17 Jahre kämpfte Uwe Hück als Betriebsratschef für die Porsche-Beschäftigten. Nun führt er ein Fitnessstudio. Dort will er benachteiligten Kindern Kraft und innere Stärke geben.
An Uwe Hück kommt hier keiner vorbei. Seit drei Jahren betreibt er ein großes Fitnessstudio im Gewerbegebiet von Pforzheim-Birkenfeld. Wer es zum ersten Mal betritt, merkt schnell, wie sehr es sich von anderen Studios unterscheidet.
Wenn er nicht gerade selbst trainiert oder Gespräche führt, geht Hück durch die weitläufigen Hallen und begrüßt seine Kundinnen und Kunden – darunter viele Kinder und Jugendliche. „Hast du schon eine Antwort auf deine Bewerbung bei der Apotheke?“, fragt er eine Schülerin. „Tut die Schulter noch weh?“, erkundigt er sich bei ihrer Mutter.
Von 2002 bis 2019 war Hück Vorsitzender des Betriebsrats bei Porsche und vertrat die Interessen von zeitweise 40.000 Beschäftigten. Heute sieht er seine Berufung im Einsatz für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Er betreibt eine Lernstiftung, die bei schulischen und persönlichen Problemen hilft. Finanziert wird sie aus den Erträgen seines Fitnessstudios, das zugleich spezielle Angebote für junge Menschen bereithält.
Uwe Hück: „Ich kenne hier jeden Einzelnen“
„Ich kenne hier jeden Einzelnen“, sagt Hück über die rund 1000 Mitglieder des Studios. Etwa 90 Kinder trainieren in eigenen Gruppen Thai-Boxen – eine Sportart mit intensivem Körpereinsatz, in der er selbst zweifacher Europameister wurde. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund oder leben in schwierigen Verhältnissen. Manche kommen direkt von der Lernstiftung ins Studio, das sich im gleichen Haus befindet.
Die Kinder und Jugendlichen finden dort Gemeinschaft und Wertschätzung. Hück begegnet ihnen auf Augenhöhe, spricht sie auf einer persönlichen Ebene an und vermittelt ihnen das Gefühl, willkommen zu sein.
Manche von ihnen sind schüchtern und laufen mit gesenktem Kopf durch die Halle. Hück blickt ihnen in die Augen und wechselt ein paar persönliche Worte mit ihnen. Meist huscht dann doch ein Lächeln über ihr Gesicht. „Die meisten verbringen viel zu viel Zeit vor dem Smartphone“, sagt er später. „Man muss aufpassen, dass sie sich nicht in ein Schneckenhaus zurückziehen, aus dem sie nicht mehr herausfinden.“ Mit Sport und persönlicher Ansprache will er ein Gegengewicht schaffen.
Wertschätzung und Konsequenz gehören für Hück zusammen
Zu seinem wertschätzenden Umgang gehört auch Konsequenz. Unpünktlichkeit oder Unordnung bleiben nicht ohne Folgen. Bei Verspätungen sind 50 Liegestütze fällig – das weiß jeder, der bei ihm trainiert, von Anfang an. „Nicht vorbeischleichen“, ruft er einem verspäteten Jugendlichen zu, der hinter ihm noch schnell zum Training durchschlüpfen will. „Ich mache jetzt als Erstes die 50 Liegestütze“, antwortet dieser und versucht gar nicht erst, sich herauszureden. „Sehr gut“, sagt Hück und klopft ihm anerkennend auf den Rücken.
Hück hält es für wichtig, dass die Kinder früh lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen - und das bedeutet eben auch: die Konsequenzen des eigenen Verhaltens zu tragen. Da lässt er sich nicht erweichen.
Hücks Biografie verleiht ihm eine besondere Glaubwürdigkeit
Seine Haltung speist sich aus eigener Erfahrung. Hück wuchs von früher Kindheit an im Heim auf, ohne sich an seine Eltern auch nur erinnern zu können. Die Umgebung dort hat er meist als feindselig erlebt. Was er im Heim lernte: Disziplin und Eigenverantwortung sind überlebenswichtig. „Punkt sieben Uhr gab es Frühstück – wer zu spät kam, bekam nichts.“ Kaum jemand habe diese Erfahrung ein zweites Mal machen wollen, daher waren die meisten dann pünktlich. Seine Biografie verleiht ihm eine besondere Glaubwürdigkeit.
Sich nicht dem Schicksal zu ergeben, sondern Ziele zu verfolgen und dranzubleiben – das will Hück den jungen Menschen als Lebenshaltung mit auf den Weg geben. Sie sollen Vertrauen in sich selbst gewinnen und die Erfahrung machen: Wer sich anstrengt, kann etwas erreichen – und das aus eigener Kraft.
