakter. Einige der textilen Werke sind zum Teil aufwendig bestickt. Bei manchen fließt dann doch die Architektur mit ein: Ein Wandbehang zeigt etwa eine Fassadenansicht der Meti-Schule, eine andere den Dorf-Grundriss von Rudrapur.

15 Frauen arbeiten für das Projekt; sie können in ihren Dörfern bei ihren Familien bleiben, Alte und Kinder versorgen. Das Projekt Dipdii Textiles zeige die Schönheit von Gebrauchtem, schone die Ressourcen und steigere die Lebensqualität der Hersteller, zählt Heringer auf. Und auch die der westlichen Nutzer, weil es den Konsum-Zwang durchbricht. „Mit der Ausstellung wollen wir das Bewusstsein dafür stärken, dass wir mit Kleidern Orte und Schicksale prägen“.

Ihr Herzjob bleibt der Lehm. In Deutschland hat Anna Heringer bislang wenig gebaut, für den Wormser Dom entwarf sie einen Altar. Jetzt steht ihr erstes großes Projekt hierzulande in den Startlöchern: zwei Gebäude in Traunstein für ein Zentrum für Nachhaltigkeit im Auftrag der Diözese München-Freising. Sie sei noch immer eine Exotin in ihrer Branche, trotz des wachsenden Nachhaltigkeits-Bewusstseins; vielen gilt sie als „unbequem“. Sie belässt es eben nicht dabei, sich über die Stolpersteine zu ärgern, die man dem Lehmbau in den Weg legt – so brauche es bei jedem Projekt eine bauaufsichtliche Zulassung im Einzelfall, was ihn, ebenso wie die Handarbeit, teuer macht. Sondern sie stellt das System grundsätzlich in Frage: „Wenn man sich menschliche Arbeitskraft und natürliche Materialien für eine nachhaltigere Bauweise nicht leisten kann und stattdessen mit C02-intensiven Stoffen wie Beton baut, stimmt unser Wirtschaftssystem nicht.“

Ihr Traum, sagt sie, sei es, einmal einen Wolkenkratzer in Manhattan aus Lehm zu bauen. Man traut ihr das zu.