Wie hältst du es mit der Auferstehung? Sechs Menschen, die beruflich mit dem Tod zu tun haben, nehmen Stellung zur Frage aller Fragen: eine Hospizleiterin, ein Bestatter, ein Kriminalhauptkommissar, eine Intensivpflegerin, eine Schauspielerin und ein Krimiautor.
Ääääh – war da noch was, außer Schoko-Hasen und bunten Eiern? Na klar. Osterbrunch und Osterbrunnen. Allerlei allerliebstes Brauchtum. Und sonst? Manche erinnern sich noch an die olle Schote mit der Auferstehung. Nee, keine Zombies, geht um den Jesus Christus. Dass der gestorben und von den Toten auferstanden ist und uns alle in ein echt cooles Jenseits mitnimmt. Das wurde ursprünglich an Ostern gefeiert. Glaubt das noch jemand außer ein paar Pfaffen?
Wir wollten es genau wissen und haben sechs Leute befragt, die nicht von der Theologie, sondern von ihrem Beruf regelmäßig mit dem leibhaftigen Tod konfrontiert werden: Wie hältst du es mit der Auferstehung? Ist die Vorstellung irgendeiner Art von Leben nach dem Tod hilfreich, tröstend und sinnstiftend, wenn man mit Sterben und Sterbenden zu schaffen hat? Oder wird jede Jenseitsidee dann erst recht unglaubwürdig, sinnlos und illusionär, vergrößert möglicherweise sogar die Angst vor dem Tod? Ostern oder Endstation – das ist die Frage.
Oder es ist bereits keine Frage mehr, etwa für Susanne Kränzle, die Leiterin des Esslinger Hospizes: „Ob mir der Glaube an die Auferstehung bei meiner Arbeit im Hospiz hilft? Nun, eigentlich ist es andersherum: Die sterbenden Menschen und die Toten lehrten mich, dass da noch etwas kommen muss. Viele Sterbende sind in Träumen oder wach im Kontakt mit Verstorbenen und ganz sicher, dass sie von ihnen ,drüben’ empfangen werden. Die vielleicht tiefste österliche Erfahrung ist für mich immer wieder der Anblick von Toten, deren Gesichter lächeln, auf eine bestimmte Weise leuchten und zu sagen scheinen: Ihr braucht keine Angst zu haben, es wird alles gut. Ostern eben.“
Der Esslinger Bestatter Manuel Dorn, der nicht mit Sterbenden, sondern mit Gestorbenen zu tun hat, empfindet anderes: „Ich bin Realist. Ich sehe jeden Tag, wie wir die sterbliche Hülle der Erde oder dem Feuer übergeben. Ich habe noch keinen auferstehen sehen.“ Eine nüchterne, für ihn natürliche Sicht auf den Tod, die er auch auf seine biografische Prägung zurückführt: „Ich bin in einer Bestatterfamilie aufgewachsen. Als Kinder war es für uns das Normalste der Welt, dass wir im Sarglager Ostereier suchen.“ Wobei solch ungezwungene Nähe von letzter Ruhestätte und Auferstehungssymbol denn doch wieder die große Frage aufwirft: Gibt es ein Leben danach? Dorn, selbst Mitglied der evangelischen Kirche, will es nicht bestreiten, aber „es ist schwer greifbar. Glaube ist relativ und individuell.“ Professionalität bedeutet für den Bestatter, „keine Berührungsängste vor dem Tod zu haben“. Was nicht heißt, dass ihn die Konfrontation mit der Tragik des Todes, etwa als Folge von „schlimmen Unfällen oder Krankheiten“, kalt lässt. Bestatterroutine schottet einen nicht ab gegen Erfahrungen, die „mich das Leben bewusster wahrnehmen lassen“. Und die einem zeigen, „dass es viele Wege der Trauer und des Umgangs mit dem Tod gibt“.
