In Böblingen soll nach den Sommerferien ein neuer Fairteiler entstehen. Dort landen Lebensmittel, die von der Foodsaver-Bewegung vor der Entsorgung gerettet werden und gratis mitgenommen werden dürfen.
Was passiert eigentlich mit den Lebensmitteln, die im Einzelhandel nicht verkauft werden? Meist nichts Gutes – die meisten Produkte landen früher oder später im Müll. Es sei denn, der Betrieb kooperiert mit den Foodsavern, die auch im Landkreis Böblingen immer mehr Mitglieder anziehen.
Die Foodsaver sind Teil der Foodsharing-Bewegung, die sich nach eigener Aussage gegen den achtlosen Umgang mit Ressourcen und für ein nachhaltiges Ernährungssystem einsetzt. Statt zuzusehen, wie noch essbare Lebensmittel weggeworfen werden, retten die Foodsaver die Produkte und verteilen sie entweder in ihrem privaten Umfeld – oder in sogenannten Fairteilern.
Böblingen zieht nacht
Diese Fairteiler sind in der Regel kleine Häuschen oder Räume in öffentlichen Gebäuden, in denen sich Regale und Kühlschränke befinden. Die Foodsaver bestücken die Fairteiler mit geretteten Lebensmitteln, die dort gratis von jedermann abgeholt werden dürfen. Im Kreis Böblingen stehen aktuell sechs solcher Fairteiler: Zwei in Sindelfingen und jeweils einer in Aidlingen, Renningen, Hildrizhausen und Herrenberg.
Nach den Sommerferien soll nun auch Böblingen mit einem Fairteiler bestückt werden. „Das kann ja nicht sein, dass Sindelfingen zwei hat und wir nur einen“, scherzt Cornelia Rötlich vom Foodsaver-Vorstand im Kreis Böblingen.
Der neue Fairteiler ist eine feste Immobilie in der Uhlandstraße 8, die den Foodsavern von der Stadt Böblingen zur Verfügung gestellt wird. Aktuell wird das Gebäude renoviert. „Aber das wird was richtig Großes“, sagt Cornelia Rötlich. Das Gebäude bietet Platz für zwei große Kühlschränke und drei Meter Regale. Außerdem einen kleinen Raum für Putzmittel, heißes Wasser für die Reinigung und sogar Raum genug, um Seminare, Vorträge oder Besichtigungen mit Schulen durchzuführen. „Das wird also ein richtig tolles Teil.“
Kurze Wege sind wichtig
In Böblingen gibt es außerdem bereits mehrere Betriebe, die mit den Foodsavern kooperieren. Dadurch haben diejenigen, die die Lebensmittel abholen, einen kürzeren Weg zum nächsten Fairteiler. Und die Wege möglichst kurz zu halten, ist den Foodsavern sehr wichtig. „Wir wollen die Umwelt ja nicht zusätzlich belasten.“ Jeder Foodsaver darf deshalb nur in seinem Bezirk Lebensmittel retten. Dass jemand, der in Leonberg wohnt, einen Fairteiler in Herrenberg bestückt, geht also beispielsweise nicht.
Aber wie genau läuft die Lebensmittelrettung eigentlich ab? „Wer bei uns Mitglied werden möchte, kann sich auf der Foodsharing-Homepage anmelden und muss dort erst mal ein Quiz zum Thema Lebensmittel lösen“, erklärt Cornelia Rötlich. Wenn die Fragen richtig beantwortet werden, beginnt die Einführung, zu der eine Schulung und mindestens drei Einführungsabholungen gehören. Diese werden durch die drei Botschafterinnen Cornelia Rötlich, Semra Schneider und Fatma Caliskan durchgeführt. Sobald die frischgebackenen Foodsaver ihren Ausweis bekommen haben, dürfen sie selbstständig Lebensmittel retten gehen.
Tägliche Kontrollen sind Pflicht
Die meisten Mitglieder organisieren ihre Abholungen über WhatsApp-Gruppen. „Wie oft man zu einer Abholung geht, kann man selbst bestimmen“, sagt Cornelia Rötlich. „Manche gehen nur einmal im Monat, andere mehrmals die Woche.“ Mitgenommen werden grundsätzlich nur Lebensmittel, die noch in gutem Zustand ist. Fleisch, Fisch und Alkohol lehnen die Foodsaver grundsätzlich ab. „Das ist zu gefährlich.“
Die Fairteiler selbst werden täglich von einem Reinigungsteam besucht, das die Räumlichkeiten auf ihre Sauberkeit, Kühlschranktemperatur und den Zustand der Lebensmittel überprüft. Trotz der täglichen Checks werden die Fairteiler allerdings auch gelegentlich Opfer des Vandalismus. „Erst kürzlich wurde bei einem Kühlschrank das Kabel durchgeschnitten“, erzählt Cornelia Rötlich. Manche Leute würden die Fairteiler auch als Entsorgungsstation ansehen und einfach ihre Haushaltsgeräte oder Klamotten dort abladen.
Cornelia Rötlich nimmt an, dass auch der neue Fairteiler in Böblingen aufgrund seines Standorts hinter den Mercaden trotz automatischem Zeitschloss und regelmäßigen Überprüfungen nicht vor solchen Attacken geschützt sein wird. „Ich bin total Feuer und Flamme“, stellt die 65-Jährige klar. „Aber jeder, der die Gegend kennt, weiß, was da auf uns zukommen könnte.“
Aber jeder, der sich mit dem Thema Lebensmittelverschwendung halbwegs auskennt, weiß, dass das kein Grund sein kann, den Fairteiler nicht einzurichten.
Die Retter und ihr Einsatzgebiet
Größe
Im Kreis Böblingen gibt es insgesamt 1130 Foodsaver, 540 davon im Stammbezirk Böblingen. Aktuell haben die Foodsaver im Landkreis Böblingen 47 laufende Kooperationen mit Betrieben. In Böblingen ist noch ein zweiter Fairteiler in Planung, der sich allerdings in der Offenen Werkstatt befindet und privat betrieben wird.
Menge
Seit der Eröffnung 2015/16 haben die Foodsaver exakt 629 248 Kilogramm Lebensmittel gerettet und 525 421 Einsätze gehabt. Die Altersgruppe 26 bis 41 Jahre ist derzeit am stärksten vertreten. Die Foodsaver dürfen keine Spenden annehmen und arbeiten komplett ehrenamtlich.
Alle Infos und Anmeldung über www.foodsharing.de