Purismus, der zur Besinnung einlädt: Das Meditationszentrum der Stanford University im kalifornischen Palo Alto ist aus Stampflehm gefertigt. Foto: Matthew Millman Photography

Seit Jahrtausenden baut der Mensch mit Lehm. Jetzt entdeckt die Architektur den ökologischen Baustoff neu und holt ihn ins 21. Jahrhundert. Eine sehenswerte Schau in der Stuttgarter Ifa-Galerie zeigt, wie Lehmbau die zeitgenössische Architektur erobert.

Stuttgart - Die Bautechnik existiert seit dem 10. Jahrtausend vor Christus, als der Mensch im Neolithikum sesshaft wurde. Der älteste Baustoff der Menschheit hat in allen Epochen rund um den Globus Kulturstätten von Weltruf hervorgebracht. 15 Prozent des Unesco-Weltkulturerbes bestehen aus ihm: die Altstadt von Shibam im Jemen, genannt das Manhattan der Wüste, weil ihre 500 Häuser bis zu acht oder neun Stockwerke hoch sind; Teile der vor 4000 Jahren entstandenen Großen Mauer in China – und, gar nicht so weit entfernt von Stuttgart, der mittelalterliche Kern Straßburgs, genannt La Petite France. Ein Drittel der Weltbevölkerung, also die sehr beachtliche Zahl von 250 Milliarden Menschen, lebt heute in Häusern, die ganz oder in Teilen aus diesem Werkstoff gebaut sind: Lehm.

Lehm, eine Mischung aus Ton und Sand, hat viele Vorzüge. Er ist fast überall lokal vorhanden und kann idealerweise aus dem Aushub des Bauplatzes verwendet werden, was seinen Energieverbrauch niedrig hält. Er ist ein exzellenter Klimaregler, weil er Feuchtigkeit schnell aufnimmt und wieder abgibt, weil er im Sommer die Kühle bewahrt und im Winter Wärme speichert. Lehm absorbiert Gerüche und dämmt den Schall; er ist zu 100 Prozent recycelbar. Nachhaltiger geht kaum. Sein größter Nachteil: Lehmbau erfordert viel Handarbeit. Damit ist er in Mitteleuropa eine vergleichsweise teure Wahl, nicht aber in Asien oder Afrika.

Seine Verbreitung gerade auf diesen beiden Kontinenten hat wohl sein Image hierzulande beeinflusst, wo dem Bauen mit Erde noch immer ein wenig das Etikett des Simplen, Ruralen anhaftet. Dass Lehmbauten weit mehr sein können als einfache Hütten und keineswegs nur Öko-Fundis in Entzückung versetzen können, belegt eindrucksvoll die Ausstellung „Lehmarchitektur heute“ in der Stuttgarter Ifa-Galerie.

Ein sozialer Baustoff

Sie zeigt die vierzig Finalisten des Terra Award. Die Kuratorin der Schau und Inhaberin eines Unesco-Lehrstuhls für Lehmbau, Dominique Gauzin-Müller, hat die Auszeichnung ins Leben gerufen, zusammen mit der ENSA-Architekturhochschule von Grenoble, Craterre (dem Nationalen Zentrum für Lehmbau in Grenoble) sowie dem Forschungszentrum Amàco. Die Absicht: „die Modernität des Lehmbaus“ zu bezeugen und für die Bautechnik zu werben.

Den Besuchern bereitet die Wanderausstellung mit einem auf dem Boden liegenden Lehm-Setzkasten ein sinnliches ­Entree. Studenten haben in diversen Mischungsvarianten aus Ton, Sand, Kiesel und Fasern Lehmelemente fabriziert – Anfassen, Begehen ausdrücklich erlaubt! Die Idee, die Techniken wie Stampflehm, Lehmziegel (sogenannte Adobe), Strohlehm und Leichtlehm, Wellerbau, gepresste Lehmsteine und Lehmputz zudem auf großflächigen Plakaten in Graphic-Novel-Manier zu vermitteln, ist ästhetisch gelungen und macht das Lehmhandwerk im Detail nachvollziehbar.

