Weil er eine Bahn verpasst hat, ist Kevin Lütticke zur rechten Zeit am rechten Ort. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ein Mann stürzt am S-Bahnsteig und hängt zwischen Kante und Bahn. Kevin Lütticke springt dem Bewusstlosen zur Hilfe – und glaubt nun, dass es so etwas wie Schicksal gibt.

Kevin Lütticke hat neulich eine S-Bahn verpasst. Und das war gut so. Was passierte, als er die nächste nahm, lässt ihn sogar an einen höheren Grund glauben, eine Art Fügung, warum ihm die erste raus ist. Denn als er mit der späteren in Stuttgart ankam, wurde der Remstäler zum Retter, vielleicht sogar zum Lebensretter, eines angetrunkenen Frühlingsfestgastes an der S-Bahn-Station Stadtmitte.

 

Es ist gegen Mitternacht am Samstagabend. Für Festbesucher ist da schon Schicht im Schacht, die letzte Maß getrunken. Für Kevin und andere junge Lederhosen-Verweigerer ist da die Nacht noch jung, er will eben erst losziehen und mit Freunden ausgehen. Kevin ist 24, macht eine Ausbildung zum Elektro- und Automationstechniker, ist sportlich, auf Instagram zu bewundern, und will an diesem Abend eigentlich nur Spaß und Freunde treffen.

An der Haltestelle Stadtmitte steigt er aus. Es ist nicht gerade rappelvoll, aber auch nicht menschenleer auf dem Bahnsteig. Vor ihm fällt ihm ein Mann auf, „der irgendwie komisch geht“. Dann strauchelt, stolpert und fällt der Mann. Er kommt neben der noch stehenden S-Bahn, aus der sowohl er als auch Kevin Lütticke gestiegen sind, zum Liegen. Größtenteils auf dem Bahnsteig. Doch der 24-Jährige aus Waiblingen sieht, dass er zum Teil über den Rand gerutscht ist: Ein Arm und ein Bein des Mannes hängen zwischen der Bahnsteigkante und dem Zug.

„Er hat sich gar nicht mehr bewegt. Das rechte Bein steckte bis zur Leiste im Spalt, der Oberkörper auch halb und der rechte Arm“, beschreibt Kevin die Lage. „Ich habe laut geschrien, und dachte, da kommt noch wer und hilft, aber alle blieben wie angewurzelt stehen“, das ist ihm unbegreiflich. Mit ein paar Tagen Abstand bewertet er es etwast anders: Der gestürzte Mann und er waren an zwei nebeneinander liegenden Türen ausgestiegen. Die anderen Menschen sind ein Stück weiter weg.

Kevin denkt nicht nach – er handelt

Er denkt aber in dem Augenblick nicht weiter nach, sondern rennt los. Wirft sich auf den Mann. „Einen Arm unter ihn, einen oben drüber.“ Dann versucht er einmal ihn behutsam hochzuziehen. Klappt nicht. Kevin hört ein Geräusch, das Zischen der Bremsen, die sich am Zug lösen. „Der Zugführer hat es nicht gemerkt, was da passiert. Ich muss jetzt was tun“, fährt es Kevin durch den Kopf. Es geht offenbar um Bruchteile von Sekunden, bis die Bahn anrollt und die Gefahr besteht, dass sie den Gestürzten mitreißt und schwer verletzt. Mit aller Kraft reißt er den schlaffen Körper des Mannes hoch, der vermutlich bewusstlos ist. Als die S-Bahn anrollt, ist der Fuß des Fremden noch zehn bis 15 Zentimeter unterhalb der Bahnsteigkante. In Kevin, der sportlich und trainiert ist, werden ungeahnte Kräfte frei: Er katapultiert den Mann förmlich aus der gefährlichen Lage. Das nächste was er sieht, ist Blut auf dem Bahnsteig. Der Mann ist unsanft aufgeschlagen, hat eine Platzwunde. Das nächste was er tut, ist schreien. „Warum hilft mir den keiner?“ brüllt er voller Wut durch die Haltestelle. Auf dem Bahnsteig klingelt das Handy des Fremden. „Klaus“ steht im Display. Mit einer Hand geht Kevin an das fremde Handy, denn Klaus macht sich sicher Sorgen. Mit der anderen wählt er am eigenen Telefon die 112, denn ein Rettungswagen muss her. „Irgendwie war das alles gleichzeitig, und ich glaube, ich war komplett unter Schock“. Endlich kommt Hilfe. Erst die Sicherheitsleute der Bahn. Dann ein Feuerwehrmann, der privat unterwegs ist. Endlich ist Kevin nicht mehr allein mit der Situation. Der Feuerwehrmann sagt: „Junge, Du kannst so stolz auf Dich sein!“ Zwei Jungs kommen her und sagen „Wir lieben Dich!“ Und auch das passiert: Zwei Frauen kommen her, loben den Retter – und entschuldigen sich, dass sie nicht reagiert und geholfen haben. Einer sagt: „Jetzt kannst Dir erst recht einen genehmigen, auf diese Tat“. Aber nach Feiern ist es dem 24-Jährigen aus Waiblingen jetzt nicht mehr. Noch vom Bahnsteig dreht er eine Story für Instagram: „Bei Gott, ich komm nicht drauf klar“, sagt er da. Er muss in die Hocke gehen, weil ihm schwindlig wird. „Es sind nur fünf bis zehn Sekunden gewesen. Es ist unfassbar, was man da alles denkt und tut, wie im Film in Zeitlupe“, fasst er zusammen. „Es ist, als ob man plötzlich zehn Arme und ungeahnte Kräfte hat.“ Nach 25 Minuten kommt endlich der Rettungswagen. Ob der Mann aufs Gleis gefallen sei, fragen sie. „Nö, nö“, bringt Kevin da nur über die Lippen. Später wird ihm klar: „Wenn die Bahn den Mann erwischt hätte, der wäre verblutet.“

Ein Freund des Verunglückten ruft an

Wer von alledem offenbar gar nichts mitbekommt, ist der Gerettete selbst. Eine Nacht verbringt er im Krankenhaus. „Er hat mir geschrieben. Er kann sich null erinnern, war wohl bewusstlos“.

Kevin erzählt die Geschichte gern. Nicht, weil er sich dafür feiern lassen will. „Vielleicht denkt jemand in einer gefährlichen Situation dran, das mal gelesen zu haben, und hilft dann auch“, hofft er.

Die Tatsache, dass er nur zur Stelle war, weil er eine Bahn verpasst hat, beschäftigt Kevin weiterhin: „Ich hab auf Instagram eine Umfrage gemacht, ob die Leute an Schicksal glauben. Von 150 haben 147 mit „Ja“ geantwortet.“ Er stimmt ihnen zu.