Trotz bröselnder Kaufkraftbindung ist die Einkaufsstadt Esslingen aus Sicht von Citymanager Thomas Müller gut aufgestellt. Mit 25 von 300 innenstadtrelevanten Gewerbeeinheiten halte sich der Leerstand in Grenzen. Aber auch die Kreisstadt ist mitten im Transformationsprozess.
Esslingen - Klar, wenn Zahlen runtergehen, ist das immer negativ.“ Auch dem Esslinger Citymanager Thomas Müller gefällt es nicht, dass seine Stadt in der aktuellsten Studie der Industrie- und Handelskammer unter die Zentralitätsziffer 100 abgerutscht ist. Was bedeutet, dass sie kaufkräftige Kunden ans Umland und den Onlinehandel verliert. Während das kleine Kirchheim mehr Gäste von außerhalb in die Teckstadt holen konnte und die Shoppinghochburg im Landkreis Esslingen schlechthin ist. Wofür auch Müller in erster Linie die Esslinger Nähe zu Stuttgart als Standortnachteil geltend macht. Die Entwicklung sei aber nicht neu, die Zahlen bestätigten den Trend der vergangenen zehn Jahre. Beide Städte hätten wie alle anderen dem Onlinehandel Tribut zollen müssen, der von Corona noch beschleunigt wurde.
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Müller: „Die Zentralitätsziffer ist aber ohnehin nur eine reine Handelsziffer.“ Eine attraktive Innenstadt mache viel mehr aus, verweist er auf die Veränderungen, die die Stadt Esslingen ja auch mit einem Strategieprozess steuern und begleiten will. Waren die Innenstädte bislang mit 70 Prozent vom Handel dominiert, werden sich Wirte, Dienstleister und Händler den Kuchen künftig zu gleichen Teilen dritteln. Müller: „Gastronomie steht auch für Frequenz.“ Das sieht er – beim einen mehr, beim anderen weniger – auch für die boomenden Tattoo- oder Nagelstudios. Auch die beiden Küchenstudios an der Drehscheibe der Fußgängerzonen beim Postmichel verbucht er als Gewinn.
Die Sache mit den Leerständen
Dass die Stadt immer mit Leerständen in Verbindung gebracht wird, ärgert ihn. 25 Gewerbeeinheiten und damit maximal acht Prozent der 300 innenstadtrelevanten Geschäfts- und Gewerberäume würden derzeit nicht bespielt. In der Bahnhofstraße gebe es keinen einzigen freien Laden. Esslingens modernste Einkaufsmeile hat eindeutig davon profitiert, dass Osiander in die lange leer stehende Strauss-Filiale zog und die Hängepartie um das Karstadt-Areal – zumindest wieder einmal – entschieden ist. Das Modehaus Kögel hat sich mit einem seiner beiden Bahnhofstraßen-Ableger zwar zurückgezogen. Aber noch zum verkaufsoffenen Sonntag eröffnet dort die Kette Esprit, berichtet Müller. Ein paar Meter weiter war für das inhabergeführte Schuhgeschäft, das den Lockdown nicht überlebt hat, mit Street-One und und Cecil auch gleich ein Filialist gefunden. Und im ES werde ein Optiker in den ehemaligen Tamaris-Laden einziehen, so Müller. Sorgenkind ist und bleibt die Pliensau, vor allem der untere Bereich in Richtung Neckarstraße. Fünf Leerstände hat der Citymanager in Esslingens ältester Fußgängerzone aufgelistet. „Aber Leerstand ist nicht gleich Leerstand“, verweist er etwa auf die Pliensaustraße 14/1, die derzeit komplett umgebaut wird. In Richtung Athleteneck habe sie ohnehin deutlich gewonnen: „Ernstings Family“ hat sich gewissermaßen hochgearbeitet und ist in die gerichteten Räume der ehemaligen Osianderfiliale umgezogen. Bilderbuchmäßig saniert und mit einer Goldschmiede dekoriert ist auch das Altstadthaus, in dem das Traditionsgeschäft Paul Hausser einst Nylonstrümpfe verkauft hatte.
Blick in die Pliensau
Für Innenstadtflaneure enttäuschend dürfte es indessen sein, dass ein Dienstleister aus der Immobilienbranche in die ehemalige Buchhandlung Schmidt auf der Inneren Brücke zieht. Dafür setzt Müller große Hoffnungen in das Haus, in dem das Brillengeschäft Günther vor seinem Umzug auf die andere Straßenseite untergebracht war. Dort sollen eine Feinkosttheke mit Gastroeinheit und darüber ein Friseur Platz finden.
Gastronomie schlägt Handel
Essen ist ohnehin das neue Einkaufen. Das gilt besonders für den Unteren Metzgerbach, in dem sich kleine Gastro-Einheiten in ehemaligen Läden eingerichtet haben oder alte Lokale neu bespielen. Das klappt aber nicht immer: „La Gelateria“ steht schon wieder leer. Und im glücklosen Café Nata, Innere Brücke 28, versucht sich der nächste Wirt mit den nächsten Konzept. Solche fliegenden Wechsel relativieren die 45 Neueröffnungen, die Müller seit seinem Amtsantritt im Januar 2020 auf einer Liste zusammengestellt hat.
Sein erklärtes aktuelles Aushängeschild ist die Küferstraße, die es auf nur noch zwei leere Läden bringt. Das langjährige Sorgenkind in der östlichen Altstadt hat mit kleinen, in den sozialen Medien sehr aktiven Concept Stores – eine meist hochwertige Kombination von Sortimenten und Marken – sein kreatives Profil geschärft. Die Erweiterung des Weltladens und Geschäfte wie „Die rote Zora“, ein „Modelabel mit Weltverbesserungsanspruch“, oder die inklusive Hoodie-Schneiderei Wasni haben ebenso dazu beigetragen. Wahrscheinlich noch vor Weihnachten wird sich das Eckhaus Küferstraße 54 für ein Mixkonzept aus Mode und Kunst öffnen. Eine Lücke tut sich aber auch schon wieder auf: „Wasni“ im ehemaligen Kunsthaus Muggele ist so erfolgreich, dass Chef und Team in größere Räume in die Weststadt abwandern. Das Haus steht zum Verkauf.
Einkaufsstadt Esslingen
Breites Angebot, lange Wege
In drei bis vier großen Fußgängerzonen und an diversen Plätzen befinden sich die meisten Läden innerhalb des Altstadtrings. Der Nachteil des Angebot in der Fläche: Wer im Westen – etwa in der Bahnhofstraße – shoppt, macht sich oft nicht mehr auf den Weg in die östliche Altstadt.
Verlagerung
In den vergangenen 20 Jahren hat sich der kommerzielle Schwerpunkt Esslingens mit der Gründung des Einkaufszentrums Das ES eher in die Bahnhofstraße in den Westen der Innenstadt verschoben. Besonders die Fußgängerzone Küferstraße hat darunter gelitten. Derzeit schärft sie aber ihr Profil.
Sorgenkinder
Die Fußgängerzone Innere Brücke/Pliensaustraße galt lange als 1-A-Lage, hatte zuletzt aber mit dem Verlust hochwertiger Geschäfte zu kämpfen. Mittlerweile hat sich die Situation in weiten Bereichen wieder stabilisiert. Ein Sorgenkind ist und bleibt der Obere Metzgerbach mit etlichen Leerständen.