Der erste Badegast nach vier Jahren Badepause im „Neuner“. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Bade-Premiere im runderneuerten Mineralbad Berg. Das Wichtigste vorweg: Das Wasser ist so weich wie immer.

Stuttgart - Es ist der Tag, an dem die für einen Bergianer entscheidenden Fragen gestellt werden: Wie fühlt es sich an? Wie kalt ist das Wasser? Wie heiß sind die Duschen? Und nicht zu vergessen: Wo kommen die Brezeln her? Also von welchem Bäcker?

 

Mit diesen und anderen Fragen im Kopf betreten am Montagmorgen Punkt neun Uhr die ersten Bergianer den Ort, den sie vier Jahre lang entbehren mussten: das von Grund auf modernisierte Mineralbad Berg. 34 Millionen Euro hat es gekostet, da darf man schon etwas erwarten. Und die Erwartungen sind groß: „Ich habe heute Nacht sogar vom Mineralbad geträumt“, sagt eine Dame am Eingang in das Mikrofon eines Fernsehteams des Südwestrundfunks. Die umstehenden Damen nicken.

Das Ackermann-Fester schwebt über dem Eingangsbereich

Allzu viele Wartende und Erwartende sind es übrigens nicht. Jedenfalls weniger als gedacht und pro Badeschicht erlaubt – also maximal 70 Personen. „Ich hab vermutet, dass hier einige im Zelt übernachten“, sagt Jens Böhm, Sprecher der Bäderbetriebe scherzhaft. Doch die Bergianer haben seit jeher ihren eigenen Rhythmus. Gut möglich, dass einige erst mal abwarten, was die Ersten berichten.

Zu den ersten Badegästen gehört Horst Heydlauf, Bergianer alten Schlages, der während der Umbauphase seine Expertise eingebracht hatte. Vieles sieht er mustergültig umgesetzt, etwa das Ackermann-Fenster, das jetzt wie ein buntes Lichtauge über dem Eingangsbereich schwebt. Trotzdem hält er das „Neuner“, wie das Bad nach dem Gründer Friedrich Neuner genannt wird, für „unvollendet“. Warum? Wegen der alte Blankenhorn-Villa am Rande des drei Hektar großen Geländes, die nach einem Beschluss des Bäderausschusses abgerissen wird. Die Sanierung gilt als zu teuer. Außerdem würde sie Voraussetzungen für einen Gastronomiebetrieb nicht mehr erfüllen. Eine Petition hat den Abriss und den Neubau der Sommergastronomie verzögert. Container dienen als Notbehelf.

Das Wasser ist so weich wie immer

Ansonsten ist fast alles neu und riecht alles neu – und fühlt sich neu an. „Ich war versehentlich zweimal auf der Herrentoilette“, sagt eine Bergianerin. Manche Wege und Wegführungen haben sich eben geändert. Entscheidend für das Wohlbefinden eines Bergianers ist ohnehin das Wasser. Erster Befund im Außenbecken: Das Wasser ist so weich wie immer. „Hier ist meine Heimat“, schwärmt eine ältere Schwimmerin nach der ersten Runde. In der Tat: Das 22 Grad kalte Mineralwasser, das sich aus den Quellen ins Becken ergießt, ist ein Labsal. Wie eh und je.

Anders die Lage in der früheren Kaltbadehalle. Das Becken dort wird jetzt beheizt (32 Grad). Das Bäderamt und der neue Schwimmbadleiter Jérôme Forgerit-Balci hoffen, damit mehr Gäste für den Badbesuch buchstäblich zu erwärmen, zumal das 30 Grad warme, benachbarte Bewegungsbad oft durch Kurse belegt sei. Diese Entscheidung sorgt am Eröffnungstag für Diskussionen. Die Kaltbade-Fraktion der Bergianer sieht darin einen Kulturbruch. Technisch wäre es möglich, die Kaltbadehalle „dynamisch“ zu befüllen – mal warm, mal kalt. Vielleicht ein Kompromiss? Kritisch fällt das Urteil auch über die Duschen aus. „Es sind zu wenige“, bruddelt eine Bergianerin. Früher waren es zwar auch nicht mehr. „Man hätte doch aber mehr einbauen können . . .“ Jens Böhm widerspricht. Das sei unter der Vorgabe, den Baukörper aus den 50er Jahren weitgehend zu erhalten, nicht möglich gewesen. Den Hinweis, „dass die Damen frieren“, weil die Duschen nicht richtig heiß würden, nimmt er hingegen gerne mit. Vielleicht auch den eines älteren Herren: „Übrigens knallen die Kabinentüren.“

Es fehlt auch nicht an Lob

Und was ist mit Lob? Das gab’s auch – für die tolle Architektur, die hochwertige Ausstattung, die rutschfesten Fliesen, die alten Holzliegen und natürlich den Garten mit seinen imposanten Bäumen und neuen Trinkbrunnen. Bleibt die Frage nach der Herkunft der Brezel im hübsch angelegten neuen Café? Woher sie auch immer kommt. Das Urteil fällt, wie bei Bergianern üblich, hart und ehrlich aus: „Der Cappuccino isch gut, aber die Brezel isch nix!“