Seine Haltung macht vor der Studiotür nicht Halt
Hücks Haltung macht an der Studiotür nicht Halt. Auch vom Staat wünscht er sich mehr Eigenverantwortung der Bürger. „Warum haben wir immer mehr Pflegefälle?“, fragt er – und liefert eine Erklärung gleich mit: „Das liegt nicht nur am Alter, sondern auch daran, dass sich die Menschen so wenig bewegen. Die Muskeln machen schlapp, der Rücken schmerzt, die Faszien verkleben, der Körper wird unbeweglich und der Geist ebenso.“
Statt ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen und Sport zu treiben, ließen sich viele Menschen Medikamente verschreiben. Das überfordere den Sozialstaat. Mit viel Geld bezahle er den Menschen ein Leben, das mit mehr Willenskraft des Einzelnen nicht nur besser, sondern für den Sozialstaat auch besser finanzierbar wäre.
Selbst denkt er nicht ans Aufhören – im Gegenteil: Seit Kurzem ist er Verwaltungsratsmitglied des Unternehmens Global Health Care, das in Deutschland und Österreich unter anderem Milon-Trainingsgeräte, Five-Stretchinggeräte und Anzüge für EMS-Training produziert – ein Verfahren, bei dem elektrische Impulse Muskeln stimulieren. Neben der Außendarstellung verantwortet er auch das Thema Produktion.
Hück bringt auch gleich ein Konzept für die Fertigung ein: Nicht alles selbst produzieren, mehr spezialisierte Zulieferer einsetzen, ganze Module einkaufen. Die Strategie ähnelt der, mit der Porsche-Chef Wendelin Wiedeking Porsche 17 Jahre lang erfolgreich gemacht hat.
Sein ehemaliges Unternehmen Porsche lässt ihn nicht kalt
Obwohl er seit sieben Jahren nicht mehr bei Porsche ist, lässt ihn das Unternehmen nicht kalt. Mit offenen Schuldzuweisungen hält er sich zwar zurück – und weist zugleich darauf hin, dass er bei Global Health Care in Abstimmung mit den Eigentümern nach der Devise handelt: erst der Kunde, dann der Mitarbeiter, dann der Aktionär.
Diese Rangfolge, die in den langen Jahren seiner Amtszeit auch bei Porsche gegolten habe, sei auch jetzt für Porsche die Lösung. Die naheliegende Schlussfolgerung, dass die Interessen der hoch verschuldeten Familienaktionäre inzwischen höher gewichtet werden als die der Beschäftigten, spricht er nicht aus. Aber er widerspricht ihr auch nicht. Bei Porsche sei es immer am besten gelaufen, wenn ein starker Vorstand, ein starker Aufsichtsrat und ein starker Betriebsrat aufeinandergetroffen seien.
Hück: Von der Porsche-Kultur ist vieles verlorengegangen
Vieles von der früheren Porsche-Kultur sei verloren gegangen, sagt der 63-Jährige. Führungspositionen seien zu selten aus den eigenen Reihen besetzt worden; stattdessen habe der VW-Konzern Manager von Audi und VW von oben einschweben lassen. Porsche verliere seine Eigenständigkeit, aber nicht seine Selbständigkeit, sagte er 2009 nach dem verlorenen Machtkampf mit VW. Inzwischen scheint er da Zweifel zu haben.
Michael Leiters allerdings, der Anfang des Jahres die Nachfolge von Oliver Blume als Porsche-Chef antrat, ist für ihn geradezu eine Idealbesetzung. Mit ihm komme „wieder ein echter Porscheaner an die Spitze“.
Leiters sei ein Typ, der sich „für Porsche aufopfern wird. Er wird nicht einknicken.“ Jemanden mit diesem Rückgrat brauche Porsche jetzt, um die eigene Identität zurückzuerobern.
Kaum hat er dies gesagt, schaut Hück auf die Uhr und eilt in den Thai-Box-Raum, wo sich die Kids in den letzten eineinhalb Stunden sichtlich verausgabt haben und die Luft inzwischen steht. Er hat ihnen versprochen, in den letzten Minuten die Pratzen zu halten. Jeder darf zum Schluss mit aller Kraft gegen die Schlagpolster boxen, die Hück in seinen Händen hält. Mit letztem Einsatz knallen die geschützten Kinderfäuste gegen seine abgepolsterten Hände.
„Diesen Termin durfte ich auf keinen Fall versäumen“, sagt Hück, nachdem die letzten Kids mit ihren Eltern durch die Tür entschwunden sind. „Wenn ich meine eigenen Versprechen nicht einhalte, brauche ich den Kindern nichts mehr von Disziplin und Zuverlässigkeit zu erzählen.“
Geht es um seine Prinzipien, legt Hück an alle die gleichen Maßstäbe an: an die boxenden Kids aus Birkenfeld, an die Porsche-Milliardäre und an sich selbst.