Er verstand sich als einen „Bücher verkaufenden Leser“: Wendelin Niedlich in seinem Laden in der Schmalen Straße. Foto: Horst Rudel

Der Buchhändler Wendelin Niedlich wird neunzig Jahre alt. Als er 1960 nach Stuttgart kam, galt die Stadt als Inbegriff der Provinz. Er aber brachte die Avantgarde mit und wurde deshalb vom Bürgertum, das er verachtete, geliebt.

Stuttgart - Als Wendelin Niedlich 1960 in der Schmalen Straße 14 auf 52 Quadratmetern seine Buchhandlung eröffnete, war Stuttgart ein anderes Stuttgart als die Stadt, in der er an diesem Donnerstag seinen neunzigsten Geburtstag feiert. Bei seiner Ankunft galt der Ort als Inbegriff von Provinzialität, nicht nur den Bundesbürgern, sondern mehr noch den Einwohnern selbst, die nicht müde wurden, ihrer Beschämung Ausdruck zu verleihen durch den Seufzer: „Hier werden um 10 Uhr nachts die Bürgersteige hochgeklappt!“

Nachtleben! Dies war der Traum von einem metropolitanen Lebensstil, den die intellektuelle Elite der neuen BRD träumte. „Metropole – Provinz“ war eines ihrer bevorzugten Themen, denn das wieder aufgebaute Land konnte mit einem den westlichen Nationen vergleichbaren Zentrum, Paris oder London, nicht aufwarten.

Wie also mag sich der gebürtige Berliner Wendelin Niedlich gefühlt haben, als er 1960 in der Provinz ankam? Nach einer Lehre in der renommierten Buchhandlung Elwert in Marburg mochte er allerdings die geistige Regsamkeit einer traditionsreichen Universitätsstadt, so klein diese auch war, schätzen gelernt haben. In Stuttgart betrieb er seine Buchhandlung mit solchem Erfolg, dass ihm auch das Publikum der ökonomisch aufstrebenden Großstadt allmählich achtenswert erscheinen musste, wenngleich der mürrische Abkömmling der Vorkriegsmetropole Berlin dies nie zu erkennen gab.

Die unverhoffe Wachsamkeit der Stadt

Die Stadt, gnädiger gestimmt als er, war ihm dankbar dafür, dass er den Flair der neuen Hauptstadt und seiner Avantgarde zu ihr brachte. Die Bürger, deren Leben nicht nur des Nachts, sonder auch tagsüber meist nicht auf Straßen stattfand, sondern im Innern, in Cafés und Restaurants, in Oper und Theater oder bei Dichtergesellschaften, erkannten die Buchhandlung schnell als eine weitere Möglichkeit der gebildeten Kommunikation. Niedlich hatte in Stuttgart nichts zu beleben, die Stadt war lebendig. Der von Intellektuellen übersehene Vorteil der deutschen Provinz ist seit je ihre kulturelle Vielfalt, die nicht von Paris, nicht von London übertroffen wird. Niedlich stieß auf eine Wachsamkeit, die das urbane Bürgertum seit dem 19. Jahrhundert auszeichnet. Er fügte dem ohnehin regen kulturellen Leben nur einen Akzent hinzu. Schnell avancierte er, so Wolfgang Ignée, der ehemalige Feuilletonchef der „Stuttgarter Zeitung“, zu einem der vier Wunder von Stuttgart. Neben dem Fernsehturm, dem Ballett und der Staatsgalerie, die aber alle auf fremde Besucher spekulierten, sei Niedlichs Buchhandlung ein Mittelpunkt, in dem die Stadt mit sich alleine blieb, sich traf und sich beschaute.

Niedlich vereinte in seiner Buchhandlung das Interesse für die künstlerische Moderne und für linke Theorie. Der kleine Mann mit dem großen Selbstbewusstsein behauptete stolz: Wie keine deutsche Buchhandlung sonst führe er vollständig die Bücher von Adorno und Bloch. Dies und was sich sonst in dem kleinen Laden stapelte, fiel dem Kunden, der durch Bücherberge turnen musste, wie von alleine in die Hände. Niedlich nannte sich einen „Bücher verkaufenden Leser“ – noch heute sieht man ihn mit dem Buch unterm Arm seinem Stammcafé zustreben.

1966 gründete er ein „Kritisches Jahrbuch“ und hing die Texte, die dort erschienen, in seinem Schaufenster aus. Er sprach vom „Schaufenster als kleinem Kampfmittel“, und so verwundert es nicht, dass er, kurzfristig, von der Polizei beobachtet wurde wegen des Verkaufs pornografischer Schriften und der Beschimpfung von Franz Josef Strauß: auch Anklageschriften, Urteile und Schmähschriften waren nun im Schaufenster zu lesen.

