Eine Lebensversicherung ist oft ein Baustein der Altersvorsorge. Foto: dpa-Zentralbild

Die Nachricht vom Verkauf alter, gut verzinster Lebensversicherungsverträge verunsichert Kunden. Eine Umfrage unserer Zeitung zeigt, was die Versicherer mit ihren Altbeständen vorhaben.

Stuttgart - Viele Lebensversicherer erhalten dieser Tage Anrufe von besorgten Kunden. Die Nachricht, dass große Gesellschaften wie Ergo oder Generali angekündigt haben, möglicherweise Millionen klassischer Lebensversicherungsverträge in ihrem Bestand verkaufen zu wollen, hat Versicherungskunden reihenweise aufgeschreckt. Noch immer ist die Lebensversicherung ein beliebter und weit verbreiteter Baustein der Altersvorsorge. Die Kunden fragen sich: Was wird daraus, sollte der Vertrag an eine bis dato unbekannte Abwicklungsplattform verkauft werden?

In der nun seit vielen Jahren andauernden Niedrigzinsphase sind Altverträge mit hohen Garantieversprechen von bis zu vier Prozent für die Versicherer zur Belastung geworden. Sie können das Geld der Versicherten kaum noch gewinnbringend anlegen. Wer heute eine klassische Lebensversicherung abschließt, bekommt nur noch eine Garantiezusage von 0,9 Prozent.

Viele Versicherer sind schon seit geraumer Zeit dazu übergegangen, klassische Verträge mit Garantieverzinsung nur noch auf Nachfrage zu vertreiben. Sie empfehlen ihren Kunden stattdessen andere Produkte ohne den klassischen Garantiezins. Einige Anbieter haben sich von klassischen Lebensversicherungen ganz verabschiedet.

Lebensversicherer erfüllen Versprechen

Auch die Allianz empfiehlt klassische Verträge nicht mehr, erfüllt bei allen Verträgen aber „selbstverständlich die zugesagten Garantien“, heißt es beim Branchenprimus. „Wir stehen zu unseren Kunden, ohne Wenn und Aber“, sagt Allianz-Leben-Chef Markus Faulhaber. Die SV Sparkassenversicherung betont, die langfristigen Verpflichtungen werde man „auch zukünftig erfüllen“. Ein Verkauf alter Verträge komme „nicht in Frage“. Und die R+V als Versicherer der Volks- und Raiffeisenbanken sieht sich aufgrund „der soliden Kapitalausstattung und Risikotragfähigkeit dauerhaft in der Lage“, alle Garantieversprechen zu erfüllen.

Für Verbraucherschützer ist ein möglicher Verkauf von Lebensversicherungsverträgen ein guter Anlass, die eigenen Verträge zu prüfen, ob man ausreichend abgesichert ist. „Welcher Investor die Versicherungsbestände besitzt, ist für den Verbraucher zunächst nahezu egal“, sagt Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Es sei nicht angemessen, „angesichts eines Verkaufs in Panik zu verfallen“. Ein Versicherer, der mit seinem Bestand nicht mehr glücklich sei und ihn loswerden möchte, „hat möglicherweise in der Vergangenheit nicht extrem effizient gewirtschaftet“, so Grieble.

Vorteile der Abwicklungsplattformen

Verunsichert zeigen sich Kunden, weil als Käufer von Altbeständen so genannte Abwicklungsplattformen in Frage kommen. Solche Plattformen sind in Großbritannien schon lange Praxis. In Deutschland sind mehrere Plattformen tätig. So etwa Viridium, die der britischen Beteiligungsfirma Cinven und der Hannover Rück gehört. Ebenso die Frankfurter Leben, hinter der der chinesische Investor Fosun und die BHF-Bank stehen. Auch die Athene Lebensversicherung in Wiesbaden ist auf die Abwicklung von Altbeständen spezialisiert: Dahinter steht eine Holdingsgesellschaft mit Sitz in Bermuda.

„Spezialisten, die Altbestände kaufen, haben optimierte IT-Plattformen, mit denen sich verschiedene Bestände parallel verwalten lassen“, sagt Peter Schwark, Geschäftsführer vom Versicherungsverband GDV. Vertriebskosten fallen weg, da diese Plattformen keine Lebensversicherungen anbieten, daher „sind günstige Verwaltungskosten zu erwarten“, sagt Verbraucherschützer Grieble. Und: „Je mehr Bestände ein Abwickler verwaltet, desto günstiger können die Stückkosten sein.“

Das Interesse der Lebensversicherer

Lebensversicherer, die ihren Bestand verkaufen, haben nach Ansicht von Schwark ein Interesse, dass der Übergang gut läuft. „Die Finanzaufsicht Bafin prüft ausführlich, ob die übernehmende Gesellschaft das Know-how hat und die finanziellen Voraussetzungen erfüllt“. Im Unterschied zum britischen Markt seien in Deutschland die Verbraucherrechte und -ansprüche viel besser geschützt. „Die Beteiligung der Versicherten an den Überschüssen ist gesetzlich geregelt. Gerade bei klassischen Verträgen mit Garantieverzinsung haben die Unternehmen wenig Spielraum, das gilt auch für die Übernehmer von Beständen“, sagt Schwark. Auch wenn der Versicherungsbestand übertragen wird, bleibe er weiterhin unter deutscher Aufsicht. Zum Bestand klassischer Lebensversicherungsverträge mit Garantieverzinsung „gehören nicht nur die Verpflichtungen aus den Altverträgen sondern auch die für die Versichertengemeinschaft angesparten Kapitalanlagen dazu“, betont der GDV-Geschäftsführer.

Die von uns befragten Lebensversicherer sind selbst nicht an Altbeständen der Konkurrenz interessiert. „Hiesige Lebensversicherer sind mit einer Vielzahl laufender Projekte beschäftigt, angefangen von neuen Produktgenerationen bis hin zur Umsetzung neuer aufsichtsrechtlicher Eigenkapitalvorschriften“, sagt Schwark. Die Unternehmen würden sich „total verzetteln, wollten sie auch noch die IT verschiedener Bestände zusammenführen“.

Die Lebensversicherer fürchten durch die ausgelöste Debatte einen Vertrauensverlust bei ihren Kunden. Sie betonen deshalb wie Norbert Heinen, Chef der ­Württembergischen Leben: „Wir wollen Kunden gewinnen und nicht verlieren.“ Allianz-Leben-Chef Faulhaber hofft auf eine offene Diskussion mit dem festen Ziel: „Menschen Mut zu machen, für ihr Alter vorzusorgen“.

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