Die vierzig Projekte, unter denen in neun Kategorien jeweils ein Preisträger gekürt wurde, führen auf aushängenden Tafeln mehrerlei vor Augen: Lehmbau ist ein so faszinierender wie vielfältiger Baustoff – und ein sozialer dazu. Weil die thermisch ausgeklügelte Architektur der Maosi-Grundschule auf der Löss-Hochebene, eine der ärmsten Gegenden Chinas, Heizen mit Kohle überflüssig macht, kann die Schule das gesparte Geld in Bücher investieren. Zudem passt sich der Bau aus gepressten Lehmsteinen optimal an die dort herrschenden extremen Temperaturen an, was ihn von den Billigbetonbauten der chinesischen Regierung unterscheidet; erdbebensicher ist er noch dazu. Wie bei der Maosi-Schule wurden auch in vielen anderen der gezeigten Projekte die Nutzer in den Bau mit einbezogen. So in Koudougou in Burkina Faso, wo sich Wände und nubische Gewölbe aus Lehmsteinen zu den 1200 Läden und der zentralen Halle eines Marktes fügen. Mit dem Bau wurde diese in der Region lange vernachlässigte Bautradition wiederbelebt.

Elementar, sinnlich, kraftvoll

Elementar, sinnlich, kraftvoll, natürlich: Die ästhetischen Qualitäten des Baustoffs Lehm lassen staunen. Luigi Rosselli lässt die Schäferhäuser im westaustralischen Pilbara in Stampflehmbauweise in einem gerundeten Zickzack aus der Erde herauswachsen – selten gelingt die Verbindung von Architektur und Landschaft so organisch. Das Meditationszentrum der Stanford University im kalifornischen Palo Alto wiederum ist in seinem Purismus so edel und dabei fern jeder Kühle, dass es jedes Hochglanzmagazin zieren könnte.

Lehmbau – nicht mehr als irdene Exoten in fernen Ländern? Diesen Fehlschluss korrigiert die Schau nachdrücklich. Die Beispiele aus hiesigen Breitengraden dürften die zahlreichen Stahl-Beton-Glas-Aficionados unter den Architekten ganz schön ins Grübeln bringen. Im schweizerischen Laufen haben die Elbphilharmonie-Architekten Herzog & de Meuron für den Kräuterbonbonhersteller Ricola eine Industriehalle in Lehmbauweise entworfen und gemeinsam mit dem Lehmbaupionier Martin Rauch realisiert. Es ist das größte Lehmbaugebäude Europas; die Wände sind aus Stampflehm, kombiniert mit einem tragenden Stahlbetonskelett. Rauch, der seit mehr als 30 Jahren mit Stampflehm baut, entwickelte eine Fertigungsanlage, in der die Lehmmodule vorproduziert wurden. Ein Projekt, das durch diese industrielle Fertigungsart neue Perspektiven eröffnet.

Dass der ökologische Baustoff Lehm jetzt wiederentdeckt und mithilfe von weiterentwickelten Techniken ins 21. Jahrhundert geholt wird, ist nicht nur dem Nachhaltigkeitstrend in der Architektur geschuldet. Auch der Wunsch, den hochkomplexen Prozess des Bauens wieder zu vereinfachen, ist ein starkes Motiv. Eines, das auch den Vorarlberger Martin Rauch antreibt, der beim Terra Award Preisträger für technische Innovation und mit vier ausgezeichneten Projekten vertreten ist.

Von Lehmarchitektur wird man in Zukunft noch viel hören. Apropos: Jüngst hat die königliche Architektenkammer Großbritanniens einen brasilianischen Internatsneubau mit dem Riba International Prize 2018 zum „besten Gebäude der Welt“ gekürt. Und woraus ist er gebaut? Aus Holz und Lehmziegeln.