Eine Königin und eine Märtyrerin sollen Taufpatinnen gewesen sein. Die Katharinenlinde auf der Rüderner Heide ist ein königlicher Baum.
Bei Kaiserwetter wirkt sie sehr fürstlich. Doch auch bei Regen strahlt die Katharinenlinde auf der Rüderner Heide bei Esslingen eine majestätische Ruhe aus. Kein Wunder, denn Namensgeberinnen sollen die Königin von Württemberg und eine Heilige gewesen sein.
Württembergische Mutter Teresa
Das Volk hat sie geliebt. Doch ihr Ehemann tat das nicht immer. König Wilhelm von Württemberg wollte nicht von seiner italienischen Geliebten lassen. Aus Eifersucht, Wut und Enttäuschung darüber soll sich seine Gattin Katharina mit zu leichter Bekleidung in eine Kutsche gesetzt und zu dem Untreuen geeilt sein. Bei der Fahrt soll sie sich eine Krankheit zugezogen haben, an der sie mit 30 Jahren 1819 verstarb. Ob das Gerücht über die württembergischen Royals wahr ist oder nicht, kann Florian Pietsch nicht sagen. Doch der gartenbautechnische Mitarbeiter des Grünflächenamts der Stadt Esslingen weiß, dass Katharina Pawlowna, Königin von Württemberg und russische Großfürstin, eine mildtätige Landesmutter gewesen war, die die Not im Land durch Wohltätigkeit lindern wollte. In ihren nur drei Jahren als Königin von 1816 bis 1819 habe sie neue soziale Strukturen geschaffen.
Ihr früher Tod sei vom Volk sehr bedauert worden. Die Katharinenschule und die Katharinenstraße in Esslingen seien nach ihr benannt worden, und zu ihrem Gedenken wurden Lindenbäume gepflanzt – auch auf der Rüderner Heide. Der ursprüngliche Baum sei einem Blitzschlag zum Opfer gefallen, die heutige Katharinenlinde sei wohl in den 1950er-Jahren gepflanzt worden. Das royale Drama, so zitiert Florian Pietsch historische Quellen, ging weiter. Der untreue Ehemann wurde von Reue erfasst und starb an gebrochenem Herzen. Die Eheleute sind in der von Giovanni Salucci geschaffenen Grabkapelle auf dem Württemberg beigesetzt.
Flucht zur Linde
Eine andere Geschichte zur Namensgebung der Katharinenlinde hat Christiane Benecke von den Staatlichen Museen Esslingen ausgegraben. Einer Legende nach wurde der Baum zur Zufluchtsstätte für eine Verzweifelte. Sie wird sich immer wieder umgesehen haben, hatte wohl Hunger, Durst und Angst, litt an Erschöpfung und ist dennoch immer weitergelaufen. Bis nach Esslingen. Bis an den westlichen Rand des Schurwalds im Norden der Stadt. Dort war ihre Flucht zu Ende. Katharina von Alexandrien war wegen ihres christlichen Glaubens im Jahr 307 vom römischen Kaiser Maxentius mit dem Tode bedroht worden. Er wollte sie rädern und enthaupten lassen. Sie konnte ihren Häschern zunächst entkommen. Bis sie von ihren Verfolgern auf der Rüderner Heide gestellt und ermordet wurde. Auf der Richtstätte soll sie darum gebeten haben, dass hier eine Linde gepflanzt werde. Das geschah. Die Katharinenlinde erinnert an den Märtyrertod.
Die Heilige war wirklich eine Heilige. Vor ihrem gewaltsamen Tod soll Katharina von Alexandrien ihr gesamtes Vermögen dem Esslinger Spital vermacht haben – das sie dafür zu seiner Schutzpatronin ernannte. Am Kielmeyerhaus, der ehemaligen Kelter des Spitals, auf dem Marktplatz von Esslingen erinnert laut Christiane Benecke ein Relief an die großzügige Sponsorin. Auf dieser Abbildung sei sie aber mit Schwert und Rad dargestellt. Nach einer anderen Legende war Katharina nämlich damit gefoltert und geköpft worden. Die Esslinger Variante der Geschichte aber erzählt vom Tod der Märtyrerin am Platz der heutigen Katharinenlinde.
Ein royaler Baum
Der Baum als heutiges beliebtes Ausflugsziel mit Aussichtsturm und Gastronomie hatte viele Vorgänger. Durch Archivarbeit und das Durchforsten von Zeitungsartikeln hat Christiane Benecke herausgefunden, dass es eine Abmachung zwischen Herzog Ulrich von Württemberg und der Stadt Esslingen gab. Nach diesem Abkommen wurde 1506 eine neue Linde gepflanzt, die 372 Jahre bestehen sollte. Sie fiel am 9. November 1878 einem Sturm zum Opfer. Die Katharinenlinde ist ein royaler Baum, um den sich viele Legenden ranken.
Die Umgebung der Katharinenlinde
Turm
Ursprünglich stand nahe der Katharinenlinde laut der Homepage des Schwäbischen Albvereins eine Schutzhütte mit einem kleinen Holzturm. An ihrer Stelle errichtete der Schwäbische Albverein 1957 einen Aussichtsturm in Stahlbetonweise. Eine Gaststätte ist an den Turm angebaut, ein Kinderspielplatz wurde eingerichtet. Viele Wandermöglichkeiten starten hier.
Aussicht
Der Turm bietet zwar laut Schwäbischem Albverein keine volle Rundumsicht. Durch seinen Standort auf einem Absatz des Schurwaldes gebe es aber einen hervorragenden Überblick über das Neckartal – von Bad Cannstatt, Untertürkheim und dem Neckarhafen bis nach Esslingen mit Frauenkirche, Burg und Oberesslingen. Auch alle Orte der abgesunkenen Filderebene und der Stuttgarter Flughafen seien sehr gut zu überblicken.