Hier traf man alle: Verleger, Theaterdirektoren, Schauspieler

Niedlich verkaufte nicht Waren für Geld, sondern Bekenntnisse, auf die er Antworten erwartete. Mit Stuttgart hatte er die Stadt gefunden, die ihm Antwort gab. Sie war klein genug, so dass sein avantgardistischer Stil auffiel, und groß genug, ihn zu akzeptieren. Lange bevor man an städtisch unterstützte Dichterlesungen und Literaturhäuser dachte, veranstaltete er an den legendären Donnerstagabenden Lesungen mit Autoren, die seine Freunde waren: Gerd Jonke, Gerhard Rühm, Franz Mon, Eugen Gommringer, die Vertreter der „Stuttgarter Schule“, Reinhard Döhl und Max Bense, den er „den größten Philosophen seit Hegel“ nannte. Später erweiterte sich der Kreis durch Künstler, die Niedlich förderte, indem er die Buchhandlung zur Galerie machte und unter anderem Friedrich Meckseper und Jan Peter Tripp ausstellte. Von den Lesungen machte Niedlich, auch dies war neu, Fotos und Tonbandaufzeichnungen; und zum ersten Mal gab es bei den Veranstaltungen ein Rauchverbot.

„Die Stadt“, die sich auf die roten Stühlchen, größer nicht als ein Elefantenfuß, hockte und drängte – das waren Einwohner, die gemeinsam die Stäffele herunter stiegen, um nach den Lesungen zu diskutieren. Bei Niedlich trafen sich Verleger, Theaterdirektoren, Schauspieler, Rundfunkredakteure, Professoren, Minister und Redakteure des Feuilletons. Die Unterhaltung stellten sich diese Leute selbst her, auch nach der Veranstaltung, wenn es in die Weinstube Widmer ging. Anders als heute, wo bei Lesungen ein aus den Medien bekannter Dichter vorbeischaut, um schnell wieder zu verschwinden, pflog man damals noch jenen Lebensstil, den die Bourgeoisie der französischen Aristokratie abgeschaut hatte: auf die Kultur folgte das Souper – oder wenigstens der Wein. Heute steht Arbeit über aller Kultur, und jeder, der nicht über fünfundsechzig ist, denkt nach der Veranstaltung an den nächsten Arbeitstag. Die Bürgersteige werden nicht mehr zu früh hochgezogen, aber, außer an Wochenenden, die Bettdecken.

Das Wunder Niedlich war akzeptiert. Bei der Feier zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Buchhandlung standen die Gäste Schlange – und es gab den Vorschlag, die Stiege, die von der Schmalen Straße zur Königsstraße führt, „Wendelin-Niedlich-Treppe“ zu nennen.

Die Tombola der unbezahlten Rechnungen

Niedlich quittierte den Erfolg mit süß-saurer Miene. Wohlwollende sprachen von einem „verdrängten Lächeln“, Unsichere, etwa ganz junge Studentinnen, denen man die Buchhandlung empfahl, zogen sich erschreckt zurück. Jedenfalls musste, wer ihre Schwelle überschreiten wollte, Niedlich überstehen. Mit seiner Kratzbürstigkeit revoltierte der Intellektuelle gegen seinen Erfolg bei einem Bildungsbürgertum, das großzügig übersah, dass der Intellektuelle ihr Kritiker sein wollte. Niedlichs Programm entsprach dem Geist der Avantgarde von Dada bis zu den Achtundsechzigern. Ihnen war die Bourgeoisie, waren Honoratioren, lesende Unternehmer, die sich bei ihm auch noch wohlfühlten, der Inbegriff des falschen Bewusstseins. Aber es ist das Schicksal eines jeden Intellektuellen, mag er sich noch so ruppig geben, dass er der geliebte Außenseiter der herrschenden Bildungsschicht ist und bleibt.

Wo also blieb die Chance zum Angriff?

Das Fundament der bürgerlichen Bildung ist das Geld. Niedlichs besonders aparte Taktik: Er hatte keines. Wer ihn liebte, sollte zahlen. Die Verlage, die ihn schätzten, stundeten Rechnungen, die Freunde tauschten Bilder aus seiner Galerie gegen eine Geldspende ein. Die Anekdote lief um, dass Niedlich seine Freunde zu einer Tombola mit den unbezahlten Rechnungen einladen würde – und jeden das große Los, das er gezogen hatte, bezahlen ließ.

Aber Niedlich blieb der bestaunte Romantiker mit der verschlampten Buchführung. Seine Unordnung gefiel, im Laden, in der Kasse, im Benehmen, auch sein sarkastischer Humor und seine aggressive Geistreichelei – der Bildungsbürger genoss dies alles, so liberal und gesellig war eben die vielgescholtene Provinz. Niedlich harrt hier aus bis heute, wo die Straßen Tag und Nacht voll sind und alle Bildungsinstitutionen renovierungsbedürftig.

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