Ab und zu geht es noch mit dem E-Bike, aber mehr und mehr verlässt sich Tanja Haldenwanger auf ihren Rollstuhl. Foto: Claudia Burst

Tanja Haldenwanger aus Kuchen hat MS und Long Covid. Ihr Problem ist jedoch die Fatigue, die totale Erschöpfung, die sie ohne Ankündigung überfällt. In ihrem Beruf als Erzieherin kann sie nicht mehr arbeiten.

Tanja Haldenwanger ist kein Typ, der jammert. Sie plaudert fröhlich, lacht viel und macht einen ausgeglichenen Eindruck. Würde die 52-Jährige nicht im Liegestuhl liegen, während sie erzählt, käme ihre Gesprächspartnerin nie auf die Idee, dass sie mit einem großen gesundheitlichen Problem kämpft. Ein Problem, das weit darüber hinausgeht, dass bei ihr vor 22 Jahren Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert wurde und sie dadurch auch Schwierigkeiten beim Gehen hat.

 

Das Problem heißt im Fachjargon „Fatigue“, also eine sehr starke Erschöpfung. Bei ihr äußert sie sich so, dass ihr Zeitfenster, in dem sie sich fit fühlt, nur sehr klein ist und ihre Kraft sie dann „urplötzlich“ verlässt. „Das ist, wie wenn man den Stöpsel aus einer vollen Luftmatratze zieht, ich klappe dann einfach zusammen“, schildert die Kuchenerin. Der Grund könnte ihre MS sein, aber auch Long Covid, das bei ihr diagnostiziert wurde. Sie selber ist überzeugt, dass Long Covid die Ursache ist, weil das Problem kurz nach ihrer Corona-Erkrankung im Dezember 2020 losging. Der letzte MS-Schub dagegen liegt bereits fünf Jahre zurück. „Aber egal, was der Grund ist, seitdem kann ich nicht mehr normal leben.“ Das bedeutet etwa, dass Tanja Haldenwanger nicht mehr als Erzieherin im Arche-Noach-Kindergarten arbeiten kann, der sich direkt neben ihrem Haus, Garten an Garten, befindet. Lange wollte sie sich damit nicht abfinden. So wehrte sie sich gegen die „Arbeitsunfähigkeitsdiagnose“, die ihr nach einer ersten Reha im April 2021 ausgestellt wurde, und versuchte es mit einer Wiedereingliederung auf eigene Verantwortung. „Ich war doch erst 50, viel zu jung, und ich wollte unbedingt noch arbeiten“, begründet sie.

Mit Tandem-Gleitschirmflug einen Traum erfüllt

Aber nach spätestens eineinhalb Stunden war Schluss, dann war die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder so platt, dass sie den Rest des Tages auf dem Sofa verbrachte. Inzwischen hat Tanja Haldenwanger Rente beantragt, kurz bevor ihr Arbeitslosengeld auslief. So spät deshalb, weil sie die Krankheit lange nicht als endgültig akzeptiert hat. Damit tut sie sich immer noch schwer. Nach wie vor versucht sie, ihr Leben zu genießen, wo immer es möglich ist. Wie etwa Anfang Juni, als sie sich einen Traum erfüllte und einen Tandem-Gleitschirmflug vom Hochfelln über den Chiemsee wagte. Ein Erlebnis, das sie begeistert schildert und nie vergessen wird.

„Aber dort habe ich wieder gemerkt, dass Leute sich schwer damit tun zu akzeptieren, dass Menschen behindert sein können, auch wenn man es ihnen nicht ansieht“, erklärt sie – und weiß, dass es oft auch Menschen in ihrem Umfeld so geht. Um ihre Kraft einzuteilen, habe ihr Gleitschirm-Tandempartner veranlasst, dass sie direkt in einer Gondel auf den Berg befördert wurde, ohne sich an der Warteschlange anstellen zu müssen. Der Gondelwärter jedoch, der sie einlassen sollte, fing vor allen Leuten mit ihr zu diskutieren an – und wollte sie nicht einlassen, da sie doch gar nicht behindert sei.

Flexibler dank Aktivrollstuhl

Ihr persönlicher Akku hält unterschiedlich lang, bevor er plötzlich aufhört. So kann es sein, dass sie sich morgens fit fühlt und sogar mit ihrem E-Bike zum Bäcker fährt oder an einem Sonntag mit ihrem Mann auf dem Fahrrad mal 15 Kilometer unterwegs ist. „Aber wir mussten da auch schon auf dem Rückweg unterwegs stoppen, und ich habe auf einer Bank eine halbe Stunde geschlafen, bevor ich es mit Mühe nach Hause geschafft habe.“

Tanja Haldenwanger war immer ein unternehmungslustiger Mensch, fuhr früher Motorrad, besuchte Hocks, Konzerte oder ihre Freundinnen. Seit Mai hat sie einen Aktivrollstuhl und kann vieles davon damit wieder machen. Für sie ist der Rollstuhl „wie ein Sechser im Lotto“, weil er sowohl elektrisch fährt als auch von Hand angetrieben – und vor allem, weil er sich darüber hinaus in eine Liegeposition einstellen lässt, die sie braucht, wenn plötzlich die „Fatigue“ zuschlägt. Den Rollstuhl jedoch auch bei Unternehmungen oder Besorgungen in Kuchen zu nutzen, fällt Tanja Haldenwanger immer noch extrem schwer, bekennt sie.