Auch für den Kriminalhauptkommissar Gerhard Jaudas, beim Polizeipräsidium Reutlingen unter anderem für den Kreis Esslingen zuständig, geht Professionalität nicht in Routine auf: „Die zum polizeilichen Alltag gehörenden Todesfälle sind ein belastender Faktor für die Arbeit der Beamtinnen und Beamten des Kriminaldauerdienstes. Das Leid der Angehörigen, der Umgang damit und das Empfinden von Empathie kosten Kraft und können eigene Trauersituationen auslösen.“ Das Fazit des Kriminalpolizisten: „Betrachtet man in diesem Kontext den Tod eines Menschen, erscheint ein absolutes Ende weder logisch noch vollständig. Vielmehr ergibt sich aus Tod und Trauer oftmals Hoffnung. Ärzte und Angehörige berichten von Menschen, die aufgrund ihres festen Glaubens oft leichter mit dem nahenden Tod umgehen können und sogar ihren Liebsten vorab Trost spenden. Die Berichte über Nahtod-Erfahrungen von Betroffenen deuten ebenfalls daraufhin, dass sich nach dem Tod noch etwas verbirgt. Der österliche Auferstehungsglaube kann dabei – wenn man ihn zulässt – wertvolle Dienste leisten und Hoffnung für sich selbst und beim Erleben von Todesfällen geben.“
Beate Thumm hat als Fachpflegerin für Intensivmedizin im Esslinger Klinikum schon viele Patientinnen und Patienten den letzten Weg antreten sehen. „Jedes Jahr werden vor Ostern die Namen der im Klinikum verstorbenen Menschen in der Kapelle ausgehängt“, erzählt sie. „Man muss eine innere Einstellung dazu finden, wenn man regelmäßig erlebt, wie die Vitalfunktionen ihre Tätigkeit einstellen. Für mich ist das ein Übergang, kein Ende.“ Offenbar auch für einen Teil der Patienten: „Manche freuen sich auf den Tod. Sie sehen ihn als nächsten Schritt in einem erfüllten Leben. Andere sagen: Nein, ich will auch mit 90 nicht sterben.“ Beate Thumm selbst hält sich bei der Begleitung der sterbenden Patienten „an Mantren, die man sich aufgebaut hat“. Ihr Mantra lautet: „Es gibt Dinge, die man ändern kann, und Dinge, die man nicht ändern kann.“ Als Fatalismus will sie das nicht verstanden wissen, denn auch das Ding, das man am wenigsten ändern kann, hat für sie nicht das letzte Wort: „Mit dem Tod ist nicht alles vorbei.“ Sie folgert das dank ihrer Erfahrung als Intensivpflegerin aus „der Energie, die auch in sterbenden Menschen noch steckt. Man kann diese Energie nicht sehen, aber man spürt sie.“ Es gibt aus ihrer Sicht ein großes, umfassendes Danach, „das uns die Angst nehmen kann. Ob man es Gott oder Kosmos nennt, ist nicht so wichtig.“
Von der Vorstellung des Todes ist es nur ein Schritt zu seiner Darstellung, und die gehört zum Beruf der Schauspielerin Eva Dorlaß. An der Esslinger Landesbühne ist sie derzeit in „Berlin Alexanderplatz“ in der Rolle der Mieze zu sehen, der Freundin des proletarischen Helden Franz Biberkopf, die von dem Erotomanen Reinhold ermordet wird. Als Tote erscheint sie Franz noch einmal, der sie auffordert, zu bleiben. „Ich möcht so gern. Ich kann ja nicht“, antwortet sie. „Dieser Moment hat mich in der ganzen Geschichte am meisten bewegt“, sagt die Schauspielerin. Die Empathie, die jede Figurendarstellung fordert, gilt hier einer Nähe trotz Tod. Und von ihr macht sich die Schauspielerin ein Bild, beruflich wie menschlich: „Es ist nicht unbedingt die Idee einer physischen Auferstehung“, sagt Eva Dorlaß, „sondern einer Überwindung des Todes durch die Liebe. Man teilt nicht mehr den gleichen Ort und erfährt doch eine gemeinsame Präsenz in der liebenden Erinnerung. Oder in Geschichten, in denen man gemeinsam vorkommt, die noch in der Nachwelt weitererzählt werden.“ Womit sich der Bogen zum Theater schließt, denn auch dort werden „Geschichten erzählt, die Jahrtausende alt sein können und von längst verstorbenen Autoren stammen. Trotzdem werden diese Geschichten und ihre Figuren wieder lebendig, werden neu erlebt und gewinnen eine neue Gegenwart.“ Kunst braucht nicht unbedingt ein Jenseits, sie schafft ihre eigene innerweltliche Unsterblichkeit.
Und sie macht ihre Schöpfer wenigstens in der literarischen Fiktion zu Herren über Leben und Tod; etwa den Esslinger Krimiautor Olaf Nägele. Wie es das Genre fordert, lässt er Menschen zum Beispiel in Badeseen oder noblen Reha-Kliniken sterben, damit sein Hobby-Detektiv, der oberschwäbische katholische Pfarrer Andreas Goettle, mit recht undogmatischen Methoden die Täter hinter den rätselhaften Todesfällen überführen kann. Doch bei einem Könner des Metiers schlägt der erfundene auf den wirklichen Tod zurück, erst recht, wenn der liebe Goettle am Werk ist: „Die Auferstehung“, sagt Nägele, „spendet all jenen Menschen Trost, die an Ostern nicht nur die Frage beschäftigt, wer zuerst da war, der Hase oder das Ei. Herausgelöst aus dem religiösen Kontext kann die Auferstehung auch als Metapher verstanden werden: Selbst wenn die Last des Lebens unerträglich scheint – es wird wieder aufwärts gehen. Oder wie es meine literarische Figur Pfarrer Goettle ausdrücken würde: ,Wenn de dein Riasel hänga läsch, kannsch net nach vorne gucka.’“ Frohe Ostern!